Jürgen Brähmer wird Europameister : Wild, wüst, wirr

Jürgen Brähmer wird Europameister, die Verlierer glauben an Verschwörung.

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Guter Job, dieser Jab. Jürgen Brähmers gerade geführter Schlag mit der Führhand geht durch die Deckung Eduard Gutknechts durch. Foto: dpa
Guter Job, dieser Jab. Jürgen Brähmers gerade geführter Schlag mit der Führhand geht durch die Deckung Eduard Gutknechts durch....Foto: dpa

Berlin - Ulli Wegner hatte sich zur nachmitternächtlichen Pressekonferenz eine Flasche Bier und wilde Gedanken mitgebracht. Der 70 Jahre alte Trainer, dessen Boxer Eduard Gutknecht gerade seinen Titel als Europameister im Halbschwergewicht an Jürgen Brähmer verloren hatte, wollte noch lange nicht Feierabend machen, sondern redete sich in Fahrt. Eigentlich wollte er nichts zu dem Urteil sagen, was er mit dieser Äußerung erst tat. Eine winzige Nachfrage genügte, und Wegner, offenbar in seiner Ehre verletzt, verstieg sich in wirre Verschwörungstheorien. Vollends in Rage geredet, unterstellte er ein abgekartetes Spiel. „Wir wussten doch, dass wir nur durch K. o. gewinnen konnten.“

Es waren zwölf turbulente Runden, die vor 4500 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle am späten Samstagabend zum Vortrag kamen. Man muss dazu wissen, dass es sich um ein internes Stallduell handelte, das die Europäische Box-Union (EBU) angeordnet hatte. Sowohl Gutknecht (30 Jahre) als auch Herausforderer Brähmer (34) gehören zu Sauerland Event, Deutschlands größtem Profiboxstall. Und Wegner, der dieses Duell schon deswegen nicht mochte, weil sein Mann nicht über die boxerischen Qualitäten verfügt wie Ex-Weltmeister Brähmer, hatte sich ein taktisches Konzept ausgedacht, das darauf ausgelegt war, den Herausforderer und besseren Boxer nicht ins Rollen kommen zu lassen. Vom ersten Gong an versuchte der gebürtige Kasache Gutknecht seinen Gegner durch wüste und unsaubere Attacken zu provozieren. Das durchschauten neben dem Publikum auch die Punktrichter, die am Ende für einen Punktsieg Brähmers votierten.

Der Sieg Brähmers war zweifelsfrei gerechtfertigt. Doch Wegner unterstellte seinem eigenen Management Stallorder. Und auch der entthronte Gutknecht, der noch im Ring äußerte, sich über den Ausgang „nicht beschweren“ zu können, sagte eine Stunde nach dem verbissen geführten Kampf: „Den Sieg bekam der mit dem größeren Namen.“

Promoter Kalle Sauerland, der seinen Vater und Firmenboss Winfried Sauerland in Berlin vertrat, versuchte vergeblich die Wogen zu glätten. Wegner mochte sich nicht beruhigen: „Was glaubt ihr, wen ihr vor euch habt?“ In dieser Nacht einen verrannten Trainer.

Auch in diesem Programmteil bewies die Seite des Siegers mehr Klasse. Schon im Ring hatte Brähmer mehr Linie und die schnelleren Hände gehabt, und auch hinterher behielt er den Überblick. „Man hat gesehen, dass mir noch etwas fehlt“, aber das sei nach zehn Monaten Kampfpause verständlich. Zu den bizarren Unterstellungen Wegners wollte sich der 34-Jährige nicht weiter äußern, nur, dass er sie als „ein bisschen unsportlich“ empfand. Brähmers Trainer Karsten Röwer gelang die wohl treffendste Analyse des Geschehens: „Das Wichtigste war, dass sich Jürgen von den Mätzchen der Gegenseite nicht provozieren ließ, sondern im Wesentlichen klar blieb, auch wenn er noch nicht die beste Konzentrationsausdauer hatte.“

Daran wird in den kommenden Monaten zu arbeiten sein. Im Sommer wird Jürgen Brähmer um den WM-Titel nach WBO-Version boxen. Diesen Titel hält derzeit Nathan Cleverly aus England, der sich Ende März aber erst dem Münchner Robin Krasniqi stellen muss. „Bis dahin muss ich noch einiges tun. Ich denke mal, ich bin bei 70 bis 80 Prozent. Es fehlte manchmal die Spritzigkeit“, sagte Brähmer selbstkritisch. Diese Fähigkeit kehrte andertags auch zu Ulli Wegner zurück. Die Emotionen seien mit ihm durchgegangen: „Das tut mir leid und dafür möchte ich mich entschuldigen.“

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