Sport : „Kahn kennt hier kaum einer“

Siegfried Held über die Arbeit als Trainer in Thailand, fremde Deutsche und sein Image als Schweiger

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Herr Held, ihre Mannschaft spielt heute gegen den dreimaligen Weltmeister Deutschland. Interessiert das in Thailand eigentlich irgendjemanden?

Die Zuschauerzahlen bei Ligaspielen sind sehr niedrig. Aber das Interesse an fußballerischen Großereignissen ist hier normalerweise sehr hoch. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass sich die Leute hier mehr für englischen Fußball begeistern. Auf den Straßen in Bangkok sieht man fast nur Trikots der englischen Vereine. Plakate von David Beckham kleben an jeder zweiten Straßenecke, im Fernsehen wirst du mit englischem Fußball zugeschüttet. Auch die Asienreisen von Brasilien und Real Madrid haben Eindruck hinterlassen. Im Verhältnis dazu sind die deutschen Spieler nahezu unbekannt.

Da ist es ja höchste Zeit, dass die deutschen Spieler mal vorbeikommen.

Unter kommerziellen Gesichtspunkten betrachtet, ja. Die Engländer haben hier ab Mitte der Neunzigerjahre eine Imagekampagne gestartet, die man in diesem Ausmaß gar nicht kannte. Ich habe 1995 schon einmal in Japan gearbeitet, da waren, wie in den anderen asiatischen Ländern auch, Namen wie Rummenigge, Klinsmann oder Matthäus noch unglaublich präsent. Heute lieben die Thailänder Manchester United oder den FC Liverpool und vergöttern Ronaldo und Zidane. Kahn oder Ballack sind durch die WM vielleicht in Japan und Südkorea bekannt, hier kennt sie kaum jemand.

Aber Sie haben schon mitbekommen, dass der deutsche Bundestrainer jetzt Jürgen Klinsmann heißt?

Ich lese regelmäßig deutsche Zeitungen. Aber aus der Ferne kann ich das alles natürlich nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass die Mannschaft trotz der Niederlage gegen Südkorea erfolgreich spielt, dass sie einen ansehnlichen Offensivfußball zeigt und dass auch die Integration junger Spieler zu funktionieren scheint.

Rechnen Sie sich nach dem Sieg Südkoreas gegen die Deutschen Siegchancen aus?

Nein, ich hoffe nur, dass meine junge Truppe nicht komplett unter die Räder kommt. Eine engagierte und konzentrierte Leistung, eine moderate Niederlage – das wäre für mich schon ein großer Erfolg. Man darf nicht vergessen, dass hier Amateure und Halbprofis gegen eine der besten Nationalmannschaften der Welt antreten. Bei uns fällt immer mal wieder jemand aus, weil er noch irgendwo zusätzliches Geld für seine Familie verdienen muss oder einen wichtigen Termin an der Uni hat. Wunderdinge kann ich nicht erwarten. Vor dem Spiel gegen Deutschland werde ich meinen Jungs sagen: Schaut euch das an, so spielt man professionell Fußball!

Drei thailändische Spieler haben immerhin eine Einladung zu einem Probetraining beim FC Everton in England erhalten.

Na ja, das darf man nicht überbewerten. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass asiatische Spieler oftmals verpflichtet werden, um den Verein in Asien besser vermarkten zu können. Dass er auf dem Mannschaftsfoto zu sehen ist, sagt nicht allzu viel über die wirkliche Stärke eines Spielers aus. Da warte ich erst mal ab. Auf dem Zettel hab ich die drei vorerst noch nicht.

Dettmar Kramer hat 1964 die japanische Olympiaauswahl trainiert und gilt seither als „Vater des japanischen Fußballs“. Werden Sie der Vater des thailändischen Fußballs?

Das lässt sich nicht miteinander vergleichen. Dettmar Kramer war damals der erste europäische Trainer in Japan. Der wurde wie ein Guru behandelt. Heute findet zwischen den Kontinenten ein permanenter Austausch statt. Die Nationalmannschaften der meisten kleinen Fußballnationen sind inzwischen bereits durch die Hände mehrerer ausländischer Trainer gegangen. In Thailand waren es in den letzten Monaten drei, mich eingerechnet. Meine Chancen, später mal als „Vater des thailändischen Fußballs“ bezeichnet zu werden, sind also gering.

Ohne eine eigene Profiliga dürfte sich der Erfolg Ihrer Nationalmannschaft ohnehin in Grenzen halten.

Das muss man so sagen. Die athletischen Grundvoraussetzungen der Spieler werden in den Vereinen gelegt. Aber ohne finanziellen Anreiz gibt es keinen Profifußball, und ohne heimischen Profifußball werden Sie auch nicht genügend Spieler für eine gute Nationalmannschaft finden. Für den Aufbau einer Profiliga gibt es hier aber bereits konkrete Pläne.

Es existieren kaum Anekdoten über Sie, in Deutschland galten Sie immer als hartnäckiger Schweiger. Thailand mit seinen zurückhaltenden Menschen muss ein Traum für Sie sein.

Wirklich wortkarg war ich eigentlich immer nur in der Öffentlichkeit. Mit meinen Spielern hab ich schon früher genauso viel geredet wie jeder andere Trainer auch. Aber es stimmt: Die gesellschaftlichen Konventionen in Thailand kommen meinem eher ruhigen Gemüt schon sehr entgegen. Jemand mit cholerischem Temperament hätte es hier schwer.

Das Gespräch führte Christian Blitz.

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