Sport : Jubel ohne Begeisterung

Mit ein wenig Glück und fremder Hilfe erreicht Hertha das Minimalziel, einen Platz im Uefa-Cup

Michael Rosentritt

Berlin. Eine Viertelstunde vor dem Schlusspfiff ergriff Dieter Hoeneß die Initiative. Herthas Manager wusste, dass die Konkurrenz für Hertha spielte, nur Hertha selbst war drauf und dran, das Spiel und die knappe 1:0-Führung gegen ein willenloses Team aus Kaiserslautern aus der Hand zu geben. Es wäre schon sehr peinlich gewesen, wenn die Berliner den eigenen, kleinen Beitrag zum Erreichen des Uefa-Cup-Platzes nicht hätten einbringen können. Hertha wirkte in dieser wichtigen Phase nervös, fast schon ängstlich. Also wies Hoeneß den Herren von der Stadionregie an, nun doch den Zwischenstand des Spiels zwischen Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bremen auf der Anzeigetafel einzublenden. Herthas Rivale Werder Bremen lag nämlich aussichtslos hinten. Das würde für prächtige Stimmung auf den Rängen sorgen und die Mannschaft noch einmal mutig machen. Und: Es half. Nando Rafael schoss sein zweites Tor. Der Rest ging im Jubel unter.

Hertha BSC hat am letzten Spieltag der Saison noch einmal die Kurve gekriegt und sich zum fünften Mal hintereinander für den Europapokal qualifiziert. „Das verdient Respekt“, sagte Dieter Hoeneß, und es klang dabei mehr Erleichterung denn Zufriedenheit durch. Denn „es war in diesem Jahr so leicht wie selten zuvor, einen besseren Tabellenplatz zu belegen“ – und sich womöglich für die Champions League zu qualifizieren. Das werden die 50 000 Besucher im Olympiastadion auch so gesehen haben. Zwar wurden sie vom Stadionsprecher aufgefordert, doch bitte schön aufzustehen und für die restlichen fünf Minuten den Blau-Weißen ihre Ehre zu erweisen. Das taten die meisten dann auch – um sich kaum eine Minute später wieder auf ihren Plätzen niederzulassen. Die Menschen im Stadion werden sich ihre Gedanken gemacht haben und dürften schließlich zu dem Schluss gekommen sein, dass es – bei aller Liebe – doch nicht ganz so doll war, was Hertha in den 34 Saisonspielen abgeliefert hat. Letztlich hat Hertha das Minimalziel mit etwas Dusel und fremder Hilfe erreicht.

Es sprach für die Spieler, dass sie nicht in übertriebene Gesten verfielen. Die verkürzte Ehrenrunde fiel vergleichsweise sachlich aus. Die Spieler warfen zum Dank ein paar Kusshändchen in den Fanblock. Und hinterher trabte Dieter Hoeneß, der wahlweise in den Rang winkte oder vor sich hin klatschte. Er wird nicht überhört haben, dass, obwohl verdiente Spieler wie Preetz, Sverrisson, Tretschok und Maas verabschiedet wurden, nur ein Name von den Fans skandiert worden war – „Paule Beinlich, Paule Beinlich!“ Mit dem Mittelfeldspieler, der wie kein anderer zur Identifikationsfigur taugte, hatte Hoeneß erst vier Wochen vor dem Saisonende über die Zukunft reden wollen. Stefan Beinlich hatte das als Fingerzeig gewertet und sich für ein Engagement beim Hamburger SV entschieden.

„Wir haben unser Ziel erreicht, aber mit der Saison können wir nicht zufrieden sein“, sagte Trainer Huub Stevens. Vor allem an seiner Vergangenheit als Trainer von Schalke 04 reibt sich der Anhang der Berliner hartnäckig. „Richtig, wir müssen noch einige Vorbehalte der Fans abstellen“, sagte Hoeneß und verwies auf entsprechende Gespräche, die er vor wenigen Tagen mit Vertretern einiger Fanklubs geführt hatte.

Die Spieler selbst waren eine Stunde nach dem Spiel mit anderen Themen beschäftigt. Gabor Kiraly ließ sich vom Töchterchen in Fingerspiele verwickeln, Marcelinho unterhielt seinen Clan. Huub Stevens aber hatte noch immer das fix angefertigte weiße Trikot an, dass die Spieler auf der Ehrenrunde in die Menge geschleudert hatten. „Uefa-Cup 2003“ war auf Brusthöhe zu lesen. 2003? Dieses Datum enthält eine zurückhaltende Botschaft. Vielleicht ist Hertha in diesem Wettbewerb nach dem Winter ja auch nicht mehr vertreten. In zwei von drei Fällen war es jedenfalls so. Manager Dieter Hoeneß konnte befreit auflachen und sagen: „Ich habe diesen Aufdruck nicht gemacht.“

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