• Jugoslawien - Spanien: In der 90. Minute führt Jugoslawien noch 3:2, dann plötzlich feiert Spanien einen 4:3-Sieg

Sport : Jugoslawien - Spanien: In der 90. Minute führt Jugoslawien noch 3:2, dann plötzlich feiert Spanien einen 4:3-Sieg

Martin Hägele

Man sollte bei diesem Turnier keine Mannschaft zu früh verabschieden oder gar den Nachruf für einen Trainer vom Stapel lassen, bevor das letzte Gruppenspiel auch wirklich zu Ende gespielt ist. Er werde im Falle eines Scheiterns bei der EM zurücktreten, hatte Spaniens Trainer Camacho vor dem Turnier angekündigt, nach der regulären Spielzeit des dritten Gruppenspiels schien es so weit: 3:2 führte Jugoslawien. Doch Schiedsrichter Gilles Veissiere setzte fünf Minuten Nachspielzeit an und verlängerte auch noch mal diese Frist, weil die Jugoslawen weiterhin bei jeder Möglichkeit Sekunden schinden wollten. Und so kam es noch zum Ausgleich durch Mendietas Elfmeter und nach sieben Minuten und zwei Sekunden zum spanischen Siegtreffer. 4:3 für Spanien, mehr Dramatik kann es nicht geben.

Camacho hat trotzdem über diese packende Partie referiert, als lese er irgendwelche Abflugzeiten aus einem Flugplan vor. Warum er denn nicht strahle, tanze oder in die Luft springe? "Ich war schon immer ein ernster Spieler", hat er da geantwortet. Und eigentlich hätten seine Leute die Tore im ersten Abschnitt schießen sollen. Aber vielleicht lag Camachos Coolheit auch einfach an dem Umstand, dass er sein Glück noch gar nicht richtig fassen konnte. Denn Camacho sagte auch, wieder im Tonfall des Wetterberichts: "Ich habe schon viele schöne und aufregende Momente erlebt. Aber was hier geschehen ist, kann ich noch gar nicht richtig realisieren."

Josep Guardiola ist ein bisschen poetischer veranlagt. "Der Unterschied zwischen Himmel und Hölle kann eine einzige Minute ausmachen. Jetzt ist unser Himmel wieder blau, sonst wäre er grau gewesen".

Der Spielmacher vom FC Barcelona, zuletzt in Spanien heftig kritisiert, hatte von Anfang an umsichtig Regie geführt, weil Camachos Auswahl unbedingt einen Sieg brauchte, um weiterzukommen. Vor allem Alfonso flogen die Bälle immer wieder einschußbereit vor die Füße. Dass er zunächst nur in der 38. Minute traf, sollte sich im zweiten, regulären Teil der Partie nachteilig auswirken.

Man braucht nicht nur Kraft, sondern auch sehr viel Moral, um gegen ein jugoslawisches Team, das nur auf ein Unentschieden aus war, nicht die Nerven zu verlieren. Im Provozieren sind die Legionäre aus Belgrad Europameister, und besonders symphatisch treten sie auch nicht auf. Nach Mihailovic und Kezman holte sich Jokanovic den üblichen Platzverweis in der 64. Minute ab. Was Rote und Gelbe Karten betrifft, so hat Vujadin Boskovs Auswahl jetzt schon die Turnierwertung gewonnen. Auch bei versteckten Fouls sind die Jugoslawen längst Europameister.

Sie können allerdings auch verdammt gut mit der Kugel umgehen, vor allem brauchen sie nur ganz wenig Chancen zum Erfolg. Milosevic nutzte bereits seine erste zum dritten Tor im dritten Spiel. Auch der eingewechselte Govdedarica brauchte nicht lange zu üben. Ein Blick, und schon lag der Ball im Tor (50). Was ihm Pedro Munitis, der ebenfalls nach der Pause einlaufen durfte, nur eine Minute später und mit ähnlicher Präzision nachmachte - 2:2.

Und Mut besitzen sie auch. Und beachtliches Selbstvertrauen. Sonst hätte sich der rechte Verteidiger eines dezimierten Teams wohl kaum mit in den Angriff geschlichen. Slobodan Komljenovic vom 1. FC Kaiserslautern tat dies in der 75. Minute und brauchte nach einem Getümmel im Strafraum plötzlich nur noch abzustauben.

Doch obwohl diese Niederlage die Jugoslawen nichts gekostet hat - nachdem das 0:0 zwischen Norwegen und Slowenen den Skandinaviern nur einen Punkt eintrug - verlieren können sie und ihr Anhang nicht gut. Zweimal wollte ein jugoslawischer Fan dem Referee an den Kragen, zweimal wurde der Schläger rechtzeitig eingefangen. Auf dem Weg in die Kabine erwischte doch noch eine Münze, von der Tribüne geworfen, den Schiedsrichter am Kopf. Die Platzwunde musste genäht werden. Der Leiter des verrücktesten Spiels dieser EM konnte Brügge aber ohne größere Nachwirkungen verlassen.

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