Sport : Jung sollt ihr sein

Seit zwei Monaten trainiert Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft – als oberster Jugendwart des deutschen Fußballs

Stefan Hermanns

Berlin - Es ist noch gar nicht lange her, da wurde die deutsche Nation von einem ernsten Problem heimgesucht: Die Stürmer der Fußball-Nationalmannschaft schossen keine Tore mehr, weswegen der Gewinn der Weltmeisterschaft 2006 in große Gefahr zu geraten drohte. Davon ist längst keine Rede mehr. Miroslav Klose trifft sogar im Trikot von Werder Bremen, Kevin Kuranyi hat es zuletzt nicht unter drei Toren pro Spiel getan, und selbst Gerald Asamoah verrichtet seinen Job wieder mit einigem Erfolg. Gerade die Entwicklung des Schalkers sollte die Verantwortlichen der Nationalmannschaft eigentlich uneingeschränkt glücklich stimmen. Und doch hat Oliver Bierhoff, der Teammanager, offenbar einen Makel entdeckt: „Jetzt müssten wir ihn nur noch fünf Jahre jünger machen…“ Asamoah ist gerade 26 geworden.

Bei solchen Aussagen könnte man fast glauben, dass Jugend inzwischen zum entscheidenden Auswahlkriterium für Bundestrainer Jürgen Klinsmann geworden ist. Als die Nationalmannschaft in dieser Woche vor dem Länderspiel gegen Iran in München trainierte, wähnte sich ein Zuschauer bei einer Übungseinheit der U 21. So viele unbekannte Gesichter: Huth und Hitzlsperger, Mertesacker und Görlitz. 12 der 19 Spieler, die nach Teheran geflogen sind, sind 25 oder jünger.

Seit zwei Monaten trainiert Klinsmann die Nationalmannschaft, und schon diese zwei Monate haben gereicht, um dem Kader ein völlig neues Gesicht zu geben – ein durch und durch jugendliches. Fünf Neulinge hat Klinsmann in seiner Amtszeit berufen: Robert Huth, 20 Jahre alt, Andreas Görlitz, 22, Thomas Hitzlsperger, 22, und Per Mertesacker, 20. Nur Frank Fahrenhorst passt mit 27 Jahren nicht ins Beuteschema des Bundestrainers.

„Natürlich ist ein gewisses Risiko dabei“, sagt Klinsmann. „Aber wenn man es nicht jetzt macht, wann dann? Wir können nicht zwei Monate vor der WM damit anfangen.“ Seine Risikofreude hat dazu geführt, dass Robert Huth in dieser Saison häufiger für die Nationalelf gespielt hat als für seinen Verein, den FC Chelsea. Und dass Per Mertesacker schon nach 20 Einsätzen für den Abstiegskandidaten Hannover 96 in den Kreis der Auserwählten berufen wurde. Der Verteidiger wird selbst nach der WM in zwei Jahren noch ein Perspektivspieler sein.

Trotzdem ist in seinem allgemeinen Reformwahn fast ein bisschen untergegangen, dass Klinsmann zum obersten Jugendwart des deutschen Fußballs aufgestiegen ist. Mit der Verjüngung der Nationalmannschaft erweist er sich zudem als entschiedener Anti-Völler. Sein Vorgänger Rudi Völler stand bis zum Ende seiner Amtszeit in dem Ruf, allzu lang an Bewährtem festzuhalten.

Bei Jürgen Klinsmann ist es ganz anders: Von den Mitgliedern des EM-Kaders hat der Bundestrainer unter anderem auf Jens Nowotny, 30, Dietmar Hamann, 31, Christian Ziege, 32, und Fredi Bobic, 32, verzichtet. Jens Jeremies, 30, hat von sich aus den Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt, und Oliver Neuville, 31, fehlte schon im Sommer bei der Europameisterschaft, weil er bei Bayer Leverkusen keinen Stammplatz mehr hatte. Nach seinem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach hat der Stürmer in der Bundesliga sechs Tore erzielt, trotzdem ist er auch für das Spiel in Teheran wieder nicht berufen worden.

Klinsmann sagt, Neuville gehöre nach wie vor zum Kandidatenkreis. Bisher aber hat sich der Bundestrainer nicht einmal bei ihm gemeldet. Dietmar Hamann hat Anfang der Saison immerhin einen Anruf bekommen, in dem Klinsmann ihm mitteilte, „dass er mal eine Weile wegbleibt“. Der Bundestrainer will „ junge Spieler ausprobieren, ihnen die Chance geben, sich zu beweisen“.

Dieser Linie folgt Klinsmann mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit – auch gegen den Vorwurf, er betreibe Aktionismus. „Wenn wir nicht von ihren Qualitäten überzeugt wären, hätten wir sie nicht mitgenommen“, sagt der Bundestrainer über die jungen Spieler. „Früher haben wir immer gejammert: Es kommt nichts nach. Jetzt erleben wir genau das Gegenteil.“

Außerdem sind die jungen Spieler ein wichtiges Element in Klinsmanns Kampf um ein mutiges, aggressives und offensives Auftreten der Nationalelf. Sie sind noch nicht verdorben durch den getragenen Stil, der zu Völlers Zeiten prägend war: als erst einmal – scheinbar endlos – jeder Ball durchs Mittelfeld geschleppt wurde. Die zentrale Figur in diesem Spiel war Dietmar Hamann, der bei der Europameisterschaft bis zum allgemeinen Überdruss seine Verzögerungstaktik pflegte. Jürgen Klinsmann sagt: „Der Didi ist in keinster Weise abgeschrieben.“

Vermisst hat ihn noch niemand.

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