Kahns Abschied : Größe und Gefühl

In seinem letzten Spiel siegt Oliver Kahn mit dem FC Bayern München 4:1 gegen Hertha BSC und stellt noch einen Rekord auf. Er hat sich fast alles in seiner Karriere erfüllt, nur ein Tor hat er nie geschossen.

Stefan Hermanns[München]
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Oliver Kahn bedankt sich bei seinen Fans. -Foto: ddp

Es lässt sich trefflich darüber streiten, wie sinnvoll es ist, einem Fußballer kurz vor einem Spiel einen Blumenstrauß zu überreichen. Nach einem kurzen Moment für die Fotografen landet der Strauß meistens irgendwo am Spielfeldrand, manchmal fliegt er auch gleich ins Publikum. Seit gestern aber weiß man, dass so ein massiges Bouquet noch einen anderen Sinn erfüllt: Man kann sich bestens dahinter verstecken. Ottmar Hitzfeld hielt den Blumenstrauß, den er zu seinem Abschied vom FC Bayern München überreicht bekommen hatte, genau vor sein Gesicht. „Auch ich habe Gefühle“, hat Hitzfeld vor einer Woche gesagt; gestern bewies er es. Ottmar Hitzfeld, der vermeintliche Eisvogel, weinte bitterlich.

Torhüter Oliver Kahn hingegen brachte die Verabschiedungszeremonie vor dem Bundesligaspiel gegen Hertha BSC mit der ihm eigenen Ruhe hinter sich – und die Berliner unternahmen wenig, um ihn in den folgenden 90 Spielminuten in seiner Ruhe zu stören. Nach drei Siegen hintereinander unterlag Hertha dem neuen Deutschen Meister 1:4 (0:3) und verspielte damit den einstelligen Tabellenplatz, den Manager Dieter Hoeneß im vorigen Sommer als Saisonziel ausgerufen hatte. Der gefühlte Ballbesitz lag bei 73 zu 27 Prozent zugunsten der Münchner. Ein einziger Schuss kam vor der Pause auf das Tor von Oliver Kahn, eine Art Flanke des Brasilianers Raffael, die der Torhüter der Bayern mit beiden Fäusten abwehrte. Als Kahn das nächste Mal eingreifen musste – nach einem Fernschuss des Brasilianers Mineiro genau auf Mann – war auch die zweite Halbzeit schon zur Hälfte vorüber. Kahn hätte vor der Pause genügend Muße gehabt, um sich noch einmal seine komplette Karriere, die bisherigen 556 Bundesligaspiele seit dem 27. November 1987 und alle seine Erfolge durch den Kopf gehen zu lassen. Erst am Ende des Spiels erlaubten die Bayern den Berlinern ein paar gefährliche Aktionen. Nachdem der eingewechselte Waleri Domowtschiski die Latte getroffen hatte, überwand er Kahn zum 1:4. Trotzdem übertrafen die Bayern und vor allem ihr Torwart den 20 Jahre alten Rekord des SV Werder Bremen, der 1988 mit nur 22 Gegentoren Meister geworden war. Die Münchner schafften es in dieser Saison mit 21.

Hertha BSC trug entschlossen dazu bei, dem Nachmittag einen festlichen Rahmen zu verpassen, nicht nur weil die Mannschaft den Bayern mit einem Transparent zum Double gratulierte und „Servus Olli! Servus Ottmar!“ sagte; vor allem bemühte sie sich, durch verschärfte Passivität die Party nicht weiter zu stören. Schon in der dritten Minute köpfte Luca Toni eine Flanke von Franck Ribéry zum 1:0 ein. Sein Gegenspieler Steve von Bergen stand zwar neben dem Italiener, bedrängte ihn aber nicht weiter: Toni musste bei seinem Kopfball nicht mal in die Luft springen, er wartete auf dem Boden, bis ihm der Ball auf den Schädel fiel.

Flanke, Kopfball, Tor – das Muster ist so schlicht, dass die Münchner es nach knapp einer halben Stunde ein weiteres Mal mit Erfolg probierten: Diesmal kam die Flanke von der anderen Seite und von Bastian Schweinsteiger, wiederum zu Toni, der jedoch immerhin springen musste, um vor Arne Friedrich an den Ball zu kommen. Nachdem Franck Ribéry kurz darauf nach einer Ecke mit einem Dropkick zum 3:0 erhöht hatte, verwertete Toni nach der Pause eine Hereingabe von Lukas Podolski zum 4:0 – mit dem Fuß. Mit 24 Treffern ist der Italiener gleich in seiner ersten Bundesligasaison Torschützenkönig geworden.

An diesem Nachmittag wurde alle Wünsche erfüllt. Oder fast alle. Mitte der zweiten Halbzeit trugen die Bayern-Fans einen besonderen Wunsch an ihren Torhüter Kahn heran. „Olli, in den Sturm“, sangen sie. Und: „Auf geht’s, Olli, schieß ein Tor!“ Erfüllt wurde ihr Flehen nicht. Zweieinhalb Minuten vor Schluss wurde Oliver Kahn ausgewechselt. Er hat fast alles in seiner Karriere erreicht. Nur ein Tor hat er nie geschossen.

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