Sport : Kampf der Kulturen

Neuseeland und die Schweiz segeln ab Samstag um den America´s Cup – die beiden Teams im Vergleich

Ingo Petz

Auckland. Patriotismus gegen Millionen, Segelnation gegen Alpenpioniere. Der America´s Cup ist mehr als das wichtigste Segelrennen der Welt. Es ist der Kampf zwischen verschiedenen Kulturen, zwischen Pazifik und Europa. Titelverteidiger Team New Zealand gegen die Schweizer Yacht Alinghi mit dem deutschen Jochen Schümann. In der Nacht zu Samstag beginnt vor der Küste Aucklands die größte Herausforderung der 152-jährigen Geschichte des Wettbewerbs. Denn erstmals könnte ein europäisches Team den Cup gewinnen. Undenkbar für die Segelnation Neuseeland. Verhindern soll das Steuermann Dean Barker. Sein Gegner auf der Alinghi: Vorbild Russell Coutts, weltbester Skipper, der 1995 und 2000 den Cup gewann. Damals jedoch für Neuseeland.

Wer hat die größten Chancen auf den Gewinn des America’s Cup? Der Tagesspiegel vergleicht die beiden Teams.

GELD: In einem hochtechnisierten, verwissenschaftlichen und computerisierten Wettbewerb wie dem America’s Cup ist Geld das Wichtigste. Derjenige, der sich von heute auf morgen alles leisten kann, hat bessere Chancen. Der Schweizer Biotech-Milliardär Ernesto Bertarelli hat rund 60 Millionen Euro in Alinghi investiert. Bertarelli kaufte zudem den Neuseeländern mit Coutts und Taktiker Brad Butterworth zwei wichtige Leute weg. Dazu kommt Jochen Schümann aus Deutschland. Es ist das Dream-Team des Segelns.

Team New Zealand ist vergleichsweise eher bescheiden finanziert, ohne einen Supermilliardär im Hintergrund. Ein Zusammenschluss aus fünf Sponsoren, darunter das Heidelberger Software-Unternehmen SAP, finanziert die Neuseeländer. Der Etat liegt bei 30 Millionen Euro. Wobei erst im Sommer 2002 klar war, dass das Geld aufgebracht werden konnte. Sogar die Stadt Auckland und die segelbegeisterte neuseeländische Bevölkerung steuerten 310 000 Euro bei. Dabei halfen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Auktionen bei der Finanzierung.

ERFAHRUNG: Die Erfolgsliste der Alinghi-Crew liest sich wie ein goldenes Glossar des Segelsports. 18 America´s Cup-Titel, 67 Weltmeister, dazu vier Olympiasieger, Whitbred-Gewinner, Admiral´s Cup-Sieger und so weiter. Der Coutts-Butterworth-Faktor hat erhebliches Gewicht. Wenn beide Boote gleich schnell sein sollten, dann ist das vielleicht der Faktor mit Sieg-Garantie. 23 von 28 Rennen haben Coutts und Butterworth im Louis-Vuitton-Cup gewonnen. In zwei früheren Finals des America´s Cup verloren sie kein Rennen. Beide wissen mit dem Druck des Erfolges umzugehen wie sonst niemand. Schümann ist der dritte im Bunde. Einer der erfolgreichsten und angesehensten Segler der Welt. Der Sportdirektor und Stratege hat sich bei Alinghi zum „Rückgrat des Teams“ (Bertarelli) entwickelt, der organisiert, kommuniziert und plant. Das Alinghi- Team ist im Schnitt 39 Jahre alt, besteht aus 15 Nationen.

Team New Zealand musste nach dem Ausverkauf des Gewinner-Teams 2000 fast komplett neu aufgebaut werden. Das Team ist mit 31 Jahren im Schnitt sehr jung, mit Dean Barker am Steuer, der das fünfte Rennen des Finales 2000 gewann. Zweimal hat er Coutts 2002 im Matchrace geschlagen, aber auf anderen Booten und unter anderen Bedingungen. Barker ist sicher einer der talentiertesten Segler, aber alleine kann er den Cup nicht gewinnen. Denn die Crew dahinter ist relativ unbekannt. Tom Schnackenberg, Syndikatschef und zweimaliger Cup-Gewinner mit den Neuseeländern: „Die Erfahrung haben wir nicht, aber die Fähigkeiten.“

ZEIT: Einer der bedeutendsten Faktoren beim America´s Cup. Alinghi wurde seit dem Sommer 2000 aufgebaut. Das Training im Hauraki Golf begann im November 2001. Das Team ist neu, die Strukturen (Design, Bootsbau, Wetterteam, Werften, Trainingslager, Crew, Kommunikation) mussten komplett neu geschaffen werden. Die Schweizer trainierten deshalb zunächst auf den Booten des Schweizer Teams „Fast 2000“. Trotzdem ist Alinghi wettkampferprobt. In 28 Rennen gegen acht Teams wurden die Abläufe verfeinert und das Boot dadurch schneller.

Team New Zealand begann bereits nach der erfolgreichen Cupverteidigung 2000 mit der Planung für den erneuten Gewinn im Jahre 2003. Die Strukturen bestanden. Das Segel-Team musste aber umgebaut werden. Denn 16 von 20 Elite-Seglern verließen das Team. Größer wäre der Vorteil gewesen, hätte man das Team um Coutts halten können. Wie Neuseeland dieses Handicap verkraftet hat, weiß niemand.

DIE BOOTE: Die SUI-64 von Alinghi ist eine Allround-Yacht, die in allen Wind- und Wetterbedingungen schnell ist. Entwickelt und konzipiert von Chefdesigner Rolf Vrolijk, der bereits für Spanien im 2000er-Cup die Boote bastelte. Der 55-jährige hält die Yacht aufgrund der besseren Manövrierbarkeit für das bessere Schiff im Finale. Besonders für den Fall eines Kopf-an-Kopf-Rennens.

Neuseeland setzt voll auf Geschwindigkeit. Mit einer extrem spitzen Kielbombe und dem „Hula“, einer zweiten unsichtbaren Haut unter dem Rumpf, die von manchen für die größte Innovation in 150 Jahren Segelsport gehalten wird. Ob der Anhang, der bereits zu Spionage-Vowürfen geführt hatte, dem Boot aufgrund einer verlängerten Wasserlinie den nötigen Geschwindigkeitsvorsprung gibt, wird das erste Rennen zeigen.

WER GEWINNT? Die erfahrene Alinghi geht als Favorit ins Finale. Team New Zealand ist vor allem aufgrund der Nachteile im Budget in der Außenseiterposition. Segel-Legende Dennis Conner setzt trotzdem auf Neuseeland – wegen des Heimvorteils. Denn 3,8 Millionen Neuseeländer werden ihr Team anfeuern. Doch letztlich ist offen, wer gewinnt. Was auch John Bertrand, der australische Sieger des America’s Cup 1983, so sieht: „Das ist das schöne am Cup. Man kann spekulieren und spekulieren. Und es haben alle recht. Bis zum ersten Rennen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben