Joseph Blatter : Der einsame Herrscher im Marmorpalast der Fifa

Das Fifa-Reich, das Joseph S. Blatter erfunden und groß gemacht hat, ist ein schmutziges, ein käufliches Reich. Seit Jahren steht der Schweizer an der Spitze des Fußball-Weltverbandes und hat darüber alle Freunde verloren. Ein Porträt aus immer wieder aktuellem Anlass.

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Die Welt, wie sie ihm gefällt. Joseph Blatter spaziert durch eine Papplandschaft, das war 2006 kurz vor dem Beginn der WM in Deutschland, die er unlängst verunglimpfte.
Die Welt, wie sie ihm gefällt. Joseph Blatter spaziert durch eine Papplandschaft, das war 2006 kurz vor dem Beginn der WM in...Foto: dpa

Es ist nicht die erste Korruptionsaffäre, die die Fifa erschüttert. Und es dürfte nicht die letzte sein, die die Macht von Joseph Blatter ins Wanken bringt (alle aktuellen Ereignisse lesen Sie hier im Ticker). Der Schweizer hat sich mit einem engen Geflecht die Macht im Weltfußball gesichert - mit weltumspannender Machtpolitik, dabei ist er eigentlich ein sensibler alter Mann. Robert Ide, lange Jahre Sportchef beim Tagesspiegel, hat Blatter viele Jahre begleitet. Sein Porträt von 2012, eine Nahaufnahme aus dem Machtzentrum der Fifa, bringen wir hier aus immer wieder aktuellem Anlass noch einmal.

Ob er einsam ist? Ob er in seinem Büro sitzt am mit Nappaleder bezogenen Schreibtisch und beim Unterschreiben auf prägniertem Briefpapier mal aus dem Fenster schaut, mit einem sehnenden Blick nach der weiten Welt, die er repräsentieren soll und die doch bei näherem Hinsehen nur die kleine schmierige Welt ist, in der er sich trickreich zu bewegen weiß wie der wendige Mittelstürmer, der er als Kind war? Ob er heute einmal hinunterfährt in die extra für ihn eingerichtete Kapelle – der Fahrstuhl in seiner Konzernzentrale erkennt seinen Fingerabdruck – und dann da unten sitzt, ein leises Lied singt und dabei sein Echo hört, immer nur sein eigenes Echo? Und ob es ihm dann so ergeht wie den anderen um ihn herum?

Hunderte arbeiten hier in diesem mit Stahlnetzgittern eingefassten Marmor- und Granitpalast auf dem Zürichberg, dessen höchster Punkt sein Büro ist, und alle hören allein auf ihn, hängen an seinen Lippen, die sechs Sprachen fließend sprechen, und an seinen Händen, die mit einem Füllfederstrich Millionenbeträge bewegen, sie alle warten auf das, was er als Nächstes tut. Und wenn er sich dann auf die Couch setzt und Kreuzworträtsel löst – Fußball-Weltverband mit vier Buchstaben: Fifa –, so dauert dieses Warten eine kleine Ewigkeit, und auf den Fluren unter seinem Büro flirren sie hektisch umher und rühren wartend Zucker, auf dessen Päckchen das Fifa-Emblem eingedruckt ist, mit Löffeln, in deren Metall das Fifa-Emblem eingraviert ist, in ihren Kaffee, der in einer Fifa-Tasse schwimmt, hier in der protzigen kleinen Fifa-Welt in der einzigen Fifa-Straße der großen weiten Welt. Und während die Limousinen im Parkhaus herunterkühlen und von draußen nur das Quietschen der Straßenbahn zu hören ist, die hier oben ihre Wendeschleife dreht, könnte einem dieser unerhörte Gedanke kommen: Wie wäre das, wenn er mal nichts täte, nichts schriebe, gar nichts sagte? Wie wäre das, wenn er nicht mehr hier wäre? Dann wäre einer der mächtigsten Menschen der Welt womöglich der einsamste. Denn Joseph S. Blatter, 76, sich selbst immer wieder beerbender Fifa-Präsident, teure Uhr, teure Brille, schweres Parfüm, manchmal zitternde Hände, hat keine Freunde. Das sagen alle, die es mal versucht haben.

Frühere Korruptionsaffären bei der Fifa - eine Chronik in Bildern

Die Korruptionsaffären der Fifa
15. Juli 2012: Joseph Blatter kontert die vor allem aus Deutschland kommende Kritik nach den bekannt gewordenen Schmiergeldzahlungen mit der Behauptung: Die WM-Vergabe an Deutschland 2006 war erkauft.Weitere Bilder anzeigen
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17.07.2012 19:0415. Juli 2012: Joseph Blatter kontert die vor allem aus Deutschland kommende Kritik nach den bekannt gewordenen...

Er hat seine Gefährten verloren an seine Verlobte, wie er sie nennt, mit einem Hauch zarter Hingabe und einem maliziösen Lächeln, das ihm innerlich wehtun müsste, denn seine Verlobte ist bloß die 108 Jahre alte Oma Fifa. Drei Ehen sind darüber zerbrochen. Aber das ist gerade sein geringstes Problem. Sein Lebenswerk steht öffentlich zur Verhandlung – 14 Jahre Fifa-Präsidentschaft; basieren sie nur auf schmierigem Geld und einem manchmal ins Schmierige abgleitenden Lächeln? Er hebt abwehrend die Arme auf einer dieser Pressekonferenzen, auf denen er sich nur selbst hören kann, und beteuert, er habe selbst niemals Geld genommen. Außer die Aufwandsentschädigung natürlich, die ihm zusteht: eine Million im Jahr, „die Währung können Sie sich aussuchen“.

Sein Reich ist käuflich. Das ist jetzt gerichtsfest festgestellt und aktenkundig. Mit mehr als Hundert Millionen (sie suchten sich die Währung Schweizer Franken aus) ließen sich die höchsten Funktionäre des Weltsports vom inzwischen bankrotten Fifa-Vermarkter ISL schmieren. Das war Mitte der 90er Jahre, und dass erst jetzt bewiesen worden ist, was draußen in der Nicht-Fifa-Welt sowieso alle zu wissen meinten, zeigt schon, wie hartleibig Blatter die Aufklärung zu verhindern vermocht hat. Blatters Vorgänger und langjähriger Ziehvater João Havelange – geschmiert mit umgerechnet mindestens 1,2 Millionen Euro. Brasiliens Fußballpate Ricardo Teixeira, der mal dachte, Blatter beerben zu können – geschmiert mit mindestens 10,5 Millionen Euro. Blatter hat das zumindest in einem Fall gewusst; Geld landete auf dem Fifa-Konto, was er schnell weiterleitete. „Mehr ist mir nicht bekannt“, sagt er jetzt vor der Weltpresse. Aber wer glaubt ihm das? Und an wen gingen die restlichen Abermillionen? Kann er das nicht wissen – er, der sonst alles weiß und nichts und niemandem etwas vergisst; will er es wissen?

Blatters Reaktion auf die Enthüllungen ist schrullig, schillernd, er würde denken schlau. Erst verteidigt er die erwiesene Korruption als Kleinstdelikt – was früher von der Steuer absetzbar war, kann nicht verwerflich gewesen sein. Nach einem Sturm der Entrüstung, vor allem in England und Deutschland, opfert er einen Freund. Havelange noch Ehrenpräsident? „Der muss weg.“ Als ihn ein Fußballfunktionär aus Deutschland anruft und zum Rücktritt auffordert (es handelt sich nicht um DFB-Präsident Wolfgang Niersbach oder das deutsche Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger, sondern lediglich um den Chef der Bundesliga, Reinhard Rauball), kriegt Blatter einen Wutanfall und keilt per Interview zurück, die deutsche WM 2006 sei gekauft gewesen. „Er hat die Fassung verloren“, sagt ein enger Vertrauter aus der Schweiz, „er will stark wirken, aber das zeigt nur, dass er tatsächlich angeschlagen ist.“ Zwei Tage und ein paar Drohanrufe aus dem Sommermärchenland später nimmt Blatter alles irgendwie ein bisschen zurück, der DFB stellt das Angriffsspiel umgehend ein. Blatter bleibt auf dem Feld. Hohe Funktionäre beim DFB zucken die Achseln: „Wer soll es sonst machen?“

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