Junioren-Nationalmannschaft : Die letzte Klassenfahrt

Die U 21 muss bei der EM in Israel auf einige ihrer Besten verzichten und startet heute gegen Holland. Mit dabei ist auch Herthas Pierre-Michel Lasogga.

Stefan Osterhaus
Startklar. Der Berliner Pierre-Michel Lasogga will mit seiner Explosivität dazu beitragen, den EM-Titel zu gewinnen.
Startklar. Der Berliner Pierre-Michel Lasogga will mit seiner Explosivität dazu beitragen, den EM-Titel zu gewinnen.Foto: picture alliance / dpa

Tel Aviv - Pierre-Michel Lasogga blickte aus dem Fenster und traute seine Augen nicht. Da unten liefen sie die Strandpromenade entlang. Hintereinander, nebeneinander, in ihren leuchtend-orangenen T-Shirts. Die Holländer machten Trainingspause – und sie demonstrierten Lässigkeit vor dem deutschen Mannschaftsquartier. Sehr selbstbewusst hätten sie gewirkt, sagt Lasogga, der Mittelstürmer von Hertha BSC, so wie man sich eben präsentieren müsse bei einem wichtigen Turnier wie bei dieser U-21-Europameisterschaft in Israel. Auf eine Kampfansage verzichtete Lasogga, was auch daran lag, dass er zu laut hätte schreien müssen, um die Botschaft zu übermitteln: Sein Zimmer befindet sich im achten Stock einer noblen Herberge am Stadtstrand von Tel Aviv. Lasogga sagt: „Wir bekommen es ja am Donnerstag miteinander zu tun.“

Natürlich freue er sich auf einen Einsatz gegen Holland (20.30 Uhr, live bei Kabel 1), auch wenn er nicht garantieren könne, dass er von Beginn an spielt: „Jeder weiß ja, dass der Trainer die Entscheidung trifft.“ Was im Fall der U 21 aber nur die halbe Wahrheit ist. Denn wenn Trainer Rainer Adrion die freie Wahl gehabt hätte – was für eine sensationelle Mannschaft hätte er dann auf den Platz schicken können.

Ilkay Gündogan, der Dortmunder, wäre noch spielberechtigt, und er wäre gern hingefahren. Auch André Schürrle, der bald für den FC Chelsea spielt, war ein Kandidat. Und natürlich Julian Draxler, Schalkes junges Offensivgenie. Wären Toni Kroos und Mario Götze nicht verletzt, wäre auch ihnen ein Platz im Kader sicher gewesen, wenn sie es gewollt hätten.

So aber müssen die Deutschen zusehen, wie sie klarkommen – und auf altbekannte Komponenten setzen: Der Zusammenhalt der Mannschaft wird beschworen, die gute Fitness, und die Klasse Einzelner. Die von Lewis Holtby beispielsweise, dem ehemaligen Schalker, der jetzt bei Tottenham spielt. Und natürlich die Explosivität des Angreifers Lasogga, der seinen Kollegen einen langen Aufenthalt am Strand von Tel Aviv verspricht: „Wir sind hier, um die EM zu gewinnen.“

Holland zählt neben Deutschland zu den Favoriten

Der Weg ins Finale führt über Holland, Spanien und Russland, wobei es vor allem die erste Aufgabe in sich hat: 14 Spieler sind schon für das A-Nationalteam von Bondscoach Louis van Gaal aufgelaufen, dessen Team in der WM-Qualifikation von Sieg zu Sieg eilt. „Das Qualitätsniveau ist sehr hoch“, sagt Trainer Co Pot. Und so verkündet Keeper Jeroen Zoet nicht minder selbstbewusst als sein deutscher Gegenspieler Lasogga: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, die Mannschaft ins Endspiel zu führen.“

Ausgeglichener ist kaum ein Team besetzt: Die Abwehr um Daley Blind ist bestens organisiert, und in Kevin Strootman vom PSV Eindhoven hat die Mannschaft einen glänzenden Strategen. Luuk de Jong funktioniert im Team als zentraler Angreifer meist besser als in seinem ersten Jahr bei Borussia Mönchengladbach. Trainer Pot will die Deutschen nach gutem holländischen Brauch mit zwei Flügelspielern und einer Spitze in Bedrängnis bringen. Nicht nur der Coach wundert sich, dass die Deutschen es sich leisten, ein paar ihrer besten Kräfte nicht zu nominieren. Denn in Holland ist die Meinung eine ganz andere: Es gehört zum Konzept des Verbandes, die Spieler zum Abschluss der Juniorenausbildung noch einmal ein großes Turnier spielen zu lassen – und ihnen die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen unter harten Wettkampfbedingungen zu machen. Die U 21 hat in Holland traditionell einen ganz anderen Stellenwert.

In Deutschland hat sich diese Sichtweise bisher nicht durchsetzten können. Obwohl die Vergangenheit etwas anderes lehrt: Jahrzehntelang hatten die Deutschen keinen Titel bei den Junioren gewinnen können, im Jahr 2009 aber schlug die Stunde des U-21-Teams. Trainer Horst Hrubesch führte die Mannschaft als Außenseiter zum 4:0-Finalsieg in Schweden über England, und dieses Team war der Kern des neuen deutschen Fußballaufschwungs: Im Tor stand Manuel Neuer, die Abwehr dirigierte Jerome Boateng, Mats Hummels ordnete das defensive Mittelfeld, Mesut Özil und Sami Khedira beherrschten die Offensive. Fabelhafte Kicker, und keiner von ihnen bestreitet, dass der frühe Erfolg ihnen enorm geholfen hat.

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