Sport : Jung und kreativ

Die Berlinerin Charlotte Stapenhorst bestreitet ihr erstes großes Turnier mit der Hockey-Nationalelf.

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Von Lichterfelde in die Ferne. Charlotte Stapenhorst träumt von der WM. Foto: Imago
Von Lichterfelde in die Ferne. Charlotte Stapenhorst träumt von der WM. Foto: ImagoFoto: imago sportfotodienst

Berlin - Charlotte Stapenhorst hat am Montag eine Mathematik-Klausur geschrieben, aber ihre Aufregung hat sich in Grenzen gehalten. Nicht weil Stapenhorst überragend gut in Mathe wäre, sondern weil ihr am selben Tag noch weit Aufregenderes bevorstand. Am Nachmittag ist sie in Tegel ins Flugzeug nach Frankfurt am Main gestiegen, von dort ging es am Abend weiter nach Argentinien. Ab Samstag spielt Charlotte Stapenhorst, 18 Jahre alt, angehende Abiturientin am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Zehlendorf, dort mit der Hockey-Nationalmannschaft in Tucuman beim Finalturnier der World League. „Ich bin ziemlich aufgeregt“, sagt sie, „aber ich freu’ mich riesig.“

Die Berlinerin, die normalerweise für TuS Lichterfelde in der Zweiten Liga spielt, ist die jüngste Spielerin im deutschen Aufgebot für das Turnier in Argentinien. „Die Kleene“, sagt Bundestrainer Jamilon Mülders über Stapenhorst, die erst Anfang des Monats in der Nationalmannschaft debütiert hat. Dreimal spielte sie beim Lehrgang in Mannheim gegen England, im letzten Aufeinandertreffen gelang der Stürmerin gleich ihr erstes Tor für die Nationalmannschaft. „Im ersten Länderspiel war die Aufregung so groß – das war nicht so der Knaller“, sagt Stapenhorst. Doch mit jedem Mal wurde es besser. Das Tempo, die Intensität, „das macht viel mehr Spaß als in der Liga“.

Stapenhorst hat jetzt schon mehr Länderspiele (drei) als Bundesligaspiele (null) bestritten. Dass sie mit TuSLi nur in der Zweiten Liga spielt, „das stört mich nicht“, sagt der Bundestrainer. „Sie macht ihre Hausaufgaben.“ Ans internationale Niveau wird die junge Berlinerin mit zusätzlichen Trainingseinheiten herangeführt. Unter anderem von Mülders selbst, der seine Berliner Nationalspielerinnen einmal pro Woche zum Stocktraining versammelt. „Dieses Tempo und diese Qualität kriegt sie in keinem Bundesligaklub“, sagt er.

Die Qualität der 18-Jährigen hat der Bundestrainer schon jetzt für ausreichend erachtet, um sie für höhere Aufgaben in Betracht zu ziehen. „Sie hat sich übers ganze Jahr bei der U 18 und der U 21 empfohlen“, sagt er. Dass Mülders, sozusagen auf dem kleinen Dienstweg, noch weitere Informationen am heimischen Küchentisch eingeholt hat, bestreitet er. Bei TusLi wird Stapenhorst von Anja Mülders trainiert, der Frau des Bundestrainers. Aber zu Hause wird nicht über Hockey gesprochen, sagt Jamilon Mülders, „da bin ich kauzig“.

Charlotte Stapenhorst gehört jetzt zu den 39 besten deutschen Spielerinnen, von denen im Mai 18 bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam auflaufen werden. Bei der WM dabei zu sein, „das wäre der Hammer“, sagt Stapenhorst. Mülders traut ihr das zu: „Sie hat das Potenzial.“ Im Kreis verfüge die Stürmerin über eine außergewöhnliche Qualität, weil sie nicht nach Schema F spiele, sondern kreativ sei und aus dem Bauch heraus entscheide. „Sie hat unglaublich gute technische Fähigkeiten“, sagt der Bundestrainer. Ihre athletischen Fähigkeiten hingegen seien bisher eher mäßig gewesen, doch „da ist sie erwachsener, reifer geworden“.

In Tucuman wird Stapenhorst ihr erstes großes internationales Turnier bestreiten; für die Nationalmannschaft ist es bereits das dritte – in diesem Jahr. „Das ist ein absoluter Schwachsinn“, sagt Mülders. Das sportliche Renommee des World-League-Finales zum Jahresende tendiert gegen null, das empfinden offenbar nicht nur die Deutschen so. „Man sieht anhand der Nominierungen, wer die goldene Ananas gewinnen will“, sagt Mülders. „Mich interessiert sie nicht.“

Der Bundestrainer betrachtet das Turnier mit Gruppenspielen gegen Holland (Samstag), Südkorea (Sonntag) und England (Dienstag) als „total gutes Lernumfeld“. Das gilt auch und vor allem für Charlotte Stapenhorst. „In Argentinien werden wir ihr die Schwimmweste wegnehmen und mal sehen, ob sie schwimmen kann“, sagt Jamilon Mülders. Zweifel hat er nicht. „Ich werde keine nominieren, bei der ich wissentlich zugucke, dass sie untergeht.“ Stefan Hermanns

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