Kahns Abschied : Torwart ohne Tränen

Oliver Kahn verabschiedet sich beim 1:1 des FC Bayern gegen die Nationalelf endgültig vom Fußball Auch in seinem letzten Spiel gelang es Kahn nicht, selbst ein Tor zu erzielen.

Stefan Hermanns[München]
Kahn
Keine feuchten Augen. Oliver Kahn bei der Ehrenrunde.Foto: dpa

Nach dem erfolgreichen Überlebenskampf wartete noch eine letzte Prüfung auf Oliver Kahn. Natürlich hatte er, anders als von ihm selbst befürchtet, die 75 Minuten im Tor des FC Bayern München überlebt, ziemlich bravourös sogar. Aber würde Kahn auch dem Augenblick danach gewachsen sein? Oder würden die Emotionen ihn übermannen? Würde er, Oliver Kahn, der Titan, am Ende sogar weinen? Um 21.40 Uhr wurde diese Frage gestern Abend beantwortet. Das Licht in der Arena ging aus, das Abschiedsspiel zwischen dem FC Bayern und der Nationalmannschaft wurde beim Stand von 1:1 unterbrochen, Kahn legte sich eine Bayern-Fahne um die Schulter, umarmte seinen Nachfolger Michael Rensing und startete seine Ehrenrunde. „Time to say goodbye“, sang der Tenor Paul Potts. Kahn kämpfte heftig gegen die Tränen, doch er gewann auch diesen Kampf noch. „Das war das Größte, was ich in meiner Karriere erlebt habe“, sagte er nach der Ehrenrunde. Dann verschwand Oliver Kahn in den Kabinentrakt. Hinter ihm und hinter einer großen Karriere wurde die Klappe zum Spielfeld zugemacht.

Um 20 Uhr hatte Kahn die große Bühne zum letzten Mal betreten. Die Mannschaften standen bereits auf dem Rasen, als Letzter zog Oliver Kahn in die Arena ein, der neue Ehrenspielführer des FC Bayern. „So soll es sein, so soll es bleiben“, sang die Band „Ich & Ich“ dazu. Für Kahn wird jetzt erst einmal alles anders, aber an diesem Abend war vieles wie gehabt. Bastian Schweinsteiger, der für die Nationalmannschaft spielte, versuchte Kahn mit einem Weitschuss vom Anstoßpunkt zu bezwingen und verschaffte dem Ehrengast die erste Gelegenheit, sich in der ausverkauften Arena feiern zu lassen.

„Olli für Deutschland“, sangen die Fans in der Südkurve, ehe sie, alten Reflexen folgend, den einstigen Rivalen Jens Lehmann auf unflätige Weise beschimpften. Kahn selbst mahnte umgehend zu Mäßigung, und auch Bayerns Manager Uli Hoeneß appellierte über die Stadionlautsprecher an die Bayernfans: „Das ist nicht der Zeitpunkt, um solche Dinge zu machen. Heute ist der Tag der Versöhnung.“

Beim letzten Spiel der Nationalmannschaft gegen die Bayern, zur Eröffnung der Münchner Arena vor drei Jahren, hatten die Feindseligkeiten des Publikums gegen Lehmann noch zu einer mittleren diplomatischen Krise zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem FC Bayern geführt. An das Spiel erinnert man sich bei der Nationalmannschaft gar nicht gerne, auch weil die Begegnung 1:4 verloren ging und Bundestrainer Jürgen Klinsmann sich anschließend heftigen Anfeindungen für seine Idee vom offensiven Fußball ausgesetzt sah. Diese Gefahr bestand gestern schon deshalb nicht, weil Klinsmann inzwischen die Bayern trainiert. Er hatte zudem einige Schwierigkeiten, überhaupt eine standesgemäße Mannschaft für das Spiel zusammenzubekommen. Die Nationalspieler Martin Demichelis, Daniel van Buyten, Lucio und Bastian Schweinsteiger fehlten, immerhin spielten Lukas Podolski, Philipp Lahm und Miroslav Klose für die Bayern.

Es war zumindest zeitweise ein hübsches Spielchen, in dem die Nationalmannschaft nach einer halben Stunde in Führung ging. Breno lenkte einen Schuss von Piotr Trochowski ins eigene Tor. Mit einem Eigentor war der Titan zum letzten Mal in seiner Karriere bezwungen worden. Den Treffer nahm Kahn ohne erkennbare Regung zur Kenntnis. Sein Kiefer arbeitete sich weiter an einem Kaugummi ab. Übertriebener Ehrgeiz? Doch nicht an diesem Abend. Es war fast, als müssten die Fans Kahn noch einmal an seine eigentliche Bestimmung erinnern: „Olli will das Spiel noch gewinnen!“, riefen die Zuschauer. Immerhin: Er verlor es nicht. Miroslav Klose erzielte kurz nach der Pause den Ausgleich zum 1:1-Endstand.

Kahn selbst tat, was ein Mann seines Alters noch tun kann. Er flog und hechtete, hielt einen Schuss von Mario Gomez, lenkte einen tückischen Aufsetzer von Marko Marin mit dem von ihm patentieren Übergreifer noch zur Ecke, und einen Kopfball von Kevin Kuranyi guckte er souverän an die Latte. Jeder Rückpass in Kahns Füße wurde vom Publikum ausgelassen bejubelt, das komplette Gesangsrepertoire der Südkurve wurde auf den Star des Abend umgedichtet: „Steht auf, wenn ihr für Olli seid“, „Auf geht’s, Olli, schieß ein Tor“ oder „Olli in den Sturm“. 557 Spiele hat Kahn für die Bayern bestritten, dazu 86 Länderspiele für die Nationalmannschaft, so ziemlich alles hat er erlebt – nur ein Tor ist ihm in seiner Karriere nie gelungen. Nicht mal in seinem Abschiedsspiel.

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