Jubiläum : Die Hertha: Auferstanden aus Ruinen

Am Samstag vor 60 Jahren unterzeichnete Louise Schröder die Urkunde zur Wiederzulassung von Hertha BSC.

Daniel Koerfer

Am Ende des Krieges schließt sich auch im Berliner Bezirk Wedding ein Kreis. Er wird wieder rot. Das von der sowjetischen Militärverwaltung eingesetzte erste Bezirksamt, das von Juni 1945 bis zu den Kommunalwahlen im Dezember 1946 amtiert, ist stramm linientreu und von der KPD dominiert. Für deren Funktionäre ist Hertha BSC ein braunes Tuch. Also wird alles unternommen, um diesem Verein endgültig und dauerhaft das Lebenslicht auszupusten. Dazu wird nach der Enteignung der Grundstücke des Stadions und Trainingsgeländes auch der Name Hertha BSC verboten.

Doch die Berliner sind ein findiges Völkchen. Sie wissen: Um ein Ziel zu erreichen, muss man manchmal Umwege gehen. Bei den Herthanern jener Jahre war das nicht anders. Sie wollten zunächst vor allem eines: wieder Fußball spielen. Schon Ende Mai 1945 war damit begonnen worden, die Krater im Stadion an der Plumpe zuzuschaufeln und anschließend die entstandenen zahlreichen kleinen Hügel festzuklopfen. Die Arbeit wurde von Spielern und Vereinsmitgliedern gemeinsam erledigt und – da es harte körperliche Arbeit war – mit zusätzlichen Lebensmittelkarten vom Magistrat des Bezirks honoriert. Als man auf Seiten der sowjetischen Besatzungsmacht allerdings dahinter kam, dass die Maulwurfsarbeit auf der großen Rasenfläche von Mitgliedern des verbotenen Klubs durchgeführt wurde, mussten die Arbeiten unverzüglich eingestellt werden.

Da die Alliierten in allen vier Sektoren eine sportliche Ertüchtigung ein Jahr nach dem Ende der Kampfhandlungen allmählich aber doch wieder für durchaus sinnvoll zu halten begannen, besonders bei den nun immer zahlreicher aus der Gefangenschaft heimkehrenden jungen Männern, wurden 1946 in Berlin immerhin Sportgruppen auf bezirklicher Ebene zugelassen. Eine ganze Reihe ehemaliger Herthaner fanden sich in der „Kommunalsportgruppe Gesundbrunnen“ zusammen, die bald darauf in „Sportgemeinschaft Gesundbrunnen“ umbenannt wurde.

Die Spieler unternahmen bald schon weite Reisen ins Umland von Berlin und verbanden das Fußballspielen in den ländlichen Regionen geschickt mit dem Organisieren von Nahrungsmitteln. Da sie von Anfang an einen guten Ruf genossen und sich unter der Hand als die „heimliche Hertha“ zu verkaufen wussten, bekamen sie in jener entbehrungsreichen Nachkriegszeit bei ihren Reisen zu Freundschaftsspielen in Thüringen und Sachsen immer wieder kostbare Naturalien wie Butter, Eier, Mehl, Brot, Kartoffeln, Speck und anderes mehr zugesteckt. Auf Plakaten war nie von der SG Gesundbrunnen die Rede, sondern stets werbewirksamer trotz aller Verbote von Hertha BSC oder – vorsichtiger und bombastischer zugleich – schlichtweg von „2 x Deutscher Meister!“.

Aus dieser Zeit der Nahrungsmittelrequirierung datieren auch die Kontakte in Richtung Dresden, die den zusammen mit Mannschaftskameraden aus der DDR flüchtenden Spieler Helmut Schön im Jahr 1950 zu Hertha führen sollten, eben jenen Helmut Schön, der später als Bundestrainer 1974 mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller den zweiten Weltmeistertitel nach Deutschland holte.

Doch langsam wurden die Risse in der Front der Siegermächte immer sichtbarer. Die wiederbegründete Hertha war ein Kind des Kalten Krieges. Am 24. Juni 1948, unmittelbar nach dem Beginn der sowjetischen Blockade, rief Bürgermeister Ernst Reuter die Berliner zu einer seiner großen Protestversammlungen zusammen. Alle sollten sich versammeln im Stadion am Gesundbrunnen, an der „Plumpe“. Kaum glaubliche 80 000 drängten sich auf den steilen Tribünen und dem ganzen Platz, etliche andere warteten noch außerhalb des unmittelbaren Stadionbereichs. Bei dieser Gelegenheit hielt Reuter die erste seiner später berühmten Reden und rief in Richtung Osten: „Lasst Euch von niemandem und durch nichts beirren. Geht Euren Weg unangefochten geradeaus. Nur wenn wir entschlossen sind, jedes Risiko auf uns zu nehmen, können wir ein Leben gewinnen, das allein lebenswert ist, ein anständiges, sauberes Leben, mag es auch arm sein, so ist es doch ein Leben in Freiheit.“

Auch für Hertha BSC markiert der 24. Juni 1948 die eigentliche Stunde des Neubeginns. Dass die Veranstaltung offiziell „auf dem Herthasportplatz“ angekündigt worden war, zeigte schon, dass der Verein wieder salonfähig zu werden begann und die Verbotszeit sich dem Ende näherte, auch wenn es noch ein rundes Jahr dauern sollte, bis alle bürokratischen Hürden genommen waren.

Nachdem der bürokratische Apparat in West-Berlin aufgebaut und funktionstüchtig geworden war, unterzeichnete mit Wirkung zum 1. August 1949 – passenderweise – eine Frau die Wiederzulassungsurkunde für den Verein Hertha BSC: Louise Schröder, die in jenen Tagen für den Sport zuständige Bürgermeisterin unter Oberbürgermeister Reuter (von einem Regierenden Bürgermeister war damals noch keine Rede). Im Anschluss der Neuzulassung sprachen sich die Vereinsmitglieder in einer Abstimmung im Kasino des SV Norden-Nordwest (NNW) mit 113:7 Stimmen für den Namen Hertha BSC aus und verwarfen den Vorschlag Hertha/NNW. Am 5. September 1949 beantragte der neue Vereinsvorsitzende unter einem nur unwesentlich veränderten Briefkopf, bei dem allerdings sämtliche nach 1933 errungenen Titel weggefallen waren, beim Registergericht in Berlin-Charlottenburg die Eintragung ins Vereinsregister.

Der Autor ist Publizist und Honorarprofessor für Zeitgeschichte/Neue Geschichte an der Freien Universität Berlin. Der Text stammt aus seinem Buch „Hertha unter dem Hakenkreuz“ (Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 19,90 Euro).

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