John Anthony Brooks : Herthas nächster Boateng

Er hat sich hochgespielt und gilt von den Anlagen her als so talentiert wie der beste deutsche Verteidiger: Herthas junger Abwehrchef John Anthony Brooks.

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Der Mann mit den langen Beinen. John Anthony Brooks ist diesen Tagen die Konstante in Herthas Abwehr.
Der Mann mit den langen Beinen. John Anthony Brooks ist diesen Tagen die Konstante in Herthas Abwehr.Foto: Imago/Hardt

John Anthony Brooks fährt unter dem Tisch seine langen Beine aus. Sie ragen tief in den Raum. Einsdreiundneunzig brauchen Platz. Aber sie können auf dem Fußballfeld auch jede Menge Raum zustellen. Gut, sagt Herthas Trainer Pal Dardai, wenn man so einen Burschen in seinem Abwehrzentrum weiß. Erst recht, wenn ringsum die halbe Abwehrreihe durch weniger eingespieltes Personal ersetzt werden muss. So auch am Freitagabend, wenn die Berliner Borussia Mönchengladbach empfangen (20.30 Uhr).

John Anthony Brooks ist plötzlich die große Konstante in Herthas Abwehr. Vergangenen Sonntag, als Sebastian Langkamp und Marvin Plattenhardt auch schon ausfielen, klappte es nicht so gut. Hertha kassierte gegen Hoffenheim die zweite Saisonniederlage, am Freitag gegen Gladbach soll nun aber der fünfte Heimsieg im fünften Heimspiel her. Brooks soll als Abwehrchef die Kommandos geben. Links neben ihm spielen dann andere, etwa der erst 19 Jahre alte Maximilian Mittelstädt. „Ich übernehme mehr Verantwortung“, sagt Brooks, „wenn man in der letzten Kette steht, muss man auch mal den Mund aufmachen und seinen Neben- und Vorderleuten helfen.“

Doch ganz so plötzlich hat Brooks’ Entwicklung sich nicht vollzogen. Für Hertha zu spielen und zu führen, sei immer ein Traum gewesen, „auch wenn der Weg dahin nicht immer einfach war“, erzählt der inzwischen 23-Jährige. Berlin ist seine Geburtsstadt, über Blau-Weiß, den Lichtenrader BC und Hertha Zehlendorf landete Brooks vor bald zehn Jahren in der Nachwuchsabteilung von Hertha BSC. Beim Übertritt in den Männerbereich gab es auch Rückschläge. Sein früherer Trainer Jos Luhukay nahm ihn zweimal noch vor der Halbzeitpause aus dem Spiel – eine Art Höchststrafe im bezahlten Fußball. „Das war bitter, aber ein gewisses Wellental macht jeder durch“, sagt Brooks, der daran gewachsen ist.

Unter Luhukays Nachfolger Dardai spüre er „hundertprozentiges Vertrauen des Trainers“, auch wenn dieser nicht nur begeistert ist und Brooks auf Trab hält. „Wenn John hier eine Woche lang trainiert, ist er eine echte Verstärkung“, sagt Dardai, „wenn er aber manchmal nur einen Tag trainieren kann, ist es so ...“ Dardai spricht den Satz nicht zu Ende, das übernimmt seine Handfläche – sie schaukelt hin und her.

Der Ungar weiß um die seltene Kombination aus fußballerischem Talent und adonishafter Statur bei Brooks. Der Junge sei ein Versprechen auf die Zukunft, ein Juwel, an dem aber noch geschliffen werden müsse. Er zieht einen Vergleich zu Jerome Boateng, Brooks’ prominentem Vor-Vorgänger bei Hertha. Beide sind nicht nur gleich groß, verfügen über eine ähnliche Spielanlage und beinahe identischen Bewegungsablauf. Auch Boateng hatte in jungen Jahren immer mal wieder ein paar Lässigkeiten in sein Spiel gestreut. „Das mit dem Vergleich habe ich schon so oft gehört, da muss wohl was dran sein“, sagt Brooks. Und klar, er habe sich ein Stück weit etwas abgeguckt bei Boateng, „aber das ist jetzt vorbei“. Wirklich?

Brooks träumt von England, ist im Herzen aber Herthaner

Boateng ging über den Hamburger SV zu Manchester City, ehe dann beim FC Bayern die eigentliche Ausreifung einsetzte. Heute, mit 28, zählt Boateng zu den besten Innenverteidigern der Welt. Und auch Brooks träumt von England. „Ich habe immer gesagt, das es ein Traum von mir ist, aber ich habe nie gesagt, dass es sofort sein muss.“ Brooks schiebt seinen Körper aufrecht in den Stuhl. „Ich werde hier niemanden anlügen und bin dann in drei Monaten weg. Ich bin ehrlich, hier ist mein Zuhause, und es macht Spaß, für Hertha zu spielen.“

Neulich war Brooks in Havanna. Die Nationalelf der USA absolvierte ein erstes Freundschaftsspiel auf Kuba seit Ende des Zweites Weltkriegs. „Ein cooles Erlebnis“, sagt Brooks, der von der Herzlichkeit der Menschen angetan war. Seit 2013 durchläuft er in der US-Auswahl eine Art Parallelentwicklung. Er hatte sich seinerzeit gegen eine damals vielleicht noch nicht vorstellbare Karriere in der deutschen Nationalelf entschieden und für das Herkunftsland seines Vaters. „Für mich war das eine richtige Entscheidung, denn ich wusste nicht viel über mein Vaterland, ich habe die Kultur gelernt und bin jetzt stolz, für die USA zu spielen“, sagt Brooks. Wenn da bloß nicht die langen Flugreisen wären, „nicht gerade mein Hobby, aber alle drei Monate ist das okay“. Bei der Copa America in diesem Sommer erlebte er einen sportlichen Höhepunkt. Erst im Halbfinale gegen Argentinien kam das Aus. „Schon schade, aber es bringt dich einfach weiter, gegen Messi zu spielen“, sagt Brooks.

Mit Klinsmann spricht er natürlich deutsch - nur in der Kabine nicht

Gerade in den vergangenen drei Jahren hat Brooks dazugelernt, auch von Jürgen Klinsmann, dem US-Coach. Unter vier Augen sprechen sie Deutsch miteinander, in der Kabine gibt es nur Englisch. „Er ist ein super Motivator, er weiß ganz genau, an welchem Rad er drehen muss, damit es vorwärts geht.“

Inzwischen sind viele europäische Klubs auf Brooks aufmerksam geworden. Auch deshalb warb Hertha lange Zeit um eine Ausdehnung des Arbeitsverhältnisses. Anfang dieses Jahres wurde sein Vertrag bis 2019 verlängert, bei besserer Vergütung, aber ohne Ausstiegsklausel. Die lassen sich Spieler gern einbauen, damit sie den Verein, sollte ein großer anklopfen, geschmeidig verlassen können, gegen Zahlung einer festgeschriebenen Summe. Im Sommer war der FC Watford aus der Premier League interessiert und bereit, tief in die Tasche zu greifen. Von zwölf Millionen Euro war die Rede. Hertha war nicht interessiert, er wohl auch nicht, sagt Brooks und zieht seine Beine ein.

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