Sport : Jugoslawien: Für Milosevic ist die EM eine willkommene Propaganda-Waffe

Bei ihrer Rückkehr auf die EM-Bühne wollen die Jugoslawen der internationalen Politik und der Uefa eine schallende Ohrfeige verpassen. Die fünfjährige Verbannung durch die wegen des blutigen Bürgerkriegs auf dem Balkan verhängten UN-Sanktionen liegt den Spielern aus Serbien und Montenegro noch heute ziemlich schwer im Magen. Die Politik hatte den jugoslawischen Kickern sowohl für die Europameisterschaften 1992 in Schweden und 1996 in England als auch für die Weltmeisterschaft 1994 in den USA die Luft aus den Bällen gelassen. Beim Championat in Belgien und den Niederlanden wollen die einst Geächteten nun mit jedem gewonnenen Spiel Revanche nehmen.

Unvergessen ist die Demütigung, als sich die für die EM 1992 qualifizierte Mannschaft schon in Schweden aufhielt und dann in letzter Minute ausgeschlossen wurde. Das Flugzeug, das die Spieler nach Hause bringen sollte, wurde auf Grund des Embargos nicht einmal mehr betankt. "Das war eine Beleidigung", sagte Jugoslawiens heutiger Trainer Vujadin Boskov. Auch bei der Qualifikation für diese EM-Endrunde mussten die "Jugos" mit Widrigkeiten kämpfen. Vier Spiele wurden wegen des Nato-Bombardements im Frühjahr vergangenen Jahres verlegt, die Partie gegen Malta musste in Saloniki in Griechenland ausgetragen werden, Gruppengegner Irland verweigerte den Jugoslawen die Visa zur Einreise.

Zudem fand Jugoslawiens Verband keine europäischen Testspielgegner für die Vorbereitung auf die Endrunde und wich statt dessen auf eine sportlich zweifelhafte und obendrein auch noch kräftezehrende Asienreise mit Spielen gegen Südkorea und gegen den politischen Freund China aus.

In der Heimat wird die jugoslawische Fußball-Nationalmannschaft gleich als Propaganda-Waffe missbraucht. Für Diktator Slobodan Milosevic ist die Europameisterschaft ein nur allzu willkommener Anlass, von den Brandherden im eigenen Land und der katastrophalen wirtschaftlichen Lage abzulenken: Positives gibt es ohnehin kaum zu berichten, da kommt der Fußball für eine Offensive der regime-treuen Medien gerade recht.

Die sich weiter verschlechternden Lebensverhältnisse und verschärfenden politischen Auseinandersetzungen in Serbien kennen die jugoslawischen Spitzenspieler zumeist nur aus der Distanz. 18 der 22 nominierten EM-Spieler verdienen ihren Lebensunterhalt in Spanien, Italien, Belgien, Frankreich, Portugal, den Niederlanden, Japan und Deutschland und können mehrheitlich als Millionäre die Nöte der darbenden Bevölkerung schwerlich nachvollziehen.

"Die Politik muss draußen bleiben. Hier geht es ausschließlich um Sport", verlangt Trainer Vujadin Boskov und wird damit sicher nicht die Zustimmung der politischen Führung in Belgrad ernten. Während sich Sinisa Mihajlovic vom Italienischen Meister Lazio Rom in erster Linie als "sportlicher Botschafter Jugoslawiens" betrachtet, meldet Nisa Saveljic leisen Protest an. Vor einigen Tagen war der 30 Jahre alte Abwehrspieler von der jugoslawischen Polizei wegen angeblicher Wehrdienstverweigerung in Gewahrsam genommen und ausgiebig verhört worden. "Ich spiele nur für mich und meine Freunde im Team", lautet das Fazit des bei Girondins Bordeaux kickenden Montenegriners.

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