Sport : Kämpfeim Ring undvor Gericht

Die sportlichen Hintergründe des Falls Rocchigiani

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Es hat einige Weltmeister im Profiboxen gegeben, die ihre Champions-Gürtel in die Mülltonne warfen, weil sie sich von der großen Politik der Weltboxverbände hintergangen fühlten. Nun hat sich einer, Graciano Rocchigiani, gerichtlich gewehrt. Mit Erfolg.

Vier halbwegs ernst zu nehmende Weltboxverbände gibt es. Die World Boxing Association (WBA, seit 1962, Sitz in New York), den World Boxing Council (WBC, 1963, Mexiko-Stadt), die International Boxing Federation (IBF, 1983, New Jersey) und als jüngsten Verband die World Boxing Organization (WBO, 1988, Puerto Rico). In 17 Gewichtsklassen werden Titel vergeben. Es könnte maximal 68 Weltmeister geben. Alle unterschiedlich gut, alle unterschiedlich rentabel für die Weltverbände.

Das große Geld ist mit wenigen Ausnahmen nur im Schwergewicht zu verdienen. Zu den Ausnahmen zählen klassische Gewichtsklassen wie Leicht-, Mittel- und das Halbschwergewicht. Vorausgesetzt, in diesen Limits agieren exzellente Boxer, die profitabel vermarktbar sind. Zum Beispiel Roy Jones jr. Der Amerikaner wird vom WBC 1997 als Weltmeister im Halbschwergewicht geführt und gilt über die Gewichtsklassen bzw. Verbände hinweg als einer der besten Boxer überhaupt. Im November 1997 legt Jones den Titel nieder. Der Grund: zu geringe Gage für die Pflichtverteidigung gegen Michael Nunn (USA), dessen Management den Kampf ersteigert hat. Jones will ins Schwergewicht wechseln.

Zwei Wochen später setzt der WBC das Duell Nunn/Rocchigiani um den vakant gewordenen Titel an. Am 21. März 1998 schlägt Rocchigiani in Berlin Michael Nunn und wird WBC-Champion. Leider lässt sich der Deutsche für den WBC nicht annähernd so gut vermarkten wie Roy Jones. Der wiederum will zurück ins Halbschwergewicht und droht, zu einem Konkurrenzverband zu wechseln. Jones hat den WBC in der Hand, bekommt deshalb praktisch den Titel zurück geschenkt. Im April 1998 schlägt Jones seinen Landsmann Virgil Hill. Das US-Boxmagazin schreibt, dass Jones damit seinen WBC-Titel verteidigt hat.

Nun hat der WBC ein Problem. Im Mai 1998 setzt der Verband die Versteigerung des Kampfes zwischen Jones und Rocchigiani auf den 21. Juni an. Kurz darauf teilt der WBC Rocchigiani per Fax mit, dass es sich beim Kampf gegen Nunn nur um eine Interims-WM gehandelt habe, und gestattet Roy Jones (als offiziellem WBC-Weltmeister) einen WM-Vereinigungskampf gegen Lou del Valle (WBA-Weltmeister). Am 18. Juli 1998 schlägt Jones del Valle und wird als WBC-/WBA-Weltmeister im Halbschwergewicht geführt.

Der WBC beruft sich darauf, dass Jones entgegen seinem Vorhaben nie wirklich im Schwergewicht geboxt hat und quasi als „Champion in Recess“ (Weltmeister im Wartestand) geführt wurde. Graciano Rocchigiani war anderer Ansicht. Michael Rosentritt

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