Sport : Kampf den Giganten

Leipzig will sich mit seinem Gegenentwurf zu Hamburg und Düsseldorf für Olympia 2012 interessant machen

Daniel Pontzen

Leipzig. Auf einmal sangen alle, mitten in der Straßenbahn. Im hinteren Waggon hatte eine schwäbische Jugendgruppe ein Lied angestimmt auf ihrem Weg zum Deutschen Turnfest, nach kaum einer Minute hatten sämtliche Passagiere eingestimmt, und nun schepperte der Choral laut durch die Bahn. „Das war ein Gänsehaut-Erlebnis“, sagt Dirk Thärichen. „Es war ein Erlebnis, das zeigt: Leipzig und Olympia, das passt zusammen.“ Immer dann, wenn der Geschäftsführer der Leipziger Bewerbungsgesellschaft für Olympia 2012 die Sportbegeisterung in seiner Stadt spürt, fühlt er sich in seiner Mission bestärkt. Thärichen glaubt daran, dass „diese spezielle, herzliche Atmosphäre“ den Ausschlag zugunsten der Sachsen geben könnte, wenn am 12. April in München das Nationale Olympische Komitee (NOK) den deutschen Bewerber kürt.

Das ist eine kühne Annahme, wenn man bedenkt, dass vor einiger Zeit selbst die heutigen Antreiber des Projekts einer Bewerbung reichlich Skepsis entgegenbrachten. Thärichen sagt: „Als ich das erste Mal von den Plänen gehört habe, dachte ich: Olympia in Leipzig, das funktioniert nicht, das ist zu klein.“ Die Konkurrenten aus Stuttgart, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf glauben das immer noch. Gerne zählt so mancher mit hämischem Zungenschlag die Liste der potenziellen internationalen Konkurrenten auf: „New York, Rom, Paris, London, Läpzsch“. Ein bisschen klingt das dann so, als wolle sich Braunschweig als neuer Standort für den UN-Sicherheitsrat ins Gespräch bringen.

Solchen Kritikern begegnen die Leipziger gelassen, denn sie haben einen anderen Ansatz, wie Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sagt. „Wir bieten den Gegenentwurf zum Gigantismus der Mega-Metropolen.“ Genau das fordere der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge: Spiele mit Herz. „Wir wollen die Spiele nicht als Mittel zum Zweck. Bei uns soll Olympia die Stadt beherrschen, nicht umgekehrt“, sagt Tiefensee. Damit es so weit kommt, kämpfen die Leipziger gegen allerlei Vorurteile an: mangelnde Infrastruktur, wenig zugkräftige Botschafter, kleines Budget.

Den Vorwurf mangelnder Infrastruktur lässt Tiefensee nicht gelten. „Wer sich die Entwicklung in Leipzig zwischen 1990 und 2003 ansieht, zweifelt nicht daran, dass wir bis 2012 eine adäquate Infrastruktur haben werden.“ Die Stadt müsse die Anstrengungen ohnehin unternehmen, durch Olympia könnte alles schneller gehen.

Dass etwa mit Edmund Stoiber und Helmut Kohl nicht eben Ikonen des Leipziger Sports auf der Botschafterliste stehen, versucht Thärichen positiv zu sehen. „Wir haben eine große Bandbreite an Fürsprechern.“

Nicht zu bestreiten ist die bescheidene finanzielle Ausstattung der Bewerbung. 4,6 Millionen Euro werden die Leipziger bis zur nationalen Entscheidung investiert haben, wenig im Vergleich zur Konkurrenz. Auch die kalkulierten Kosten für eine Ausrichtung liegen weit unter dem Schnitt: Leipzig plant mit 2,5 Milliarden Euro, Stuttgart etwa mit 4,5 Milliarden. Tiefensee meint aber: „Unsere Bewerbung ist auf das IOC ausgerichtet. Die wissen, das alle deutschen Städte perfekte Spiele organisieren könnten. Das IOC will wissen: Kann eine Stadt auch eine Geschichte erzählen? Das können wir.“ Die in alle Kontinente ausgestrahlte friedliche Revolution von 1989 könne von entscheidendem Vorteil sein, ebenso die große sportliche Tradition der Stadt.

Bei allem Optimismus, den Sinn für die Realität haben sie in Leipzig offenbar nicht verloren. „Wir wissen, dass es ein sehr weiter Weg ist“, sagt Thärichen. Immerhin, eine bundesweite Umfrage hat ergeben, dass die Deutschen Leipzig als Olympia-Bewerber favorisieren. Die Leipziger selbst stehen ohnehin mit großer Mehrheit hinter der Bewerbung, anders als in Frankfurt oder Düsseldorf. Die Sachsen hoffen auf einen Schub für die Region, auf steigendes Ansehen, vor allem aber auf Arbeit. Beinahe jeder fünfte Leipziger hat keinen Job.

Sollte am 12. April einer der anderen Bewerber das Rennen machen, wäre es einer mehr. „Dann wäre ich arbeitslos“, sagt Dirk Thärichen. „Aber daran denke ich nicht.“

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