Sport : Kaffeetafel im Feldgasthof

Vor dem Spiel gegen Bosnien-Herzegowina besuchen die deutschen Fußballer die Sfor-Truppe in Sarajevo

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Von Stefan Hermanns

Sarajevo. Der Beruf des Soldaten erfordert ein hohes Maß an Gewissenhaftigkeit. Vielleicht nimmt Oberst Gerhard Stelz, der Kommandeur des deutschen Sfor-Lagers Rajlovac in Sarajevo, deshalb um viertel nach vier das Mikrofon zur Hand und richtet eine eindringliche Bitte an die 800 wartenden Soldaten in der Kantine. „Es kann nachher ruhig Stimmung aufkommen“, sagt Stelz. Nachher ist nämlich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu Gast, und die Soldaten, so fährt Stelz fort, dürften sich dann von ihren Plätzen erheben und vor allem Teamchef Rudi Völler einen warmen Empfang bereiten. „In diesem Sinne also: Stimmung im Saal!“, schließt der Kommandeur seine kleine interne Rede. Als der Tross des Deutschen Fußball-Bundes mit 40 Minuten Verspätung in den so genannten Feldgasthof des Lagers einzieht, steigen die Soldaten auf die Stühle und klatschen, vor allem rufen sie „Rudi, Rudi!“ Befehl ausgeführt.

„Wahnsinn, was hier los ist“, sagt Oliver Kahn, der Torwart und Kapitän der Nationalmannschaft. „Vielen Dank, Jungs.“ Auch die Soldaten fühlen sich zu Dank verpflichtet. Einen Tag vor dem Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina ist die deutsche Nationalmannschaft zur gemeinsamen Kaffeetafel erschienen, damit die Soldaten bei Kaffee und Buttercremetorte ganz ungezwungen mit den berühmten Fußballern reden können. Das mit dem Reden erweist sich dann allerdings als schwierig, weil die Nationalspieler vornehmlich damit beschäftigt sind, ihre n auf Fahnen, Trikots und Bälle zu schreiben, und weil sie diese Tätigkeit eigentlich nur unterbrechen, um zwischendurch in einen der vielen Fotoapparate der Soldaten zu lächeln.

Dass der Deutsche Fußball-Bund mit seiner gesammelten sportlichen Prominenz überhaupt nach Rajlovac gekommen ist, haben die Soldaten einem ihrer Vertrauensleute zu verdanken. Als der erfuhr, dass die Nationalelf in Sarajevo ein Freundschaftsspiel bestreiten würde, hatte er die vollkommen einleuchtende Idee: „Wir könnten die doch mal zum Kaffeetrinken einladen.“ Seine Kameraden fanden den Vorschlag ebenso gut, wie sie dessen Verwirklichung für unrealistisch hielten. Umso größer war die Überraschung, als dann tatsächlich eine Zusage aus Frankfurt kam. „Wir wissen ganz genau, dass die Soldaten während der WM mit uns gefeiert und uns die Daumen gehalten haben“, hat Rudi Völler vor dem Abflug aus Deutschland gesagt. Dafür wollten sie jetzt etwas zurückgeben. „Eine großartige Geste“ sei das, sagt Oberst Stelz.

Schon als die Fußballer in der Chartermaschine des Ferienfliegers LTU Richtung Sarajevo sitzen, erfahren sie, dass diese Dienstreise anders ist als die vielen zuvor, dass sie in ein Land führt, „in dem es vor kurzem noch drunter und drüber ging“, wie Rudi Völler sagt. Das Flugzeug ist mit einer Stunde Verspätung aus Frankfurt abgeflogen, und der Kapitän erklärt, dass die Maschine von der militärischen Verwaltung des Sarajevoer Flughafens zunächst keine Landeerlaubnis erhalten habe.

Auf dem Weg in ihr Hotel fahren die Nationalspieler dann über die so genannte Sniper-Allee, die im Krieg die Straße der Heckenschützen war. Vorbei geht die Fahrt an zerstörten Häusern, am zerschossenen Straßenbahndepot, in dem immer noch ausgebrannte Wagen stehen, und an Fassaden mit Einschusslöchern, die aussehen wie pockennarbige Gesichter. Dreieinhalb Jahre lang war Sarajevo von serbischen Truppen eingekesselt, aus ihren Stellungen in den Bergen konnten die Angreifer jeden Punkt in der Stadt beschießen. Inzwischen, sieben Jahre nach dem Ende der Kampfhandlungen, ist die Lage „oberflächlich ruhig und stabil“, sagt Oberstleutnant Günther Pusch, der Sprecher des deutschen Heereskontingents. „Doch ohne die Präsenz der internationalen Gemeinschaft wäre sie das nicht.“

Seit Ende 1996 stellen die Deutschen einen Teil der Truppe Sfor (Stabilisation Force), zurzeit sind mehr als 1500 Bundeswehrsoldaten in Bosnien-Herzegowina stationiert. „Es ist kein einfacher Dienst“, sagt Oberst Stelz. „Noch überwiegt hier das gegenseitige Misstrauen. Aber wir haben es immerhin geschafft, dass die Menschen in diesem Land auf Gewaltanwendung verzichten.“ Trotzdem gibt es für die Soldaten keine Ruhetage. „Jeder Tag ist für uns Mittwoch“, sagt Stelz.

Es sei denn, die Fußball-Nationalmannschaft kommt mal eben vorbei, und deren Teamchef schneidet eine riesige Torte an, die so groß ist, dass unter dem Tisch vier Fernseher Platz haben. Auf den Bildschirmen läuft übrigens noch einmal die Übertragung vom letzten Weltmeisterschafts-Finale zwischen Deutschland und Brasilien. Als die Nationalspieler nach knapp einer Stunde aus dem Feldgasthof zum Training aufbrechen, steht es noch 0:0.

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