Sport : Juan Pablo Montoya: Ein freundlicher Rambo

Hartmut Moheit

"Ein Verrückter, ein Verrückter ist unter uns!" Ayrton Senna schrie das heraus, als er 1992 bei Testfahrten auf dem Hockenheimring seinen McLaren abgestellt hatte. Kurz zuvor war ein 23-Jähriger im Benetton dem berühmten Brasilianer respektlos vor das Auto gefahren: Michael Schumacher. Der Fortgang dieser Geschichte ist bekannt: Senna galt bis zu seinem tödlichen Unfall 1994 in Imola als die Lichtgestalt in der Formel 1, dann wurde er von eben jenem Schumacher beerbt. Seitdem verfügte kein anderer Fahrer in der Vollgas-Szene über seine Klasse, den Mut, den Speed und die Kaltschnäuzigkeit, um für den Ferraristar und dreimaligen Weltmeister auf längere Sicht eine Gefahr darstellen zu können. Auch Jacques Villeneuve oder Mika Häkkinen nicht, obwohl sie Weltmeister waren. Zum Status einer Ausnahmeerscheinung, den Senna und Schumacher besitzen, brachten sie es dennoch nicht. "Eines Tages wird irgendwo ein junger Fahrer auftauchen, der besser sein wird als ich", sagt Michael Schumacher deshalb seit zwei Jahren ...

Seit dem Grand Prix in Sao Paulo sind viele davon überzeugt, dass dieser Fahrer nunmehr gefunden sei: Juan Pablo Montoya. Mit einem einzigen Überholmanöver gegen Schumacher, als dieser vor der Wahl stand, das entweder zu akzeptieren oder gemeinsam mit dem 25-jährigen Kolumbianer im Kiesbett zu landen, verschaffte er sich dieses Image. Und hätte Montoya, der anschließend 36 Runden lang geführt hatte, nicht den Rammstoß durch den Holländer Jos Verstappen versetzt bekommen, seine vollmundige Ankündigung zu Saisonbeginn wäre wohl zur Realität geworden. "Ich bin in die Formel 1 gekommen, um zu gewinnen", hatte der Neuling im BMW-Williams mitgeteilt, was selbst seinen Teamkollegen Ralf Schumacher zu kritischen Kommentaren veranlasste. "Na und", konterte Montoya, "wenn wir keine guten Teamkollegen werden, dann habe ich auch kein Problem."

Montoya, der 1999 als jüngster Sieger in die Geschichte der US-Cart-Serie eingegangen war und in der vorigen Saison als Gastfahrer das berühmte Indy-500-Rennen gewann, scherte sich nicht darum. Auch der ihm vorauseilende Ruf, mit unerträglicher Arroganz den Leuten zu begegnen, dürfte nach Sao Paulo verhallen. Wie Montoya das Ausscheiden hinnahm, ohne Angriffe gegen Verstappen, aber dafür mit freundlichem Winken zu den Fans, das brachte ihm viel Lob ein. Dem eigentlich selbstbewussten Ellenbogentyp, dem freundlichen Rambo, der seine Lehrjahre in den USA auch in der Selbstdarstellung klug genutzt hat.

Gerhard Berger, ehemaliger Formel-1-Fahrer und heutiger BMW-Motorsportchef, traut Montoya zu, dass er bereits in dieser Saison ganz oben auf dem Siegerpodest stehen kann. "Mich erinnert Juan Pablo immer an Mike Tyson, weil er brutal in Lücken hineinstößt, bevor sie sich noch auftun", beschrieb ihn der Österreicher bereits lange vor Sao Paulo. Am kommenden Sonntag zum Beispiel, beim vierten WM-Lauf der Saison in Imola, könnten die BMW-Williams erneut in die Phalanx von Ferrari und McLaren-Mercedes einbrechen. Was Montoya dazu zu sagen hat, kann als klare Kampfansage verstanden werden: "Ich glaube nicht, dass ich besser bin als andere in der Formel 1. Aber auch nicht schlechter." Auch Weltmeister Michael Schumacher weiß jedenfalls jetzt, was auf ihn zukommen kann. Montoya ist ein Fahrer, der ihn letztlich in die Rente treiben könnte.

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