Sport : Jürgen Röber versteht nicht, warum die Kritik derzeit so geballt kommt

In der Mannschaft gibt es Gegenwind, verstärkt durch die angekündigte Trennung von Leitwolf Kjetil Rekdal

Jürgen Röber leidet. Trotz Champions League, trotz der vier Rückrunden-Erfolge in der Bundesliga, trotz intakter Chancen auf einen erneuten internationalen Start in der nächsten Saison wirkt der Hertha-Coach oft gereizt, explosiv. "Irgendwie ist es schon eine neue Situation. Es ging ständig bergauf. Jetzt merkt man, dass es nicht so weiter geht. Wir haben keinen schönen Fußball gespielt - dann kommt Kritik", erklärte der Trainer von Hertha BSC. Der Mann scheint vom Gefühl getrieben, sich immer verteidigen zu müssen: "Wenn wir unten stehen würden und nicht in der Champions League, könnte ich das vielleicht verstehen. Aber jetzt sind wir oben wieder dabei", sagte Röber in Prag vor dem Spiel gegen Sparta.

Istanbul, Mailand, London, Barcelona, Porto und Prag - Röber hat Hertha innerhalb von drei Jahren an die "Fleischtöpfe" des europäischen Fußballs geführt. Ein wahrer Kraftakt, doch der Dank kommt zu kurz: In der Mannschaft gibt es Gegenwind, verstärkt durch die angekündigte Trennung von Leitwolf Kjetil Rekdal. Die Fans, die Röber seit seinem Einstieg in Berlin 1996 stets auf Händen trugen, verweigerten zuletzt den Liebesbeweis. Ein Fachmagazin will schon ausfindig gemacht haben, dass ein Teil der Klub-Führung versteckt den Trainer in Frage gestellt habe. Jüngst nach einem Training war es aus Röber wie aus einem Vulkan herausgebrochen: "Wollt ihr wieder dahin zurück, wo Hertha hergekommen ist?", schimpfte er. Gemeint waren die Niederungen der Zweiten Liga.

Röber, der Fußball lebt, der bei den Trainingsstunden am liebsten noch persönlich gegen den Ball tritt und seine Profis abgrätscht, muss sich neuen Herausforderungen stellen. Und er stellt sich. Er habe sich durchaus geändert, bestätigte Nationalspieler Michael Preetz seinem Vorgesetzten: "Der Trainer sucht gerade in den letzten Wochen verstärkt den Dialog." Bei den Übungsstunden schlagen immer öfter nicht mehr wie seit Jahren üblich Röber und dessen Assistent Bernd Storck die Flanken, sondern Sebastian Deisler, Marko Rehmer oder Bryan Roy. "Wir müssen kollektiv versuchen, Lösungen zu finden", bemerkt Rekdal, der in fachlichen Fragen nicht immer auf einer Wellenlänge mit Röber liegt.

"Das wird Normalität. Damit muss die Mannschaft auch klarkommen", forderte Preetz dazu auf, sich der neuen Erwartungshaltung zu stellen. Auch Röber sieht sich mit wachsendem Niveau, gestiegenen Ansprüchen und teurerem Personal neuen Aufgaben ausgesetzt. Zum Beispiel "ist es für Jürgen Röber Neuland, mit einem Brasilianer, der direkt aus Südamerika nach Europa gekommen ist, zu arbeiten und ihn zu integrieren", meinte Manager Dieter Hoeneß. Bei Röbers vorheriger Trainerstation beim VfB Stuttgart war Dunga zumindest des Englischen mächtig, Elber kam aus der Schweiz. Beim verschlossenen Neu-Berliner Alex Alves, immerhin 15 Millionen Mark schwer, kann der Trainer nur über die Zwischenstation Dolmetscher kommunizieren.

Zudem muss Röber mit dem Abgang von Rekdal, der wahrscheinlichen Trennung von Andreas Thom und weiteren alteingesessenen Spielern die Hierarchie im Team neu ordnen. Dass die Suche nach neuen Chefs dabei schmerzvoll sein kann, erlebt Röber gerade. "Kjetil war durch seine Beinbrüche fast ein komplettes Jahr nicht dabei, und wir haben auch erfolgreich gespielt", sieht sich der Trainer immer wieder dazu veranlasst, seine Entscheidung gegen eine Vertragsverlängerung von Rekdal zu rechtfertigen.

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