Sport : „Johansson habe ich nie in kurzen Hosen gesehen“

Fifa-Chef Joseph Blatter über die Präsidentenwahl bei der Uefa, den Kommerz im Fußball und die WM in Südafrika 2010

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Herr Blatter, wie oft spielen Sie Fußball?

Unsere Saison hat noch nicht begonnen. Wenn es Frühling wird, möchte ich hier am Fifa-Hauptquartier in Zürich zwei Mal in der Woche spielen. Sieben gegen sieben auf dem Kleinfeld.

Ein normaler Platz ist Ihnen zu groß?

Ich bin ja Mittelstürmer, da muss man viel rennen. Beim letzten Mal, das war vor drei Jahren, ging mir in der zweiten Halbzeit die Puste aus.

Würden Sie sich noch als Fußballer bezeichnen? Oder sind Sie nur noch Fußballfunktionär?

Ein Funktionär bin ich schon mal gar nicht, denn ein Funktionär muss funktionieren wie ein Beamter. Ich bin ein gewählter Anführer, ich führe die Fifa.

Ist Michel Platini noch ein Fußballer?

Er arbeitet bei uns im Fifa-Exekutivkomitee mit. Und er spielt regelmäßig bei meinem Turnier mit, das ich an den Quellen der Rhone ausrichte.

Am Freitag will sich Platini zum Chef des europäischen Verbandes Uefa wählen lassen. Sie haben ihn unterstützt mit der seltsamen Begründung, dass Sie sich einen Fußballer auf diesem Posten wünschen.

Ehemalige Fußballer, und das ist Platini ja wohl, sind wichtig in den Gremien des Weltfußballs. Denn sie lieben das Spiel, wollen es verändern. Sie kleben nicht aus Prestigegründen an Posten.

Und Lennart Johansson, der amtierende Uefa-Präsident, gegen den Platini antritt?

Mit dem habe ich jedenfalls noch nie auf dem Platz gestanden, ich habe ihn noch nicht in kurzen Hosen gesehen.

Ist das alles, was für Platini spricht?

Für ihn sprechen sein Enthusiasmus, seine Erfahrungen als Fußballer und WM-Organisator. Und seine Jugend.

Platini ist 51 Jahre alt, Johansson 26 Jahre älter. Sollte man sich mit 77 noch einmal zur Wahl stellen?

Das ist eine schwierige Frage für mich, weil ich ja auch schon die Zahl 7 auf dem Rücken habe.

Deshalb fragen wir ja.

Es gibt eine Grenze, an der man selbst merken muss, ob man noch die nötige Kraft, Zeit und Geduld aufbringt, einen Verband wie die Uefa oder die Fifa zu führen. Das Alter ist da nicht entscheidend.

Doch nicht? Sie wollen ja im Mai noch einmal als Fifa-Präsident antreten.

Ich fühle mich im Moment gut und begeisterungsfähig für neue Sachen.

In Deutschland hat gerade Edmund Stoiber den richtigen Zeitpunkt verpasst, von seinem Amt zurückzutreten. Haben Sie keine Angst, dass Sie diesen Moment verpassen?

Ich mache mir darüber Gedanken. Ein Abgang, wie Stoiber ihn jetzt erleben musste, ist schade. Er wäre fast Bundeskanzler geworden, und nun wird er durch die Hintertür rausgeschickt. Man kann daraus lernen, dass man Freunde braucht, die einem die Wahrheit sagen. Dann kann man ein paar Joker ziehen, wie im Fernsehen: einen Fifty-fifty-Joker, einen Telefonjoker und einen Publikumsjoker. Wenn ich alle gezogen habe und trotzdem merke, es geht nicht mehr, würde ich vor den Fifa-Kongress treten und sagen: Danke, Leute, auf Wiedersehen! Der Oberwalliser geht zurück in die Berge.

Bis dahin müssten Sie einen Nachfolger aufgebaut haben. Aber niemand ist in Sicht im Staate Blatter.

Ich werde mir etwas überlegen.

Halten wir fest: Sie fühlen sich bedeutend frischer als Lennart Johansson, obwohl Sie gerade mal sechs Jahre jünger sind?

Wieso sechs? Wenn ich richtig rechne, sind es fast sieben.

Das ist natürlich ein entscheidender Unterschied …

Schauen Sie, der entscheidende Unterschied ist, wie man sich fühlt. Wenn sich Lennart Johansson gut fühlt, soll er kandidieren. Er hat mich ja gefragt, ob er kandidieren soll. Da habe ich natürlich Ja gesagt. Was hätte ich sonst sagen sollen? Das ist doch seine Sache.

Herr Johansson sagt, Sie hätten ihm geraten anzutreten. Nun haben Sie sich plötzlich für Platini ausgesprochen, und Johansson fühlt sich übergangen.

Also hören Sie, ich fühle mich hier von Lennart Johansson etwas verschaukelt. Ich habe mit ihm zuletzt ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, jetzt redet er von Versprechen, die ich nie gegeben habe. Ich rate einfach jedem, der antreten will, zu.

Nach der Parteinahme für Platini hat man den Eindruck, dass Sie nicht neutral sind.

Ich habe mehr Sympathien für Michel Platini, dazu stehe ich. Aber ich nehme keinen Einfluss, sammle keine Stimmen.

Michel Platini will die Macht des Geldes im Fußball zurückdrängen. Geht das überhaupt?

Es kann im Fußball nicht nur darum gehen, grenzenlos Geld zu verdienen. Das Kaufen und Verkaufen angeblich fertiger Profis hat keine Zukunft, ausgebildete Spieler müssen in ihren Klubs eine Chance bekommen. Deshalb brauchen wir Quoten: zum Beispiel 6 inländische und 5 ausländische Spieler. Dann sinken die Etats der Klubs. Und die Identifikation des Publikums steigt.

Schöne Theorie. Aber die großen Klubs machen nicht mit.

Noch nicht. Wenn ich mit den Managern von Manchester und Arsenal spreche, sagen die mir: Die Fifa spinnt. Aber wir müssen auch an die Sheffields und Fulhams denken. Fußball hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Diese Aufgabe habe ich mir vorgenommen. Danach kann ich gehen.

Aber es war doch die Fifa, die bei der WM 2006 Pflichtenhefte und Marketingvorschriften zugunsten ihrer Sponsoren erfunden hat, um maximal Gewinn zu machen.

Wir erfinden keine Vorschriften und wollen den Gewinn nicht maximieren, sondern optimieren. Partner und Sponsoren dürfen für ihre Leistung einen Gegenwert und Schutz ihrer Rechte erwarten. Was noch wichtiger ist: Wir geben 70 Prozent der Einnahmen an die Basis zurück. So lange der Fußball diesen Stellenwert hat und unsere wirtschaftlichen Partner mitmachen, machen wir weiter so.

Klingt nicht nach gesellschaftlicher Verantwortung.

Wir sind bei der WM an Grenzen gestoßen, das stimmt. Das Empfinden der Leute gegenüber der Fifa war gestört. Sie dachten, dass sie wegen der Fifa bei der WM kein deutsches Bier mehr trinken dürften. Dabei gab es ja früh eine Einigung mit einer deutschen Brauerei. Aus dieser Erfahrung wollen wir lernen. Wir wollen kein Zirkus sein, der wie die Formel 1 von Land zu Land zieht, Geld verdient und wieder verschwindet.

In Südafrika sollen Handelsgesetze geändert werden, damit ihr Biersponsor Budweiser dort verkauft werden kann.

Davon weiß ich nichts. Es gibt keinen vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Fifa.

Was kann Südafrika von der deutschen WM lernen? In Südafrika sind manche Stadien nur mit Taxis zu erreichen.

Der Verkehr ist ein Problem, das es anzupacken gilt. Die Regierung weiß das und hat ein Infrastrukturprogramm aufgestellt. Zudem gibt es viele Hilfsangebote: aus Deutschland, Großbritannien, Asien. Manchmal muss ich schon sagen: Stopp, lasst auch mal die Afrikaner machen.

Glauben Sie, dass die WM 2010 stattfindet?

Die findet statt, und sie wird gut.

Einige Stadien gibt es nur als Modell.

In verschiedenen Städten sind die Totalunternehmer benannt, da geht es jetzt los. Ich reise im Februar nach Südafrika. Notfalls bringe ich eine Schaufel mit und helfe. Für den Confed-Cup 2009 braucht es nicht alle WM-Stadien. Jene, die dafür vorgesehen sind, werden fertig sein.

Wenn Sie eine afrikanische WM wollen, müssen Sie die Menschen in den Townships beteiligen.

Wir werden auch Tickets für Gruppen ärmerer Bevölkerungsschichten bereithalten. Für die Townships planen wir Public Viewing wie auf den deutschen Fanmeilen. Dort können die Menschen gemeinsam Fußball schauen, tanzen und feiern.

Glauben Sie, dass die Fifa mit der ersten WM in Afrika ihr schlechtes Image loswerden kann?

Solange jeden Tag auf der Fifa herumgehackt wird, haben wir keine Chance, unser Image zu ändern. Wir müssen das Humanitäre betonen, die Entwicklungshilfe.

Offenbar kommt Ihre Botschaft nicht an. Aus Angst vor Pfiffen haben Sie sich nicht getraut, nach dem WM-Finale in Berlin den Italienern den Pokal zu überreichen.

Das tut weh. Aber ich wollte nicht wiederholen, was bei der Eröffnung passiert ist. Da haben alle gepfiffen, als das Wort Fifa angesagt wurde. Dabei wurde nicht mal mein Name genannt.

Franz Beckenbauer wurde gefeiert. Er hatte kurz vor der WM die Grenzen des Geldverdienens angemahnt.

Wir sind dran an dieser Sache. Beckenbauer kommt jetzt in die Fifa-Exekutive. Mit Platini kann er dort Dinge bewegen. Aber solange ein Fußballklub Geld hat, einen Spieler zu bezahlen, können wir ihn nicht daran hindern. Schon wegen der Arbeitsgesetze wird es keine Gehaltsobergrenzen geben. Das Problem ist doch vielmehr, dass immer mehr Geld in den Fußball kommt von Investoren, die sich früher einen Reitstall geleistet haben. Heute ist es modern, sich einen Fußballklub zu kaufen. Die Frage ist nur …

… was passiert, wenn Gazprom wieder bei Schalke aussteigt?

... wo auch immer. Das kann schnell gehen. Da sagt die Frau eines Geldgebers eines Tages: Darling, lass uns lieber einen Eishockeyklub kaufen – und schon steht der alte Verein mit seinen teuren Spielern vor der Pleite. Deshalb müssen wir die Finanzströme im Fußball kontrollieren.

Ist es gesund für den Fußball, wenn ein Beckham nach Amerika geht, um 250 Millionen Dollar in fünf Jahren zu verdienen?

Zu den 250 Millionen sage ich nichts, ich habe die Verträge nicht gesehen. Abgesehen davon klatsche ich in die Hände. Der amerikanische Sport lebt von den Stars. Die brauchen Beckham als Zugpferd.

In den Siebzigern hat es mit Beckenbauer und Pelé auch nur zeitweise funktioniert.

Da wurde eine europäisch-südamerikanische Meisterschaft in den USA ausgetragen. Die Zuschauer haben gesehen, dass ältere Stars auf dem Platz rumlaufen.

Ist Beckham nicht auch ein älterer Star?

Er ist 31. Er mag vielleicht nicht der weltbeste Spieler sein, aber er ist ein charismatischer Mensch. Wenn er auf einem Platz steht, merkt man, dass er da ist, er ist nicht so introvertiert wie ein Zidane.

Wie sieht Fußball in 20 Jahren aus?

Ich bin seit 32 Jahren in der Fifa. In dieser Zeit hat sich nichts Wesentliches verändert. Die Spielregeln sind und bleiben einfach.

In Deutschland gibt es gerade eine Debatte um die Zukunft des Fußballs. Weil immer weniger Menschen in Vereinen spielen, hat DFB-Präsident Zwanziger vorgeschlagen, dass Amateurteams zu neunt spielen.

Fußball wird zu elft gespielt, das ist sakrosankt. Neun Leute auf einem Großfeld – da bin ich skeptisch. Wenn man nicht mehr genügend Leute hat, muss man eben neue werben. In Deutschland war doch gerade die WM. Da wundert es mich, dass man die Sportplätze nicht füllen kann. Was glauben Sie, was passiert wäre, wenn die Idee von mir gekommen wäre? Dann würde die ganze Welt darüber lachen.

Wie über Ihren jüngsten Vorschlag, bei WM-Finals das Elfmeterschießen abzuschaffen.

Fußball ist ein Mannschaftssport und sollte nicht durch die Leistung Einzelner entschieden werden. Ein Finale ohne Sieger kann zwei Tage später wiederholt werden.

Und was machen Sie, wenn das zweite Spiel auch unentschieden ausgeht?

Tja, das spricht natürlich dagegen.

Herr Blatter, wissen Sie noch, wie viel Geld Sie früher als Mittelstürmer beim FC Siders verdient haben?

Wir haben das Mittagessen bekommen. Und fünf Franken pro Spiel.

Das sind umgerechnet drei Euro.

Ja, ich war sehr stolz. Mein Verein hat mir auch die Fahrkarte von Lausanne nach Siders zum Training bezahlt und noch fünf Franken für ein Sandwich gegeben.

Und wie viel verdienen Sie heute?

Mit 65 wird man in der Schweiz pensioniert, bekommt vom Staat eine kleine Rente. Von der Fifa erhalte ich eine angemessene Entschädigung. Das bewegt sich in der Größenordnung von einer Million pro Jahr.

In welcher Währung?

Euro sind es nicht. Sie können sich eine Währung aussuchen.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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