Sport : Jonglieren wie die Seehunde

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp geht als Meister und Star in die neue Spielzeit – sein eigener Coach lehrte ihn einst Bescheidenheit. Ein Besuch beim Großvater des Erfolges

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Klopp trifft Klopp. Der omnipräsente Trainerstar von Borussia Dortmund kann sich selbst manchmal nicht aus dem Weg gehen. Foto: dpa
Klopp trifft Klopp. Der omnipräsente Trainerstar von Borussia Dortmund kann sich selbst manchmal nicht aus dem Weg gehen....Foto: dpa

Wenn der Besucher das Ortsschild von Ergenzingen passiert und sein Auto abgestellt hat, kommen ihm am Gartentor Hunde, Kaninchen und zwei Ziegen entgegen. Hier, in diesem schwäbischen Idyll, wohnt Walter Baur, ein Mann, von dem Jürgen Klopp sagt, er habe ihm „ungeheuer viel zu verdanken”. Wahrscheinlich hätte Klopp, der sich hierzulande als Meistertrainer von Borussia Dortmund sowie als Fußballexperte für das ZDF und für RTL ungeheure Popularitätswerte erworben hat, ohne diesen kantigen Kerl eine ganz andere Entwicklung genommen und würde zum Bundesligaauftakt am Freitag gegen den Hamburger SV nicht als Trainerstar in die Saison gehen.

„Walter Baur hat mich in einer ganz wichtigen Phase geprägt”, sagt Klopp. Das ist fast 30 Jahre her, damals lebte der heute so omnipräsente Trainer noch im Schwarzwalddorf Glatten. Wer in dieser Region als Teenager im Fußball etwas werden wollte, der musste zum TuS Ergenzingen, der für die beste Nachwuchsarbeit bekannt war. „Ergenzingen, das war für uns so weit weg wie der FC Barcelona”, berichtet Klopp. „Wer von Walter Baur für gut genug befunden wurde, der hatte es geschafft.” Und deshalb empfand es der Teenager auch als ungeheure Ehre, dass der Trainer im heimischen Wohnzimmer saß und um ihn buhlte. Noch heute hegt Klopp den Verdacht, dass ihn der Klub nur deshalb holte, weil sein Vater auch den Fahrdienst für einen Spieler namens Jürgen Haug übernehmen sollte. Der war „ganz klar das größere Talent”, sagt Baur, „aber er blieb dann stehen, während Kloppo auf die Überholspur ging”. Auch, weil ihn sein Mentor förderte und forderte. „Dieser Mann hat eine unheimliche Empathie für junge Fußballer”, berichtet der einstige Zögling. Der Zuhörer kann sich lebhaft vorstellen, woher der 44-Jährige seine Begeisterungsfähigkeit hat. Ganz ähnlich klingen die Beschreibungen, wenn das Wirken des Trainers Klopp in Dortmund dargestellt wird.

Walter Baur, dieser eigenwillige Jugendtrainer, verlangte von seinen Spielern, eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn auf dem Platz zu sein. „Auf das Tor schießen war streng verboten”, erzählt Klopp. Stattdessen war jonglieren mit dem Ball angesagt, „nach einem halben Jahr hätten wir bei jeder Weihnachtsfeier als Seehund auftreten können“. Aufgemuckt hat niemand, „wir haben Walter Baur alle geliebt”, sagt Klopp, „wir wären für ihn 800 Mal um den Baum gelaufen.“ Auch diese Überzeugungskraft eint den Lehrmeister und seinen erfolgreichsten Schüler. Der marschierte schnell als Kapitän voran. „Wir hatten bestimmt fünf Leute, die mindestens genau so veranlagt waren“, sagt Baur. „Aber das ist nicht alles. Wenn Kloppo sich was in den Kopf gesetzt hatte, wurde das auch gemacht.” So wie Mitte der 80er beim heimischen Jugendturnier, als die Tschechen aus Ostrau die Ergenzinger im Finale nach allen Regeln der Kunst vorführten. Das 0:0 war überaus glücklich und Baur schlug vor, den Gästen im Elfmeterschießen den Sieg zu überlassen. „Trainer, spinnst Du jetzt total“, konterte Jürgen Klopp, „wir hauen denen jeden einzelnen Ball rein.“ Genau so, berichtet Walter Baur, sei es dann geschehen.

Der 61-Jährige kramt in einem Schuhkarton mit Erinnerungsstücken und fingert ein altes Schwarz-Weiß-Foto heraus, das Klopp mit einem abenteuerlichen Brillengestell und einem noch abenteuerlicheren Oberlippenbart zeigt. Mittlerweile hat sich das Outfit verändert und Klopp ist als Trainer ein Star. Den Kontakt zu Walter Baur hat er nie abreißen lassen. Die Dortmunder Meisterfeier hat der bodenständige Schwabe allerdings trotz Einladung verpasst, weil seine A-Jugend ein Spiel hatte. „Ich kann doch mein privates Vergnügen nicht über die Pflicht stellen.“ Der Weg ins Revier ist weit für einen, der am liebsten im Ländle bleibt.

Wenn Klopp anruft und ihn ins Stadion locken will, entgegnet Baur trocken: „Lass mal, wenn du mir dauernd Freikarten schickst, können die Dortmunder dein Gehalt nicht bezahlen.“ Und der Kontakt bleibt sowieso erhalten, weil der Jugendtrainer aus Klopps Heimat für den Deutschen Meister als Scout tätig ist: „Wenn Walter Baur sagt, da ist einer für Euch, brauche ich keine Sekunde nachzudenken“, sagt Jürgen Klopp. „Dann versuchen wir, diesen Spieler zu holen.”

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