Sport : Kalkulierter Rückschlag

Borussia Dortmund glaubt weiterhin an sich

Martin Hägele

Dortmund. „Leider hatte ich nicht immer das Gefühl, dass sich jeder der Situation bewusst war“, hat Jens Lehmann gesagt. Der Torwart von Borussia Dortmund wirkte gereizt, als er das kurz vor Mitternacht sagte, gut zwei Stunden früher hätte noch keiner geglaubt, dass ausgerechnet er es sein würde, der den einen Punkt festhalten und sich als einziger Dortmunder Profi nicht von der Hektik würde anstecken lassen.

Da saßen sie gelassen und zufrieden in der Kabine, hatten gerade die stärkste Halbzeit dieser Saison hingelegt, und wenn es eines zu bemängeln gab, dann nur, dass nach Kollers frühem 1:0 in der zehnten Minute der PSV Eindhoven nicht standesgemäß bedient worden war. Mit drei oder vier Treffern. Doch dann kam übers Fernsehen eine Nachricht aus London, womit niemand im Westfalenstadion gerechnet hatte. Im zweiten Spiel der Gruppe A führten die Franzosen von AJ Auxerre 2:0 bei Arsenal. Die Londoner, der große Favorit auf den Gewinn der Champions League, steuerten auf erste Niederlage in diesem Wettbewerb zu.

Während in Highbury Park Frankreichs Talente ihre Sensation sauber zu Ende spielten gegen ihre Vorbilder aus dem französischen Nationalteam im Dienste Arsenals, gegen Vieira, Henry, Wiltord und Co., gaben die Dortmunder ihr Spiel im Westfalenstadion selbst her. Nur zwei Minuten nach der Pause hatte ein fulminanter Volleyschuss Brugginks die Partie auf den Kopf gestellt – und ein Mann unter den 47 000 hatte das nicht nur geahnt, sondern dem dräuenden Unheil bewusst ins Auge geblickt: „Von der Psyche her konnte Eindhoven doch nur gewinnen, und wir nur noch verlieren“, sagte BVB-Trainer Matthias Sammer. Er habe auch schon vorher gewusst, dass es keine Konstellation geben werde, „wo wir einfach weiter sind“.

Nach dieser Erklärung des Dortmunder Trainers müsste nun nur noch geklärt werden, woher er seine Erkenntnis bezogen hat. Aus der schmerzhaften Erinnerung der Saison 1999/2000, in welcher die Dortmunder ebenfalls beim 1:1 gegen ein holländisches Team (Feyenoord Rotterdam) den ersten Matchball ins Netz geschlagen hatten und danach von Boavisto Porto aus dem Turnier geboxt worden waren. Diesmal besitzt Borussia zwar noch zwei Matchbälle – doch die Gegner wiegen umso schwerer: Da wäre als erstes Arsenal, das sich wohl kaum eine zweite Niederlage hintereinander leisten will, und am letzten Vorrundenspieltag müssend die Dortmunder nach Auxerre reisen.

Wie es nun mit der Borussia weitergeht, das lässt sich allenfalls grob skizzieren. „Noch müssen wir uns für nichts rechtfertigen“, sagt etwa Lars Ricken, die Mannschaft habe in dieser Saison schon mehrfach bewiesen, dass sie mit Druck umgehen kann. Offensichtlich sieht auch Sammer die Entwicklung beim Deutschen Meister ähnlich, auf dem Weg zu internationaler Reife, Robustheit und Souveränität hat der Trainer Rückschläge einkalkuliert. Er kennt seine Leute, er kennt den Charakter dieser Mannschaft, weshalb er auch gegen die Pfiffe des Publikums ein beeindruckendes Plädoyer für sein Kader gehalten hat – mit dem Kernsatz: „Wir müssen uns alles hart erarbeiten, einfach geht es nicht.“ Sie würden damit ihre eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben: Am Ende der vorigen Saison ist auch nicht das beste oder kreativste Team Deutscher Meister geworden. Die beharrlichsten Arbeiter wurden es.

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