Journalisten bei der EM : Was zwei Reporter in Frankreich erleben

Von Laissez-faire und französischer Lethargie, Wildschweinen auf dem Parkplatz und Vermietern, die durch Gästezimmer auf die Toilette gehen mussten: Die Erlebnisse von zwei 11 Freunde-Reportern in Frankreich.

von und Christoph Küppers
Die Vorbilder: Die Originalnasen Thomas Gottschalk und Mike Krüger. Foto: picture alliance / dpa
Die Vorbilder: Die Originalnasen Thomas Gottschalk und Mike Krüger.Foto: picture alliance / dpa

Marseille – Tour de Velodrome

Beim Spiel zwischen England und Russland holte ich meine Turnierakkreditierung ab und wollte dann zum Medieneingang. Die Zeit drängte etwas. Die Frau an der Akkreditierungsausgabe war aber die Ruhe selbst und sagte: „Kein Problem, Sie müssen einfach nur da vorne rechts rum. Könnte aber 15 Minuten dauern.“ Gesagt, getan. 15 Minuten später vorbei am Vip-Eingang, diversen Vorgärten und grölenden Engländern stand ich an einem Eingang. Dort war ein älterer Herr sichtlich überfordert mit der Medienakkreditierung, er rief hilfesuchend mehrere Kollegen herbei, die alle hektisch herumfuchtelten, als hätte ich mit einer mit Nägeln verzierten Keule um Einlass gebeten.

Der erste englischsprechende Steward wies mich freundlich darauf hin, dass ich auf die andere Seite des Stadions müsse. „Ten minutes“, gab er mir auf den Weg. Doch auch dieser sollte kein leichter sein. Vorbei an Vorgärten, grölenden Russen und kotzenden Engländern kam ich zum anderen Eingang, an dem ein Steward nur den Kopf schüttelte. Er deutete weiter in die Richtung ums Stadion, zehn Minuten nur entfernt, natürlich. Nach einer Dreiviertelstunde rund ums Velodrome kam ich schweißgebadet endlich zum richtigen Eingang des Medienzentrums. Er befand sich direkt hinter der Ausgabestelle für Akkreditierungen. Entweder wollte die Frau mir die Gegend näherbringen – oder sie hasst einfach nur deutsche Journalisten.

Flughafen Marseille – Die Mietwagen- Posse

Gleich zu Beginn unserer vierwöchigen Tour de France bekamen wir das ganze Organisationstalent Frankreichs zu spüren. Flughafen Marseille, Mietwagenschalter: Zwei lethargische Franzosen bearbeiteten die Wünsche ihrer Kunden in Super-Zeitlupe. Das Prinzip: Ein Kunde, zwei Kaffee, ein Kunde, eine Pause. Dabei verbreiteten die Angestellten allerdings so gute Laune, dass wir unseren Ärger fast schon wieder vergaßen. Eine der Angestellten trug stilecht ein „I love Mallorca“-Armband.

Nach zwei Stunden Schlangestehen begrüßte uns unser Sachbearbeiter Francois so begeistert, als seien gerade die ersten Kunden seit Monaten zur Türe hereingekommen. Netter Plausch, dann flockige Unterschrift von gefühlt zwölf Verträgen. Nach einer weiteren halben Stunde bemerkten wir am Wagen, dass uns der gutgelaunte Francois den falschen Wagen gegeben hatte, nämlich einen klapprigen Ford Fiesta. Also den ganzen Spaß wieder von vorne. Als wir wieder in den Mietwagenhalle kamen, gab Francois uns einfach irgendeinen Autoschlüssel. So bekamen wir einen geräumigen Wagen und obendrein einige Extras dazu: Fünftürer, Rückfahr-Kamera, integriertes Navi, USB-Anschluss. Das Glück ist dann doch mit die Dummen.

Saint Etienne – Der Parkuhren-Kampf

Wir hätten es nie gedacht, aber zur ersten großen Verzweiflung brachte uns: ein Parkuhren-Automat. Nach vierstündiger Fahrt von Marseille nach St. Etienne wollten wir nur noch in unsere Mietwohnung. Absprache: „Einer lädt aus, der andere geht schon einmal zum Automaten und zieht ein Ticket.“ Von wegen!

Schon fünf Minuten später standen zwei Reporter in bester deutscher Touristen-Manier stirnrunzelnd vor dem Parkautomaten. Dazu muss man wissen, dass die Automaten in Frankreich mit einer vollständigen computerähnlichen Tastatur ausgestattet sind, was die Sache nicht vereinfacht. Also tippten wir eine geschlagene halbe Stunde Zahlen und Buchstaben in den Automaten. Selbst herbeigeeilte Bewohner St. Étiennes konnten uns nur bedingt helfen. Irgendwann gelang uns der Durchbruch mit irgendeiner Tastenkombination – ein Parkticket, Hallelujah. Und unser Gefühl, eine Art Endgegner besiegt zu haben. Am zweiten Tag in Frankreich. Zumindest bis Ende des Tickets am nächsten Morgen um 11 Uhr.

Selfie auf dem Parkplatz. Das war einfach, nur mit den Parkautomaten war es dann weniger einfach für Christoph Küppers (li.) und Ron Ulrich. Fotos: C. Küppers
Selfie auf dem Parkplatz. Das war einfach, nur mit den Parkautomaten war es dann weniger einfach für Christoph Küppers (li.) und...Fotos: C. Küppers

Lyon – Ein Mann vom Schließ-Fach

Wie oft haben wir uns über die Behäbigkeit der Franzosen aufgeregt? Laissez- faire schön und gut, aber wenn man sich bei den Abfahrtszeiten der Züge schon nach der Deutschen Bahn sehnt, dann ist das wahrlich kein gutes Zeichen. Es wurde interessant, wie die Franzosen mit der Uefa zurecht kommen würden. Die Organisation schaut zwar bei Verfehlungen aus den eigenen Reihen gekonnt weg, bei den Regeln für die Besucher eines Fußballspiels aber mimt sie oft den kompromisslosen Richter.

So stellte die Uefa zwei Regeln im Medienbereich auf. 1. Die Schließfächer werden in der Nacht nach dem Spiel geleert. Sehen Sie zu, dass Sie Ihre persönlichen Gegenstände nicht vergessen! 2. Sie müssen Ihre Akkreditierung 90 Minuten vor Anpfiff abholen, sonst verfällt diese. An die erste Regel erinnerte ich mich, als ich den Rucksack mit Equipment im Schließfach des Lyoner Stadions vergessen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass es mir gegen ein Uhr nachts einfiel. Und noch erschwerender, dass wir uns da im 80 Kilometer entfernten Saint-Etienne befanden. Nach einer kurzen Nacht bretterte ich also zurück nach Lyon, hetzte gegen 11 Uhr zum Schließfach und sah erleichtert, dass das Schließfach noch geschlossen war. Kein Franzose hatte sich auch nur ansatzweise darum gekümmert, es war noch zu früh.

Auch bei den Zeiten für die Akkreditierungen drückten die Gastgeber beide Augen zu. 90 Minuten vor Anpfiff pünktlich irgendwo auftauchen – das war auch ihrer Meinung nach unsinnig. 15 Minuten reichten da auch. Also: Ein Hoch auf die Behäbigkeit der Franzosen!

Bordeaux – Zieh schnell das Ticket, da ist ein Wildschwein

Unseren ersten freien Nachmittag verbrachten wir an einem Strand nahe Bordeaux. Unser einziger Ausflug ins Wasser endete jedoch abrupt. Wir sahen von weitem, wie eine Welle unsere Rucksäcke und unsere Kleidung die Dünen hochspülte. Keine einzige Welle an keinem anderen Strandplatz war an diesem Nachmittag so weit gekommen. So amüsierten sich die Umliegenden köstlich, als wir zuerst mit einem Dieter-Baumann-Sprint aus dem Wasser starteten und dann bedröppelt unsere tropfenden Shirts und Portemonnaies in den Händen hielten.

Es war Nacht, als wir halbwegs trocken im Auto saßen und den fast leeren Parkplatz verlassen wollten. Der Kollege stieg kurz aus, um das Ticket zu zahlen, was aber bei französischen Automaten nun einmal sehr zeitintensiv werden kann (siehe oben). Nach etwa acht Minuten rief ich ihm durch das offene Autofenster zu, dass ich ihn nicht beunruhigen wolle, aber ziemlich sicher in seiner Nähe ein Wildschwein stehe. Natürlich glaubte er mir nicht – wer erwartet schon Wildschweine an den Stränden von Bordeaux?

Erst ein genauerer Blick in die von mir angedeutete Richtung überzeugte ihn dann doch relativ schnell. Das Parkticket lösten wir dann mithilfe des Hotline-Buttons am Gerät. Ein über Lautsprecher zugeschalteter Angestellter hörte von uns nur einige Brocken Französisch gepaart mit deutschen Schimpfwörtern, aber er schien die Botschaft verstanden zu haben, uns VERDAMMT NOCH MAL MERDE hier rauszulassen. Die Schranke ging hoch – und wir mussten nicht mal bezahlen.

Überall – Die Vermieter

Wer vier Wochen während eines Fußballturniers durch Frankreich tourt, lernt die lustigsten Menschen kennen. Waliser, Nordiren, Isländer – und Wohnungs-Vermieter! Die sind – wie wir nun gelernt haben – eine ganz besondere Spezies. In der Hälfte unserer besuchten Städte lernten wir die Besitzer unserer Mietwohnungen gar nicht erst kennen. Plötzliche Umstände (Termine, Eltern, familiäre Probleme) verhinderten fünfmal ein persönliches Treffen. Jeder Sechstklässler wäre stolz auf dieses Repertoire an Ausreden. In uns ließ die Abstinenz der Vermieter hingegen die Vermutung reifen, dass es besagte Personen wahrscheinlich gar nicht gibt.

Die wenigen Vermieter, die wir kennenlernen durften, waren dann auf ihre Art speziell. Bei Lyon beantwortete eine Person mit deutschem Sprachschatz jede unserer bisher erlebten EM-Geschichten mit dem Ausruf „Echt? Mensch geeeeiiil!“ Das Wort „geil“ haben wir seither gemieden. In Bordeaux hingegen wollten die Vermieter ihrer Katze partout nicht verbieten, auf unserem Bett rumzuturnen. Erst die Hinweise auf unser technisches Equipment ließ das junge Pärchen einlenken.

Nicht weniger schlimm: Die Vermieterin in selbiger Wohnung lag tagelang im abgedunkelten Wohnzimmer auf dem Sofa, ohne ein Wort mit uns zu wechseln. Was sie und ihr Freund neben der Katze noch verschwiegen hatten: Es gab nur ein Badezimmer und auf dem Weg dorthin mussten alle Bewohner durch unser Zimmer. Wir entschlossen uns dann, eher wenig Zeit daheim zu verbringen.

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