Sport : Kabale und Liebe auf offener See

Am Wochenende beginnt der America’s Cup – worum es beim wichtigsten Segelrennen der Welt wirklich geht

Ingo Petz

Auckland. Die Schlacht kann beginnen. Simon hat seinen Grill poliert. Würstchen und Schnitzel sind bestellt. „Das Bier wird am Samstag besorgt.“ 30 Freunde sind eingeladen. Einen Plasma-Bildschirm von der Größe einer Badewanne hat er geliehen. Für 75 Euro. „Natürlich mit dem richtigen Sound-System.“ Damit Peter Montgomery, der Heribert Faßbender des neuseeländischen Segel-Fernsehens, auch wirklich bei jedem ankommt. „Nun ist der America’s Cup Neuseelands Cup.“ Simon, ein waschechter Neuseeländer, kann sich an den legendären Montgomery-Satz von 1995 erinnern. Damals war er 16, „und ich schwöre dir, ich bin die Decke hochgegangen“.

Vor acht Jahren gewann der südpazifische Inselstaat die wichtigste Segeltrophäe zum ersten Mal, in San Diego. 2000 wurde „Auld Mug“ erfolgreich verteidigt. In Auckland. Am kommenden Samstag ist es wieder soweit. 3,8 Millionen Neuseeländer blicken auf den 18,5 Seemeilen langen Kurs draußen auf dem Hauraki Golf, 20 Meilen vor der Metropole der Nordinsel. Das Kribbeln lässt die sommerwarme Luft am Skytower bereits vibrieren. Das Duell zwischen der Alinghi aus der Schweiz, die sich das Unternehmen „America’s Cup“ 55 Millionen Euro kosten lässt, und dem Team New Zealand (30 Millionen Euro) ist brisant. Russell Coutts hatte den Cup zweimal für Neuseeland gewonnen. Zusammen mit Taktiker Brad Butterworth hatte er 2000 das Team verlassen, elf Wochen nach der erfolgreichen Verteidigung. Nun kehrt der 40-Jährige auf der „Alinghi“ zurück, um den Cup seinem Heimatland zu entreißen und ihn erstmals seit 151 Jahren nach Europa zu holen.

Neuseelands Stolz hat dadurch Schaden erlitten. Coutts und Butterworth werden von den Medien gar als „Verräter“ hingestellt und die Schweizer als Retorten-Team, das meine, mit Geld alles kaufen zu können, auch den America’s Cup. Neuseeland setzt gegen die Millionen von Alinghi-Milliardär Ernesto Bertarelli den Black Spirit, Patriotismus in Schwarz. Ganz Neuseeland ist überzeugt: Wir, Team New Zealand, gewinnen. Mit Dean Barker am Steuer, dem 29-jährigen Zögling von Russell Coutts.

Der Cup ist längst zur Seifenoper entartet: mit Spionage-Geschichten, Dramen um verletzten Stolz und verkannte Liebe und eine Mär von Siegern und Verlierern. Das hat er vor allem seinen illustren Protagonisten zu verdanken: dem Tee-Baron Sir Thomas Lipton, Software-Tycoon Larry Ellison und Dennis Conner. Der US-Mann hat den Cup viermal gewonnen. Er gehört zum Cup wie Nudeln in die Suppe. Wegen seiner derben Tricks und herben Sprüche wird Conner gern als „Big Bad Dennis" bezeichnet. 1988 gewann er die Silberkanne zum letzten Mal. 1995 verlor er sie – gegen Neuseeland.

Und er verlor 1983. Das war besonders bitter, denn es war das erste Mal, dass der New Yorker Yacht-Club, der den Cup 1851 von England gewonnen hatte, die Trophäe aus den Staaten weggeben musste. Und zwar nach Australien mit dem legendären Alan Bond. In diesem Jahr ist der 60-jährige Conner im Viertelfinale ausgeschieden. Seit 1974 war er bei jedem Cup dabei. Berüchtigt war sein Sieg 1987 gegen Neuseeland. Conner segelte mit einem 18-Meter-Katamaran, leicht und wendig. Neuseeland kam mit einem 40-Meter-Schlachtschiff. Die Neuseeländer protestierten. Vergeblich. Ein Gericht entschied gegen sie. Das war die Zeit, als die heutige America’s-Cup-Klasse (IAAC) noch nicht existierte. Die wurde erst 1992 eingeführt. Um Chancengleichheit zu gewährleisten, wurden penibel Material, Größe, Länge und Breite für die Boote festgelegt.

Conner hat den Cup durch eine damals neue professionelle Einstellung zu dem gemacht, was er heute ist. Coutts könnte ihn beerben und das Segeln in eine neue Dimension führen, in eine Technologie-Schlacht der schwimmenden Volkswirtschaften, verwissenschaftlicht, computerisiert und hochgezüchtet. Für jeden der 16 Segler auf den 25-Meter-Booten definiert sich Professionalität neu. Es ist die Formel 1 des Segelsports. Der Gesamtetat liegt zwischen 20 und 100 Millionen Euro. Die Entwicklung einer erfolgreichen Hightechyacht verschlingt allein ein Drittel dieser Summe. Schon die Anmeldung zum Cup kostet 300000 US-Dollar, ein Spinnaker ist für rund 30000 Euro zu haben. Die Trimmer, Taktiker, Navigatoren und Steuermänner müssen optimal arbeiten: ein falscher Handgriff, eine falsche Wende, „und das Spiel ist aus", wie Jochen Schümann von der Alinghi sagt. Das Geheimnis des minimalen Vorsprungs ist simpel. Derjenige, der zwei Jahre vor dem ersten Rennen weiß, wie das beste Boot unter Berücksichtigung aller Faktoren wie Wetter, Technik, Segler und Geld auszusehen hat, gewinnt – vielleicht. Ohne aber zu wissen, ob nicht ein anderes Team das alles besser wusste. „Wir müssen das Unmögliche möglich machen", sagt Rolf Vrolijk, der Hamburger Designer der Alinghi. Der Rest ist Kunst und Kreativität.

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