Sport : Kaltes Blut im heißen Herz

Der FC Bayern spielt die Hauptrolle in einem Drama, das für ein Fußballmuseum choreografiert zu sein scheint.

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Von jubelnden und tragischen Helden. Münchens Torwart Manuel Neuer (großes Bild, Mitte) kann sein Glück kaum fassen, Madrids Trainer José Mourinho hatte Neuers Gegenüber Iker Casillas ohne Erfolg auf das Elfmeterschießen eingeschworen (oben rechts), und Cristiano Ronaldo blieb am Ende nur der melancholische Blick zum Himmel. Fotos: dpa (2), AFP
Von jubelnden und tragischen Helden. Münchens Torwart Manuel Neuer (großes Bild, Mitte) kann sein Glück kaum fassen, Madrids...Foto: dpa

Der Held dieser Nacht von Madrid ist groß und blond und breitschultrig. Wie sich die Spanier halt einen teutonischen Helden vorstellen. Aber was heißt schon „der Held“? „Wir alle sind Helden“, spricht Manuel Neuer in den Wald von Mikrofonen im Estadio Santiago Bernabeu. Und die Sache mit dem Elfmeterschießen? Ist halt sein Job. „Ich wusste, dass ich schon einen halten muss, wenn wir ins Finale kommen wollen. Deswegen war ich so sehr fixiert auf diesen einen Elfmeter“, und dass er am Ende gleich zwei gehalten hat – umso besser.

Der Münchner Torhüter spricht so beiläufig und selbstverständlich von seinen Großtaten, als hätte er gerade einen ganz normalen Arbeitstag zu einem guten Ende gebracht. Und nicht das verrückteste Fußballspiel in der Erinnerung aller 80 000 Zuschauer, die das Glück hatten, dabei zu sein in dieser Nacht von Madrid. Am Ende steht nach einem 1:2 in der regulären Spielzeit, einer torlosen Verlängerung und einem 3:1 im Elfmeterschießen der Einzug ins Finale der Champions League am 19. Mai daheim in München gegen den FC Chelsea. Bayerns Trainer Jupp Heynckes sucht nach Worten und findet doch nur Versatzstücke. „Alles, was Fußball so schön macht!“ – „Aufregende Strafraumszenen!“ – „Technische und taktische Brillanz!“ – „Unglaubliche Spannung!“

Eigentlich waren die Bayern in diesem Halbfinal-Rückspiel schon geschlagen, bevor es richtig losgegangen war, nach zwei Gegentoren in nicht einmal einer Viertelstunde. Wie sie zurückkamen, durch einen Elfmeter von, ausgerechnet, Arjen Robben den Anschluss fanden, das Kommando übernahmen und das fanatische Publikum zu bewunderndem Schweigen brachten – allein das hätte genug Stoff gegeben für eine großartige Geschichte. Aber dann kam das Elfmeterdrama mit einer Choreografie, komponiert für ein Fußballmuseum der Ewigkeit.

Reals Trainer José Mourinho geht schon ein paar Sekunden nach dem Ende der Verlängerung zum Schiedsrichter und reicht ihm seine Liste mit den fünf nominierten Schützen. Er wirkt eine Spur zu souverän, und wie es wirklich in ihm aussieht, verrät die Intensität, mit der er seinen Torhüter Iker Casillas umarmt. José Mourinho ist nervös. Am Spielfeldrand kniet er nieder, wie zum Gebet.

Aber wie muss es erst in David Alaba aussehen? Welche Stürme toben im Kopf und im Herz des jüngsten Münchners? Der 19-Jährige hat Reals Führungstor mit einem unglücklichen Handspiel im Strafraum verursacht und dafür auch noch jene dritte Gelbe Karte gesehen. Er ist damit automatisch gesperrt für das Finale, so es die Bayern denn erreichen sollten. Und doch tritt er als erster Schütze an gegen Iker Casillas, den weltbesten Torhüter. Hinter dem Tor brüllt und pfeift und johlt die Nordkurve, fünf Ränge hoch, der fanatische Anhang der Madridistas.

Der erste Schütze ist immer der wichtigste.

Alaba läuft drei Schritte an und trifft mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er gerade mit ein paar Schulkumpels auf dem Pausenhof kicken. Real muss nachziehen.

Der erste Schütze ist immer der wichtigste.

Für Real schreitet zur Ausführung: Cristiano Ronaldo. Am frühen Abend, als alles noch so gut aussah für Real, hat er nach Alabas Missgeschick seinen 25. Elfmeter in Folge verwandelt. Wie könnte dieser Mann versagen? Manuel Neuer wird später sagen, er habe sich gut auf Ronaldo vorbereitet und felsenfest mit der linken Ecke gerechnet, aber dann wurde es doch die rechte. Beim Da Capo hat er die besseren Nerven. Wieder schießt Ronaldo nach links, aber bevor der nicht einmal schlecht geschossene Ball ankommt, ist Neuer schon da, die Fingerspitzen seiner rechten Hand machen den Unterschied. Ronaldo scheitert, und wie am Tag zuvor Barcas Lionel Messi wird er sein Team mit in den Abgrund ziehen. „Cristiano ist auch nur ein Mensch“, titelt Reals Hausblatt „Marca“ am Tag danach.

Für die Bayern erhöht Mario Gomez auf 2:0, und dass er beim Jubel vor der Nordkurve im Bernabeu auftritt wie ein Stierkämpfer, wird er seinen spanischen Verwandten bei Gelegenheit zu erklären haben. Ihm folgt als nächster Schütze für Real der Brasilianer Kaka. Wie Ronaldo zielt er nach links, aber längst nicht so gut. Es ist ein Schuss beinahe unter Neuers Würde, und entsprechend bescheiden fällt die Geste des Torhüters aus.

2:0 nach vier Schützen. Das muss die Entscheidung sein, zumal als nächster Schütze Toni Kroos bereitsteht. Der Münchner, auf den am besten zutrifft, was der frühere Bayern-Verteidiger Bixente Lizarazu als „Sangre fria“ rühmt. Das kalte Blut, mit dem sich auch die Hölle von Bernabeu überleben lässt. Kroos ist in den 120 Minuten der beste Münchner gewesen, Elfmeter aber kann er nicht. Casillas hat keine Mühe, den weder platziert noch scharf geschossenen Ball abzuwehren. Die Nordkurve wacht wieder auf.

Xabi Alonso tritt an, das defensiv orientierte Kraftwerk Reals, ein irdisches Gegengewicht zu Ronaldo. Er denkt nicht lange nach über rechts oder links, denn dieser Neuer ist überall gleich gut, also schießt und trifft Alonso in die Mitte. Für die Bayern geht Philipp Lahm zum Punkt. Er ist in der ersten Halbzeit ein paar Mal vorgeführt worden von Ronaldo, hat sich aber schnell gefangen und den Weltstar weitgehend zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Lahm schießt halbhoch und halb zentral, Casillas ist schon auf dem Weg in die linke Ecke, aber reißt noch die Hand hoch und lenkt den Ball zurück ins Feld. Bayerns Präsident Uli Hoeneß sagt später: „Als der Lahm verschossen hat, habe ich gedacht, ich sterbe.“

Wenn jetzt Sergio Ramos trifft, ist alles wieder offen.

Ramos ist der vielleicht beste Außenverteidiger der Welt, ein Zerstörer mit der Feinfühligkeit eines Poeten. Seinem Trainer Mourinho hat er letztens erst vorgeworfen, dieser habe nie kurze Hosen getragen, also nie auf hohem Niveau Fußball gespielt. Auch Ramos wählt die Mitte des Tores, allerdings auf die Art, wie Footballspieler ihre Kicks zu verwandeln pflegen, also weit über der Torstange.

Es folgt der finale Auftritt des Bastian Schweinsteiger. Er ist nach langer Verletzungspause noch nicht in bester Verfassung. Aber es war seine Führungskraft, die den FC Bayern nach dem Schock der furchtbaren ersten Viertelstunde den Weg zurück ins Spiel wies. Schweinsteiger kleidet das in die Worte: „Ich hab’ kurzzeitig meine Eier verloren, sie dann aber rechtzeitig wiedergefunden.“ Er überlegt nicht lange und schnippst den Ball ebenfalls ziemlich zentral ins Tor. Es ist der Schuss ins Finale. Alle Contenance ist dahin, Schweinsteiger spurtet zum Münchner Fanblock, er zieht sich das Trikot über den Kopf, was im Normalfall eine Gelbe Karte nach sich ziehen würde, aber der Schiedsrichter ist großzügig.

Ein großer Fußballabend geht zu Ende, aber zu einem großen Fußballabend gehören nicht nur große Sieger, sondern auch große Verlierer. José Mourinho ist ein großer Verlierer, und seine Größe spiegelt sich auch darin wider, dass er keine große Sache daraus macht. Jupp Heynckes erzählt, was sich kurz nach dem Spiel in den Katakomben des Bernabeu zugetragen hat. Wie Mourinho plötzlich in der Münchner Kabine auftaucht und allen die Hand gibt, „den Spielern und mir, aber auch allen anderen. Das hatte Stil, das hatte Klasse!“

Und passte damit perfekt zum Auftritt der Bayern im Estadio Santiago Bernabeu.

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