Sport : Jubeln ist Pflicht

Die Zukunft des Berliner Sechstagerennens liegt im guten Willen und in den schnellen Beinen der Fahrer

Hartmut Moheit

Berlin. Es war Otto Ziege, der sich die Fahrer noch einmal vorgenommen hat. „Ihr müsst mehr Emotionen zeigen. Es kann doch nicht so schwer sein, nach einem Siegsprint die Arme hochzureißen und sich dann von den Fans feiern zu lassen“, forderte er sie vor der letzten Nacht beim 93. Berliner Sechstagerennen nachdrücklich auf. Wenn der 78-Jährige so etwas sagt, als Sportlicher Leiter, hinterlässt das Wirkung. Aus Ziege spricht die Erfahrung von 60 Sixdays, die er seit 1958 in dieser Funktion maßgeblich mitgestaltet hat. Die Stimmung bei einem Sechstagerennen ist alles und „dafür sind die Fahrer vor allem selbst verantwortlich“. Mit ihrer Einstellung steht und fällt die Zukunft dieser Veranstaltung im Velodrom.

Patrick Sercu, mit 88 Siegen noch auf lange Sicht der erfolgreichste Sechstagefahrer, sieht das genauso: „Es sind die Fahrer, die sich ändern, nicht die Veranstaltungen.“ Nach Auffassung des Belgiers haben die „Veranstalter von Sixdays nur ganz wenige Möglichkeiten, in Zukunft etwas zu ändern“. Dieser Meinung ist auch Henrik Elmgreen, der seit 25 Jahren das Sechstagerennen in Kopenhagen veranstaltet. „In Berlin erleben wir tausendprozentig das, was wir uns einmal erträumt haben – Spitzensport, Stimmung und Show.“ Die Gefahr, dass sich das Berliner Sechstagerennen bald wegen des nahezu selben Ablaufs totlaufen könnte, sehen beide deshalb nicht. Schließlich wurde diesmal der 500 000. Besucher im Velodrom an der Landsberger Allee seit der Wiederbelebung des Rennens 1997 empfangen.

Für Sechstage-Chef Heinz Seesing liegt die Herausforderung darin, die traditionelle Veranstaltung jedes Jahr wirtschaftlich abzusichern. „Da müssen wir ständig Neues entwickeln, denn wir dürfen unser Niveau nicht verlieren. Wenn es uns weiterhin gelingt, die Eintrittspreise gleich zu halten und auch nicht das Fahrerfeld aus Kostengründen zu reduzieren, dann sind wir auf der sicheren Seite“, betont er. Am Programm wird sich weiterhin in Berlin nichts ändern. Nur, dass es wieder einmal im Rahmenprogramm Frauenrennen geben könnte, möchte Seesing nicht total ausschließen.

Von Dreier-Teams, wie sie in diesem Jahr in Stuttgart am Start waren, hält er absolut nichts: „Dafür ist die Bahn zu kurz, die Zuschauer würden die Übersicht verlieren.“ Das ist Seesings Auffassung, die auch Otto Ziege vertritt, aber die Fahrer könnten sich das schon vorstellen. „Ich finde Dreier- Teams gut, denn es laufen dadurch viel mehr Abwechslungen und so spart man einiges an Kraft “, sagt Gerd Dörich aus Sindelfingen. In seinem 128. Sechstagerennen gehörte er in Stuttgart zum ersten Mal einer Sieger-Mannschaft an.

Dörich gehört zu den Profis, die ohnehin etwas für die Fans tun. Als Anführer einer Fahrerschlange bringt er sie mit den so genannten Laola-Runden vor jedem Rennabend in Laune. Ein weiterer Show-Man in Berlin ist Sprinter Jens Fiedler. Seine Begründung dafür ist einfach: „Wenn ich auf der Straße fahre, sieht mich der Zuschauer einmal und geht nach Hause. In der Halle aber, da fahre ich zigmal vorbei, und er möchte von mir die ganze Veranstaltung über unterhalten werden.“ Umgekehrt erwarten die Fahrer, dass die Fans sie für jede spektakuläre Aktion anfeuern. Robert Bartko jedenfalls hat es mit ihrer Hilfe bei den Finaljagden „Gänsehaut auf den Rücken“ getrieben.

Bartko und seinem Partner Guido Fulst galt der Appell von Otto Ziege auch nicht. Er sprach eher die jüngeren Fahrer an – die Zukunft des Berliner Sechstagerennens.

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