Sport : Junge Leidenschaft

Bei seinem ersten Bundesliga-Spiel begeistert der türkische Nachwuchsspieler Hamit Altintop mit zwei Toren für Schalke

Felix Meininghaus

Gelsenkirchen. Zum Glück wird der junge Mann fürs Fußballspielen bezahlt und nicht fürs Reden. Nach dem Revierderby, als alle Journalisten mit Hamit Altintop sprechen wollten, offenbarte der Bundesliga-Neuling bei den verbalen Standardsituationen vor den Mikrofonen erstmals technische Schwächen: „Ich sach mal“, begann der 20-Jährige vorsichtig, „wir hätten am Ende ein bisschen konzentrierter sein müssen.“ Dann fügte er an: „ Ich sach mal, wir haben einfach Pech gehabt.“ Aber auch: „Ich sach mal, Mama hat sich bestimmt gefreut.“

Garantiert hat sie sich das. Mama Altintop, die mit ihrem Sohn in einer Mietwohnung hinter dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof wohnt, wird viel Freude an ihrem Hamit gehabt haben. Genauso wie die gesamte Schalker Fangemeinde, deren Herzen der junge Türke gleich in seinem ersten Spiel für den Verein eroberte. Schon lange hat es auf der Bühne Bundesliga nicht mehr einen solch furiosen Einstand gegeben wie den, den Altintop vor 61 000 staunenden Zeugen beim Revierderby in der Arena zelebrierte. Schalkes Zugang erzielte beim 122. Duell mit Borussia Dortmund nicht nur zwei Tore, sondern brillierte auch mit viel Einsatzwillen und klugen Pässen. Nach seiner Leistung wunderte sich der Hochveranlagte über das Interesse an seiner Person: „Hier gibt es ja mehr Journalisten als in Wattenscheid Fans.“ Altintop war vor Saisonbeginn vom Drittligisten Wattenscheid 09 gekommen.

Dass die Schalker beim 2:2 (1:0) gegen Dortmund am Ende nicht nur den Sieg verschenkten, sondern auch noch Gerald Asamoah verloren, weil der in der Nachspielzeit wegen Nachtretens Rot sah, war für die Fans ebenso überflüssig wie ärgerlich. „Da müssen wir uns geschickter anstellen“, haderte Trainer Jupp Heynckes, der jedoch mit dem Auftritt seines neuen Teams „über weite Strecken sehr zufrieden“ war.

Das lag vor allem daran, dass Altintop im zentralen Mittelfeld so gekonnt das Spiel an sich riss. Den hatten sie vor der Saison als Fußball-Azubi verpflichtet. Nun wissen sie, dass sie einen überaus talentierten Fußballer in ihren Reihen haben. In der dritten Liga waren sie sich dieser Tatsache längst bewusst. Als sich Schalkes Manager Rudi Assauer erstmals beim kleinen Nachbarn in Wattenscheid blicken ließ, wurde er vom Stadionsprecher über Lautsprecher eingewiesen. Assauer sei zwar herzlich willkommen, solle aber bitte die Finger von Altintop lassen: „Bitte nur gucken, nicht kaufen!“

Dieser Aufforderung kam Assauer nicht nach; stattdessen zahlte er 1,8 Millionen Euro an den Bochumer Vorortklub. Das Geld ist gut angelegt. Eine Stunde lang führte Altintop die bravourös aufspielenden Schalker an, bevor auch ihm in der Hitze der Arena die Puste ausging. Sein fulminanter Weitschuss zum 1:0 wurde von den Fans frenetisch bejubelt, der Flachschuss zum 2:0 rundete den sensationellen Einstand ab. „Ich sach mal“, sagte Altintop, „der zweite Schuss war noch schwerer, weil ich den genau platzieren wollte.“

Der neue Mann scheint die Zeiten kreativer Armut im Schalker Mittelfeld beenden zu können. Schon träumt Altintop davon, bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal für die Türkei aufzulaufen. Schon als Kind habe er sich dafür entschieden, für das Land seines Vaters zu spielen und nicht für Deutschland, berichtete Altintop. Seine Begründung: „Da gibt es mehr Leidenschaft.“ Für den deutschen Teamchef Rudi Völler bedeutet Altintops Entscheidung einen weiteren Verlust – denn auch Leverkusens Yildiray Bastürk oder Bremens Ümit Davala spielen lieber im Trikot mit dem Halbmond als im Dress mit dem Adler. Der türkische Fußballverband hat ein sehr gut funktionierendes Scoutingsystem aufgebaut, mit dessen Hilfe in Deutschland geborene Türken früh gesichtet und für das eigene Nationalteam verpflichtet werden. Kann also Altintop zu einem der besten türkischen Fußballer aufsteigen? Schalkes Manager Assauer versuchte noch am Wochenende, die Euphorie zu bremsen. „Erst wenn er 34 solcher Spiele macht, können wir sagen: Das ist ein Guter“, sagte Assauer.

Auch Heynckes tat nach dem Revierderby das, was in der Branche jeder Trainer tut, wenn sich ein junger Mann in den Vordergrund spielt: er relativierte. „Dass er Talent hat, haben wir vom ersten Trainingstag an gesehen“, sagte der Coach. „Aber der Junge muss sich noch besser stabilisieren.“ Der Vergleich, den Heynckes später zog, war allerdings nicht dazu angetan, Altintop die nötige Bodenhaftung zu vermitteln: „Seine Tempowechsel erinnern mich an Lothar Matthäus.“

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