Sport : Jugendliche Leichtigkeit

Beim 6:1 in Reutlingen profilieren sich Herthas Nachwuchskräfte Madlung und Mladenow

André Görke

Berlin. In Reutlingen war eine Stunde gespielt, da kam Alexander Mladenow an den Ball, noch vor der Mittellinie. Der Fußballprofi von Hertha BSC hob den Kopf, sah die Lücke in der Reutlinger Abwehrkette, dann schob er den Ball mit dem linken Außenrist über den Rasen. Flach getreten, ein Pass über 30 Meter, perfekt in den Lauf seines Kollegen Artur Wichniarek. Der schob den Ball quer zu Karwan, und der traf zum 5:0 für Hertha. An der Seitenlinie stand Trainer Huub Stevens. Er applaudierte – für Mladenow.

Merkwürdig war das schon, was die Berliner da am Samstag in Reutlingen zeigten. Beim 6:1-Sieg im DFB-Pokal spielten Fredi Bobic und Niko Kovac erneut schwach, wenig überraschend, ideenlos. Dabei sollten sie mit ihrer Aggressivität das Spiel der Berliner prägen. Kapitän Dick van Burik war in Reutlingen gar nicht erst nicht dabei, auch Marko Rehmer fehlte verletzt. Die Chefs bei Hertha hatten also nichts zu sagen an diesem Nachmittag. Arne Friedrich ist noch nicht so weit, und Bart Goor hat derzeit genug mit sich selbst zu tun.

Genau deshalb war es so merkwürdig, dass plötzlich die jungen Spieler Verantwortung übernahmen. Die Bilanz liest sich so: Alexander Madlung erzielte zwei Tore, Alexander Mladenow bereitete drei vor. Beide sind 21 Jahre alt. Später sprach Manager Dieter Hoeneß davon, dass die Jungen das Spiel der Berliner „belebt“ hätten, „frech“ spielten und „sauber und souverän gute Bälle“ verteilten. Es ist lange her, dass Hoeneß sich so über die Angestellten seines Klub geäußert hat.

Aber es war in der Tat durchaus beeindruckend, wie souverän – nicht lässig – die beiden ihren Job machten. Als Mladenow später gar die Koordination in der Zentrale übernahm, unterstützte ihn auch immer mehr Thorben Marx. Auch der ist erst 22 Jahre alt. Auf den Spielfluss der Berliner wirkte sich das so aus: Der Ball lief, die Mannschaft spielte unkompliziert, direkt und risikofreudig. Genau das hatte Trainer Huub Stevens zuletzt vermisst.

Den besten Job machte aber Mladenow. Dass der bulgarische U-21-Nationalspieler sehr gut Fußball spielen kann, wissen sie bei Hertha BSC schon lange. Seit vier Jahren spielt er in Berlin, Mladenow kam von ZSKA Sofia, sein Vater Stoicho hat es sogar zum Nationaltrainer Bulgariens gebracht. Mladenow ist schnell, trotz seiner Größe überaus beweglich, torgefährlich, technisch sehr stark – dass er bisher so selten spielte, hat andere Gründe. „Der ist im Kopf nicht frisch“, heißt es intern. „Dem ist in seiner Karriere bisher alles zugeflogen, der kann sich nicht quälen.“ Der Vater, das Geld, die Autos, die Popularität, der Profivertrag. Auf einen jungen Fußballer kommt vieles zu. Thorben Marx und Alexander Madlung haben diese Dinge vernachlässigt und sich auf den Job konzentriert. Bei Mladenow hieß es vor einer Woche mal wieder, dass er mit dem TSV 1860 München verhandelt, deshalb das Training verpasst habe und so vor dem Spiel in Frankfurt aus dem Kader geflogen sei. Dieses Gerücht aus München wurde in Berlin hart dementiert. Eindruck hat es trotzdem hinterlassen.

Sicherlich hat Hertha am Samstag nur gegen viertklassige Fußballer gespielt, da war es nicht sonderlich schwer zu gewinnen. Aber die Mannschaft hat nun einmal in der Bundesliga in vier Spielen kein Tor erzielt, keinen Sieg errungen, dass da Nachwuchsspieler aus der zweiten oder gar dritten Reihe derart überzeugen, war nicht selbstverständlich. Vielleicht denkt der Verein weiter um. Zweieinhalb Millionen Euro investiert Hertha jährlich in den Nachwuchs, mit Malik Fathi und Alexander Ludwig stehen zwei weitere Spieler bereit, die eine gute Ausbildung genossen haben. Zeit brauchen sie, aber auch weiterhin Chancen wie am Samstag. Trainer Stevens will sich nicht „über einzelne Spieler“ äußern, weil sie dann schnell abzuheben drohen.

Mladenow, der Mann mit den drei Vorlagen, sagte nach dem Abpfiff nur: „Ich muss üben, üben, üben.“ Vielleicht hat er ja verstanden, worauf es in der Branche wirklich ankommt.

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