Sport : Kaiserslautern - Bayern München: Nur das Schlaflied fehlt

Hartmut Scherzer

Franz Beckenbauer müsste eigentlich gestaunt haben: "Ja ist denn schon Weihnachten?" 15 Tage vor Heiligabend wurde dem FC Bayern München ein unverdientes 0:0 gegen den 1.FC Kaiserslautern beschert. Und die Bayern feierten dieses erste torlose Treffen gegen den FCK nach elf Jahren wie einen Sieg. Bei der Zielsetzung, zum Jahresende an der Tabellenspitze zu überwintern, tritt der Titelverteidiger weiter auf der Stelle.

Der Weihnachtsmann auf dem Betzenberg hieß Jürgen Kreyer. Der Mann ist der Assistent von Schiedsrichter Jürgen Aust und hatte die Fahne oben, als Marian Christow in der 31. Minute nach einem der vielen Freistöße von Youri Djorkaeff den Ball per Kopf ins Tor beförderte. Eine Fehlentscheidung, wie in solchen Fällen das Fernsehen zu beweisen pflegt. Jürgen Aust, der nicht gerade seinen besten Tag hatte, wies jegliche Verantwortung von sich. Schuld war der Kollege vor der Gegentribüne. "Ich habe mich in dieser Situation auf den Assistenten verlassen. Der signalisierte, dass ein anderer Spieler zuvor im Abseits gestanden hatte. Der Kopfstoß des Spielers war wohl einwandfrei." Also keine "Jingle Bells", die zur Adventszeit im Fritz-Walter-Stadion bei Lauterer Toren läuten.

Nun mag es hypothetisch sein, ob ein 1:0 nach einer halben Stunde den aggressiveren, leidenschaftlicheren, muntereren Lauteren tatsächlich zum Sieg gereicht hätte. Vielleicht wären die müden Bayern ja wachgerüttelt worden. Matt hätten eigentlich die Gastgeber sein müssen. Die Mannschaft von Teammanager Andreas Brehme hatte gerade fünfzig Stunden und dreißig Minuten zuvor den Kraftakt gegen die Glasgow Rangers (3:0) beendet. Die Bayern hingegen hatten zwei Tage mehr, um sich vom Spiel in London gegen Arsenal (2:2) zu erholen. "Ich hatte erwartet", mäkelte daher Uli Hoeneß, "dass wir gegen eine Mannschaft, die 48 Stunden zuvor noch im Europapokal gespielt hat, neunzig Minuten Vollgas geben." Aber der Manager hatte den Eindruck, seine Bayern hätten erst zwei Tage zuvor Schwerstarbeit verrichtet. "Kompliment, welch großartige Leistung Kaiserslautern gebracht hat", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld und zeigte damit großen Respekt vor der Lauterer Leistung. Stefan Effenberg konnte unwidersprochen feststellen: "Wir hätten uns nicht beschweren können, wenn Lautern gewonnen hätte."

Beim FC Bayern ist in diesen Tagen erstaunlich viel von Schlafen die Rede. Als Tabellenführer, so hatte Beckenbauer in London das Bundesligaziel vorgegeben, "wollen wir in den Winterschlaf gehen." Daraus wird wohl nichts. Denn im Winterschlaf musste man die Münchner bereits auf dem Betzenberg wähnen. Schon zur Halbzeit polterte Hoeneß: "Wir schlafen ab und zu mal." In der zweiten Halbzeit lagen die Bayern dann im Tiefschlaf: Nicht eine Torchance. Torhüter Oliver Kahn gönnte seinen Vorderleuten die Schlafenszeit und hatte keine Eile mit seinen Abschlägen. Für die provozierende Verzögerung zeigte Aust dem Kapitän die Gelbe Karte. Die nächtliche Heimreise über 400 Kilometer dürfte für die müden Bayern dann keine Schlummerfahrt gewesen sein. "Im Bus haben wir genügend Zeit, über alles zu reden", kündigte Hoeneß an. Etwa darüber, warum der Meister so viele Zweikämpfe verlor. Hoeneß: "Das darf nicht sein." Der Manager war sauer. Auch Trainer Ottmar Hitzfeld wirkte säuerlich. "Wir haben generell schlecht gespielt."

Stefan Effenberg, der die Hoheit im Mittelfeld Marian Christow überlassen und damit erheblich zum Schlafwagen-Fußball beigetragne hatte, sagte hingegen nur lakonisch: "Wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert. Spielerisch war es bei uns nicht so toll. Aber mehr war heute nicht drin." Anders als ihre Chefs empfanden die Stars das 0:0 als ein "gutes Resultat" (Ciriaco Sforza). Denn den Bayern fehlte, was Kaiserslautern am Sonnabend auszeichnet: Trotz aller Müdigkeit, so das Kompliment von Brehme an seine Mannschaft, "den inneren Schweinehund überwinden."

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