Sport : Jubeln und schweigen

Unaufhaltsam stürmt Werder Bremen Richtung Meisterschaft – und weigert sich standhaft, davon zu reden

Oliver Trust

Stuttgart. Es sind ungewöhnliche Bilder, die da in den Berichten aus Bremen hinaus ins Land transportiert werden. In den Friseursalons werden jedem Willigen die Haare grün gefärbt, kostenlos. Neben den Gartenhäuschen in den Schrebergärten hängen grün-weiße Nistkästen, und die Kneipenbesitzer stehen für eine uneingeschränkte Schankerlaubnis für die Nächte des 23. und 30. Mai Schlange – es sind die Nächte nach dem letzten Bundesligaspieltag und nach dem Pokalfinale.

Nun passt ausgerechnet der Trainer des Spitzenreiters und ersten Anwärters auf den Titel so gar nicht in die Woge der Begeisterung der erwartungsvollen Region. Thomas Schaaf steht nach dem 4:4 beim VfB Stuttgart da als sei er besonders gelangweilt. Um ihn herum jauchzen Zuschauer und Funktionäre, berauscht von einem Fest des Offensivfußballs. Was Thomas Schaaf zu erzählen hat, klingt dagegen nur nüchtern: „Ihr wollt immer große Dinger von mir hören – aber nee, tut mir leid, heute nicht.“ Er kann sich mit nun neun Punkten Vorsprung auf Verfolger Bayern München und 14 auf den VfB Stuttgart allenfalls Folgendes abringen: „Wir konzentrieren uns auf den Augenblick. Der zeigt uns, die Mannschaft funktioniert wunderbar und hat Spaß. Wir haben heute wieder nicht verloren.“

Der Mann bleibt standhaft und ignoriert den herannahenden Triumph und sogar die schweren Vorwürfe der Konkurrenz aus Stuttgart, die sich über schwere Fehler von Schiedsrichter Herbert Fandel aus Kyllburg aufregt. „Am liebsten möchte man ihm an die Gurgel gehen“, sagte Stuttgarts Torwart Timo Hildebrand. Als Fandel später im Übertragungswagen des Südwestrundfunks saß und die Bilder von Reinkes Handspiel außerhalb des Strafraums sowie die Abseitsstellung von Klasnic beim 2:2 präsentiert bekam, legte er ein umfassendes Geständnis ab. „Es sieht nach zwei Fehlentscheidungen aus“, sagte Fandel gereizt. „Aber wir haben im Spiel keine Bilder in Zeitlupe zur Verfügung.“ Zu dem Zeitpunkt war der verhinderte Nationalspieler Katars, Ailton, schon in seinen Nadelstreifenanzug geschlüpft und raunte bei schnellem Schritt: „Das 4:4 hat uns der Meisterschaft näher gebracht, es wird immer konkreter.“ Und Werders Manager Klaus Allofs gab verklausuliert Bremer Siegesgewissheit wieder. „Wir sind noch nicht Meister, aber wenn die Mannschaft so spielt wie in den letzten Wochen, und es gibt keinen Grund anzunehmen sie tut das nicht weiter, wird es schwer uns da oben runter zu holen“, sagte Allofs. Kein Bremer möchte sich der Gefahr aussetzen am Ende als Depp der Nation dazustehen, obwohl die Norddeutschen mit dem Pokalfinale gegen Aachen sogar die Chance auf zwei Titel haben. „Von mir hören sie nur, dass wir einen großen Schritt weiter sind“, sagte Allofs.

Das wollte Stuttgarts Trainer Felix Magath von sich und seinem Klub nicht behaupten. Er klagte über die magere Ausbeute von nur einem Punkt nach einem „klasse Spiel“ und setzte seine Schiedsrichterschelte fort: „Ich würde mir wünschen, dass Schiedsrichter für ihre Fehler genauso bestraft werden wie Trainer.“ Wie Magath konnte sich auch der Marcelo Bordon, der beste Stuttgarter an diesem Tag, trotz seiner drei Tore nicht richtig freuen. „Das ist mir noch nie gelungen, aber wir wollten drei Punkte“, sagte der Brasilianer und berichtete vom munteren Zwiegespräch mit Landsmann Ailton, der Treffer 23 und 24 erzielt hatte: „Er hat mich wegen meiner drei Tore gefragt, was ich gegessen habe.“ Mit dem Thema Nahrungsaufnahme aber war Ailtons Wissensdurst noch nicht gestillt. „Ach", sagte Bordon, als handle es sich um ein völlig nebensächliches Thema, „er hat mich auch gefragt, wann ich nach Schalke komme.“ Ailton wechselt bekanntlich zur kommenden Saison nach Schalke. Bordon besitzt in Stuttgart zwar einen Vertrag bis Juni 2005, jeden Tag aber rechnen die Schwaben mit einem Telefonanruf und der konkreten Frage aus Gelsenkirchen, ob Bordon schon im Sommer 2004 zu verpflichten wäre. Offenbar steht schon eine genaue Summe fest, für die Bordon vorzeitig gehen könnte, wenn Stuttgart die Champions League verpasst und frisches Kapital benötigt. Es soll eine höhere Millionensumme sein.

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