Julian Draxler überzeugt gegen Slowakei : Der unberechenbare Straßenkicker

Julian Draxler spielte beim 3:0 gegen die Slowakei groß auf. Mit seiner starken Leistung erleichtert der Offensivspieler Bundestrainer Löw die Suche nach einer Stammelf.

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Kopfgeburt. Das 3:0 im Achtelfinale hat das deutsche Team vor allem den Torschützen Boateng (links) und Draxler zu verdanken.
Kopfgeburt. Das 3:0 im Achtelfinale hat das deutsche Team vor allem den Torschützen Boateng (links) und Draxler zu verdanken.Foto: imago/Moritz Müller

Der Rasen, gerade erst frisch verlegt, sah aus der Distanz wirklich nicht mehr gut aus. Er hatte braune Flecken wie ein vier Wochen alter Feldsalat, auch die Nahtstellen waren noch gut zu erkennen. Aus der Nähe stellte sich die Situation offenbar etwas anders dar. „Da gab’s nichts zu meckern“, sagte Julian Draxler. „Da war gut drauf zu spielen.“ Ob diese Aussage als besonders glaubhaft einzuschätzen ist, darf allerdings bezweifelt werden. Draxler, Torschütze und Torvorbereiter beim 3:0-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Slowakei, hätte vermutlich auch in einem Reisfeld gut gespielt. „Jule hat heute ein super Spiel gemacht“, sagte Jerome Boateng nach dem Erfolg im EM-Achtelfinale. „Er hat viel Belebung in unser Spiel gebracht.“

Der neue Rasen im Stadion von Lille wies vor allem dort die sichtbarsten Spuren von Beanspruchung auf, wo Draxler gespielt hatte. Nominell lief er im linken offensiven Mittelfeld auf, doch der 22 Jahre alte Wolfsburger nutzte die gesamte Breite des Spielfeldes – vor allem aber dessen Tiefe. Die Bewegungsmelder, die jeden Schritt der 22 Spieler scannen, wiesen Draxler als den Spieler aus, der am weitesten vorne unterwegs gewesen war, noch einen Tick vor den beiden Stürmern Mario Gomez und Thomas Müller.

Vor dem Spiel waren eher andere Laufwege von Draxler erwartet worden: nämlich jenseits der Seitenlinie, dort, wo die Ersatzspieler auf und ab laufen, um sich für eine Einwechslung auf Betriebstemperatur zu bringen. „Ich war schon ein bisschen überrascht, dass ich spiele“, sagte Draxler selbst.

Der Offensivspieler hatte in den ersten beiden Gruppenspielen in der Startelf gestanden und danach seinen Platz an Mario Götze verloren. Im Achtelfinale war es nun umgekehrt. Götze musste raus, Draxler kehrte zurück. Aber es war ein anderer Draxler als in den ersten beiden Spielen, als seine Laufwege meist die Strafraumlinie entlang führten und schließlich im Nichts endeten. Gegen die Slowaken hatte er das Ziel stets im Blick. Der Bundestrainer hatte ihm explizit aufgetragen, seine Stärken im Eins-gegen-eins einzubringen. „Wenn man spielen möchte, sollte man umsetzen, was der Trainer sehen will“, sagte Draxler.

Joachim Löw hat aus der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren eine Pass- und Kombinationsmaschine gemacht; aber jetzt, da diese Maschine verlässlich surrt und halbwegs störungsfrei ihr Programm abspult, ist dem Bundestrainer aufgefallen, dass ihm das Individuelle fehlt, das Archaische, der Kampf Mann gegen Mann.

Draxler hat sich die Unberechenbarkeit eines Straßenkickers bewahrt

Draxler ist ein typisches Produkt der deutschen Nachwuchsausbildung. Er kann sauber passen wie alle Akademiezöglinge, aber er hat sich auch das Unberechenbare eines Straßenkickers bewahrt. Deshalb bekam er den Vorzug vor Götze. „Klar ist das nicht einfach, weil unser Spiel sehr darauf bedacht ist, Ballsicherheit zu haben“, sagte er. „Wenn man drei, vier Mal ins Eins-gegen-eins geht und dabei drei Bälle verliert, braucht man auch das Selbstvertrauen und den starken Rücken, um es noch einmal zu versuchen.“

Dass das deutsche Spiel nach dem trägen 0:0 gegen Polen wieder Zweck und Ziel gefunden hat, hat zum einen mit Gomez zu tun, der als klassischer Mittelstürmer den Weg in den Strafraum frei räumt; gegen die Slowaken aber hing es vor allem mit Julian Draxler zusammen. „Im Sechzehner musst du da hinkommen, wo eigentlich keine Räume sind“, sagte Gomez. Draxler gelang das vor dem 2:0 auf herausragende Weise. Er dribbelte sich die Torauslinie entlang und spielte den Ball dann perfekt auf den Fuß von Gomez, der seinen eigentlich nicht vorhandenen Raum perfekt besetzt hatte.

Überhaupt trickste und dribbelte Draxler mit Genuss. Einmal wand er sich mit einer Pirouette zwischen zwei slowakischen Verteidigern hindurch. „Es ist nicht so, dass ich da reingegangen bin und gesagt habe: Ich versuche jetzt mal zu zaubern“, sagte er. „Aber heute war es mal ein Ausrufezeichen bei einem großen Turnier, nachdem ich mich bei der WM noch hinten anstellen musste.“ Dass Draxler über besondere Anlagen verfügt, ist lange bekannt. Gomez, in dieser Angelegenheit gewissermaßen unbefangen, bescheinigte Draxler „zwei brillante Zauberfüße“. Gemessen daran aber ist der Offensivspieler immer unter den – zugegeben: sehr hohen – Erwartungen geblieben. Vor vier Jahren wurde er im letzten Schritt noch aus dem EM-Kader gestrichen, bei der WM in Brasilien spielte er gerade mal eine Viertelstunde. Eine tragende Rolle hat ihm Löw damals nicht zugetraut. Und in Frankreich schien sich diese Geschichte nun zu wiederholen.

Eine Turniermannschaft ist wie ein lebender Organismus, der sich ständig verändert. Man muss hier ein bisschen ruckeln, da ein bisschen feilen – und irgendwann passt im Idealfall alles perfekt zusammen. Die Mannschaft, die gegen die Slowaken auf dem Platz stand, sah gar nicht viel anders aus als die, mit der die Deutschen zwei Wochen zuvor in die EM gestartet waren. Anstelle von Shkodran Mustafi verteidigte Mats Hummels, Joshua Kimmich spielte rechts für Benedikt Höwedes, und vorne ersetzte der eine Mario (Gomez) den anderen (Götze). Erstaunlich ist, dass Draxler in die Startelf zurückkehrte, nachdem er seine Chance schon gehabt hatte. „Ich habe einfach versucht, im Training zu zeigen, dass ich weiter bereit bin, den Kopf nicht hängen lasse und der Bundestrainer auf mich zählen kann“, sagte der Wolfsburger. „Natürlich ist es das Ziel, immer zu spielen. Heute habe ich sicher gute Argumente geliefert.“

Es deutet tatsächlich einiges darauf hin, dass Draxlers Leistung dem Bundestrainer die Suche nach der Stammelf für das Turnier erheblich erleichtert hat – wenn Löw nicht ständig darauf verweisen würde, dass es gar keine Stammelf gibt. „Ich würde nicht sagen, dass ich mit dieser Mannschaft unbedingt und auf Teufel komm raus durchspielen werde“, sagte er nach dem Einzug ins Viertelfinale. Löw muss aber auch nicht mehr unbedingt und auf Teufel komm raus alles über den Haufen schmeißen.

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