Sport : Kämpfer gegen den eigenen Widerstand

Brustschwimmer werden als die Sonderlinge des Schwimmens belächelt – dabei betreiben sie die anspruchsvollste Disziplin

Frank Bachner

Berlin. Mark Warnecke wollte unbedingt dieses Sondertraining. Er fühle sich sonst nicht gut, sagte er. Es war kurz vor Weihnachten, eigentlich war jener Tag trainingsfrei. Also verzichtete sein Trainer Horst Melzer auf eine Familienfeier, stattdessen wartete er in der Schwimmhalle von Essen auf den Weltklasse-Brustschwimmer Warnecke. Er wartete lange. Irgendwann aber wählte er Warneckes Handynummer, und in sein Ohr dröhnten Motorengeräusche. Der leidenschaftliche Autorennfahrer Warnecke raste gerade in seinem Sportwagen über den Nürburgring. „Sorry, ich habe vergessen abzusagen“, brüllte er Melzer zu.

Jetzt sitzt Melzer auf einer Tribüne der Schwimmhalle an der Landsberger Allee, im Wasser finden gerade Vorlaufrennen des Schwimm-Weltcups statt, und der Trainer blickt flehentlich Richtung Hallendecke. „Warnecke in der Kombination mit Brustschwimmen, das ist der Höhepunkt eines Trainers“, verkündet er sarkastisch. Zehn Jahre arbeitet er nun mit Warnecke, zehn Jahre lang nervt ihn dessen Unzuverlässigkeit. Aber genau genommen ist der Olympiadritte von 1996 nur ein typischer Brustschwimmer. Die gelten als sympathisch chaotisch, als die Linksaußen des Schwimmens. „Es gibt diesen Spruch der Freistilschwimmer: Denen verzeihen wir alles, es sind halt Brustschwimmer“, sagt Melzer. Extreme Typen seien das, sagt der deutsche Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann. Ken Hartel aus Essen, der mal den Rekord über 200 Meter Brust hielt, veranstaltete professionell Techno-Partys, während er zugleich um Medaillen kämpfte. Jens Kruppa aus Leipzig, Kurzbahn-Europameister, taucht mit absonderlichem Outfit auf. Olivier Vincencetti, auch von Melzer trainiert, redet nach einem verpatzten Wettkampf zehn Tage nicht mehr. Das steht jetzt wieder an. Vincencetti beendete seinen 100-Meter-Brust-Vorlauf auf Platz acht. „Jetzt muss ich mit ihm schimpfen“, sagt Melzer. Warnecke war am Samstag über 50 Meter Brust auch nicht besser. Er wurde Vorlauf-Zehnter.

Brustschwimmer bilden so etwas wie eine Seilschaft der Außenseiter. „Sie sind im Training gefürchtet“, sagt Melzer. „Kein Freistilschwimmer will auf seiner Bahn einen Brustschwimmer. Die sind langsam, sind ein Hindernis, brauchen viel Platz, und sie treten mit den Beinen.“ Brustschwimmer bilden aus tief empfundenem Frust eine Art geistige Wagenburg gegen andere. Nur in ihrem eigenen Kreis, so kommt es ihnen vor, werden sie mit ihren Leiden, Problemen und Eigenheiten verstanden.

Dabei hätten sie mehr Respekt verdient. Schließlich versuchen sie sich an der anspruchsvollsten Aufgabe des Schwimmens. Keine Stilart ist komplizierter als Brustschwimmen. Als schnelles Brustschwimmen, genau gesagt. Freizeitsportler bremsen sich beim Brustschwimmen, ohne es zu bemerken. „Biomechanisch ist dieser Stil der Super-GAU“, sagt Cheftrainer Beckmann. Freistilschwimmer kämpfen darum, möglichst flach durchs Wasser zu schlängeln. Brustschwimmer kämpfen darum, dass sie nicht stehen bleiben. Denn sie erzeugen eigentlich nur einen großen Widerstand im Wasser. Sie ziehen die Beine an, die dann wirken wie ein Treibanker, und sie bremsen sich, wenn sie die Arme nach vorne schieben. Also lautet die entscheidende Frage: Wie reduziere ich den Widerstand? Antwort: Wenn Arme und Beine optimal koordiniert arbeiten. Beim Strecken der Arme gibt es einen ganz bestimmten Punkt, an dem ein Schwimmer seine volle Beinkraft einsetzen muss. Nur dann erreicht er Höchstgeschwindigkeit. Doch diese Hundertstelsekunde finden Trainer und Athleten erst nach Jahren. Fehlt diese Feinkoordination, ist das fatal. Dann wirken Arm- und Beinkraft sogar gegensätzlich. Der Schwimmer wird gebremst. „Es gibt Athleten, die schwimmen für einen Moment sogar rückwärts“, sagt Beckmann.

Aber die Suche nach diesem Punkt ist nur ein Teil der Tüftelei. Da jeder Athlet unterschiedlich lange Arme und Beine hat, muss jeder für sich zum Beispiel die optimale Handstellung oder die optimale Gleitphase des Kopfes finden. Deshalb gibt es auch kein allgemein gültiges Erfolgsrezept. „Freistilschwimmern kann ich sagen: Schwimmt wie Australiens Superstar Ian Thorpe, dann ist es richtig“, sagt Beckmann. „Beim Brustschwimmen aber gibt es kein Vorbild.“ Ed Moses aus den USA etwa, der in Berlin den Weltrekord über 200 Meter Brust verbesserte, hat einen anderen Stil als Mark Warnecke. Moses setzt seine Arme stärker ein als der Deutsche, Warnecke dagegen gleitet wellenförmiger. „Es gibt fünf verschiedene Stilarten im Brustschwimmen“, sagt auch Moses.

Aber sie alle bleiben trotzdem Brustschwimmer, Sonderlinge. Und dementsprechend fallen sie auf. Zum Beispiel, als ein Sportartikelhersteller beim Weltcup deutsche Topschwimmer messen lassen wollte. Die Daten benötigte er für die Schwimmanzüge, die bei Olympia eingesetzt werden. Fast alle Athleten können auf Standardgrößen zurückgreifen. Einer aber trat in Berlin mit acht Kilogramm Übergewicht auf. Die speckt er zwar noch ab, aber wegen dieser Zeitverzögerung muss man für ihn im Sommer einen Maßanzug anfertigen. Das Schwergewicht war Mark Warnecke.

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