Sport : Jugoslawien - Spanien: 104 Sekunden für die Ewigkeit

Sebastian Arlt

In diesem Moment war José Antonio Camacho nicht mehr spanischer Nationaltrainer, und Guardiola schoss durch den Kopf, "dass wir jetzt gleich traurig im Bus sitzen werden und dann nach Spanien zurückfliegen müssen". In Brügge lief schon die Nachspielzeit, Jugoslawien führte mit 3:2 und hatte als Gruppenerster das Viertelfinale erreicht. Spanien jedoch war draußen, und für diesen Fall hatte Camacho angekündigt, sofort zurückzutreten. Doch was in den folgenden 104 Sekunden geschah, haben selbst die Beteiligten immer noch nicht richtig realisiert. "Ein Wunder", meinte Real Madrids Präsident Lorenzo Sainz als Beobachter im Jan-Breydel-Stadion. Von einer "unheimlichen Instinktlosigkeit" des Schiedsrichters sprach dagegen Dejan Savicevic.

Die Realität trafen beide nicht. Wirklichkeit war ein dramatisches Finale, wie man es so schnell nicht mehr erleben wird. In der ersten und der fünften Minute der Nachspielzeit schossen Gaizka Mendieta durch einen Elfmeter und Alfonso das 4:3 für die Spanier heraus. Spanien Gruppensieger, keine verfrühte Abreise in die Heimat, Camacho bleibt Trainer. Und die Jugoslawen? Die einen schäumten vor Wut, die anderen lagen enttäuscht auf dem Rasen. Es dauerte Minuten, bis sich zu allen herumgesprochen hatte, dass aufgrund des 0:0 zwischen Norwegen und Slowenien das jugoslawische Team als Gruppenzweiter eine Runde weiter war. Was passiert wäre, wenn die Jugoslawen wirklich gescheitert wären, möchte man sich bei der angestauten Wut der Spieler und der 8000 Fans lieber nicht vorstellen.

Sepp Herberger irrte doch: Ein Spiel dauert nicht 90 Minuten, sondern so lange, bis der Schiesdsrichter abpfeift. Das offizielle Protokoll verzeichnete eine unglaubliche Nachspielzeit von sieben Minuten und zwei Sekunden. Resultat der dauernden Verzögerungen durch die Jugoslawen, die jetzt durch den französischen Schiedsrichter Gilles Veissiere bestraft wurden. Keine Gelegenheit ließen die "Blauen" aus, um Zeit zu schinden. Und in jedem Spiel haben die Jugoslawen bisher einen Spieler durch Platzverweis verloren (diesmal Slavisa Jokanovic), stets gab es etliche Karten (diesmal sechsmal Gelb, einmal Gelb-Rot). Die Jugoslawen, die über lange Phasen attraktiven Fußball boten, sind sich aber kaum einer Schuld bewusst und fühlen sich massiv benachteiligt. "Der Schiedsrichter war der beste Spanier auf dem Platz. Wenn die Spanier nicht in der Nachspielzeit getroffen hätten, hätte er für sie ein Tor geschossen", sagte Jokanovic. Die serbische Tageszeitung "Glas Javnosti" titelte: "Verbrechen ohne Strafe."

Angesichts des Weiterkommens blieb Trainer Vujadin Boskov, der 68-jährige Poltergeist, diesmal gelassen: "Es steht einem Trainer nicht zu, den Schiedsrichter zu kritisieren." Als der Ausgleich durch einen Elfmeter gefallen war, lief Boskov in Panik zum Uefa-Delegierten, um das Ergebnis des Norwegen-Spiels zu erfahren. Dieser deutete nur auf einen kleinen Monitor am Spielfeldrand - und Boskov sah das Endergebnis. "Da wusste ich, wir haben es geschafft, egal, was noch passieren würde." Und es passierte noch der vierte spanische Treffer. Lieber hätte Boskov gegen Frankreich im Achtelfinale gespielt, "weil wir in den den letzten Jahrzehnten gegen die recht erfolgreich waren". Doch jetzt trifft Jugoslawien am Sonntag in Rotterdam auf Holland. Der Gastgeber muss aufpassen. Diese starken Jugoslawen machen es jedem Gegner sehr schwer.

Camacho hingegen bekam seinen Wunschgegner Frankreich. "Es ist eine besondere Ehre, gegen den Weltmeister zu spielen." Vielleicht kann der 45-jährige Trainer am Sonntag in Brügge Revanche nehmen für das EM-Finale 1984. Damals unterlagen die Spanier gegen Frankreich mit 0:2. Camacho, der eisenharte Verteidiger mit der schneidenden Stimme, war Mannschaftskapitän. Irgenwelche Anspannung war ihm nach diesem Finale furioso gegen Jugoslawien allerdings nicht anzumerken, obwohl doch nur eine Minute zu seinem Abschied gefehlt hatte. "Ich bin immer gleich, ob wir gewinnen oder verlieren", antwortete er kurz auf die Frage, warum er sich denn nicht richtig freue. Überhaupt habe er als Spieler schon so viele großartige Momente erlebt. Und doch: "Heute ist mein größter Tag als Trainer." Der letzte Superlativ bleibt Guardiola vom FC Barcelona vorbehalten: "Das war das wichtigste Spiel in meinem Leben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben