Sport : Jürgen Röber im Interview: "Ich wäre beinahe wahnsinnig geworden"

Es war wenig zu hören von Ihnen im Winter. Si

Jürgen Röber (47) spielte Fußball für Werder Bremen, Bayern München, Calgary Boomers, Nottingham Forest, Bayer Leverkusen und Rot-Weiß Essen. Bevor er im Januar 1996 zu Hertha BSC wechselte, hatte er als Trainer den Zweitligisten Rot-Weiß Essen bis ins DFB-Pokalhalbfinale geführt und dann beim VfB Stuttgart gearbeitet - damals wie heute mit Manager Dieter Hoeneß.

Es war wenig zu hören von Ihnen im Winter. Sie haben sich in den Bergen verkrochen.

Ja, was sollte ich denn machen. Etwa nach Mailand fahren?

I mmer wieder Mailand. Dieses unglückliche Scheitern im Uefa-Cup bei Inter geht Ihnen immer noch sehr nahe. Wenn Ihre Mannschaft drei Minuten länger das 1:1 gehalten hätte, dann säße jetzt wahrscheinlich ein gelöster und lockerer Jürgen Röber vor uns.

Das hat mich verfolgt, ich habe von dieser Niederlage geträumt. Ich weiß, so etwas gibt man sonst nicht zu, aber ich wäre nach diesem Spiel beinahe wahnsinnig geworden.

Das ist jetzt sechs Wochen her. Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe es geschafft. Die tägliche Arbeit mit der Mannschaft im Trainingslager hat mir geholfen. Ich merke, dass ich wieder rankomme an die Spieler. Das war unglaublich wichtig für mich.

Auch die andere Seite hat laut über Mailand und die Folgen nachgedacht. Nach dem K.o. bei Inter hat Hertha die letzten drei Bundesligaspiele des Jahres 2000 verloren. Seitdem ist Ihre Position umstritten. Sehr umstritten.

Diese Situation kenne ich, das habe ich in jeder Saison zwei-, dreimal. Mir gefällt das nicht, aber ich habe mich daran gewöhnt. Was mich stört, ist diese seltsame Atmosphäre in Berlin. Das ist neu.

Wie meinen Sie das?

Finden Sie das normal, was beim uns im Stadion für eine Stimmung herrscht? Wir waren in dieser Saison immerhin mal die beste Heimmannschaft der Bundesliga, haben viele Tore geschossen, sehr offensiv gespielt, und wir waren für ein paar Wochen Tabellenführer. Das Publikum aber war schon unzufrieden, wenn einer mal einen Querpass gespielt hat. Zum Schluss sind wir dann eingebrochen, und die Fans haben gepfiffen.

Zwischen diesen Pfiffen war auch immer mal wieder Ihr Name zu hören.

Diese "Röber raus!"-Rufe sind neu, aber ich höre sie schon. Das ist eine Gruppe.

Kennen Sie die?

Ach iwo, sonst hätte ich mit denen längst schon mal gesprochen. Ich diskutiere mit jedem, selbst im Straßenverkehr. Und wenn der dann aus dem Auto aussteigt und sich entschuldigt, dann könnte ich ihm schon um den Hals fallen. Das ist eine Grundhaltung, die mir sehr wichtig ist. Wenn du in diesem Job nachtragend bist, dann verlierst du. Da gibt es Spieler, die machen Dinger, das glauben Sie gar nicht und deswegen erzähle ich Ihnen die auch lieber gar nicht. Nur so viel: Ich zermartere mir den Kopf über jeden einzelnen.

Können Sie denn gar nicht abschalten?

Schlecht, weil ich davon überzeugt bin, dass man als Trainer nur dann Erfolg hat, wenn man 24 Stunden lang für den Job lebt. Ich sehe mich als Künstler, der immer weiter macht, immer mehr, bis zum Wahnsinn. Neulich hatte ich Besuch von Freunden, die sind nach zwei Tagen wieder abgereist. Die waren restlos bedient. Ich übertrage meine Unruhe und meine Begeisterung auf alle, mit denen ich zu tun habe.

Begeisterung allein reicht nicht.

Stimmt. Ich habe schon das Gefühl, das einige Spieler an ihrer Grenze angekommen sind. Da fehlt uns noch einiges zu einer großen Mannschaft wie Bayern München.

Das müssen Sie uns näher erklären.

In München sitzen Nationalspieler auf der Bank. Das hat nicht immer mit der Leistung zu tun, und das verstehen die auch. Wenn ich unseren Spielern etwas von der Rotation erzähle, dann nicken Sie alle und finden das gut. Doch wenn es dann den einzelnen trifft, geht für den die Welt unter.

Fühlen Sie Mitverantwortung?

Nein. Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass ich der richtige Mann bin. Ich habe unseren Manager Dieter Hoeneß öfter mal gefragt: Glaubst du, dass ihr mit einem anderen Trainer auch so schnell so hoch gekommen wärt, wenn ihr mich damals in der ersten Bundesligasaison entlassen hättet?

Wer wird es denn sein, der Ihnen einmal sagen wird, dass Schluss ist bei Hertha?

Damit beschäftige ich mich nicht.

Wir führen eine ganz theoretische Diskussion.

Also gut. Wenn mal Schluss sein sollte, dann wird mir das der Dieter sagen. Das haben wir einmal vereinbart, als es fast schon so weit war.

Das war im Herbst 1997. Damals hat Sie ein Sieg gegen den Karlsruher SC in letzter Sekunde gerettet.

Ja, und wissen Sie was? Ich glaube, dass Hertha ohne mich abgestiegen wäre. Bis ein neuer Trainer die Stärken und Schwächen unserer Spieler richtig kennengelernt hätte, wäre der Rückstand zu groß gewesen. Wir waren ja schon ziemlich weit zurückgefallen.

Haben Sie schon mal daran gedacht, von sich aus Berlin zu verlassen und eine neue Aufgabe zu suchen?

Diesen Gefallen tue ich dem Verein nicht. Ich bin doch nicht verrückt. Den Vertrag, den ich jetzt habe, für den habe ich lange und hart gearbeitet. Nur, wenn ich irgendwann einmal merken sollte, dass ich an die Mannschaft nicht mehr herankomme, dann höre ich auf. Sofort. Ich habe das in Gedanken schon mal durchgespielt.

Ihren Rücktritt?

Ja. Ich habe mir vorgestellt, wie ich nach einem Spiel zur Pressekonferenz gehe und sage: Guten Abend, meine Herren, das war übrigens mein letztes Spiel als Trainer von Hertha BSC.

Was hat Sie davon abgehalten?

Ich fühle, dass die Berliner immer noch an mich glauben. Es gibt da ein älteres Ehepaar, das treffe ich schon seit ein paar Jahren beim Joggen. Immer, wenn es bei Hertha nicht so läuft, sprechen die mich an: Lassen Sie sich nicht beirren, Herr Röber, Sie sind der richtige Mann am richtigen Ort.

Es gibt in der Bundesliga auch nicht allzu viele Alternativen zu einem Verein wie Hertha BSC.

Und erst recht nicht zu dieser Stadt. Ich liebe Berlin, und ich liebe auch die Berliner. Ich bin gerade an den Gendarmenmarkt gezogen, in meinem Wohnzimmer steht ein Bechstein-Flügel, und wenn ich die Gelegenheit habe, dann gehe ich abends ins Schauspielhaus. Ich habe mich eingerichtet Jedes Mal, wenn ich mit dem Flugzeug einfliege, freue ich mich auf diese Stadt. Ich bin ja der größte Prophet für Berlin.

Wie meinen Sie das?

Was glauben Sie, was ich Spielern, die wir holen wollen, von Berlin erzähle? Die kommen danach selbst ins Schwärmen. So rede ich von dieser Stadt. Ich gehöre hier hin.

Das könnte man nach ein paar Jahren vielleicht auch von München oder Dortmund sagen.

Ich verrate Ihnen mal was. Im letzten Sommer war ich in Singapur, und plötzlich klingelt das Handy. Borussia Dortmund. Ich sollte sofort zurück fliegen und dort Trainer werden.

Was hat Sie davon abgehalten?

Ich weiß nicht, ob ich aus dem Vertrag bei Hertha rausgekommen wäre. Dann wollte ich meinen Kotrainer Bernd Storck mitnehmen, aber da gab es in Dortmund auch noch den Matthias Sammer. Na gut, haben die Dortmunder gesagt, dann machen wir mit dem Sammer eben was anderes.

Trotzdem sind Sie bei Hertha geblieben.

Das ist eben meine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Ich hatte die Saison vorbereitet und Spieler verpflichtet. Was hätte ich denen denn sagen sollen? Nein, das ging nicht. Der Bernd Storck hat damals zu mir gesagt: Solche Angebote bekommen wir immer dann, wenn wir gerade nicht können.

Aber es gibt doch Angebote, die man nicht ablehnen kann. Sie haben doch mal ein Praktikum beim FC Barcelona gemacht. Wenn jetzt Ihr Handy klingelt und Barcelona einen Vertrag anbietet ...

dann müsste man sehr gut darüber nachdenken. Spanien wäre schon eine Riesensache, die haben mit deutschen Trainern sehr gute Erfahrungen gemacht. In Italien geht das nicht so leicht. Aber für einen Job in Barcelona müsste man sich wahrscheinlich erst mal in der Liga anbieten. So wie es Jupp Heynckes gemacht hat.

Aber die Sprache ...

Habe ich in Berlin gelernt, auf einer Sprachschule. Spanien beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Es gab auch schon Anfragen.

Solche Gedankenspiele beschäftigen einen meist dann, wenn die Wirklichkeit nicht so schön ist. Es war schon mal angenehmer für Sie in Berlin.

Ja, aber es war schon unangenehmer. Als ich 1996 hier angefangen habe, da war vieles, was heute selbstverständlich ist, überhaupt nicht absehbar. Die Stimmung in der Stadt war ätzend, keiner hat sich für Hertha interessiert. Es war Februar und arschkalt auf den Maifeld, und ich habe mich gefragt: Was machst du eigentlich hier?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben