Sport : Kampf der Spielkulturen

Arsenal gegen Chelsea – zwei Londoner Klubs führen ein wegweisendes Duell im Weltfußball

Wolfram Eilenberger

Diese Saison findet das aufregendste Duell des Weltfußballs in England statt. Es lautet Arsenal gegen Chelsea. Was dieses Duell zweier Londoner Klubs auszeichnet, offenbart ein Blick auf die junge Ligatabelle. Arsenal und Chelsea führen die englische Premier League ungeschlagen an. Arsenal hat nach sieben Spieltagen 22 Tore erzielt und 7 kassiert. Chelsea London hat lediglich 7 Tore geschossen, bei einem einzigen Gegentor.

Bemerkenswerte Zahlen, die sich auf zwei einander entgegengesetzte Ideale zurückführen lassen. Ideale, denen Arsenals Trainer Arsène Wenger und Chelseas Coach José Mourinho unbedingt nacheifern. Wenger und Mourinho sind im Weltfußball derzeit die Trainer, die ihr Ideal am konsequentesten umsetzen. Wenger hat seine Vision bei Arsenal verwirklicht, Mourinho gelang Gleiches mit dem FC Porto, und bereits nach zwei Monaten bei Chelsea ist auch dort seine erschütternd effektive Handschrift zu erkennen.

Natürlich kann man es sich einfach machen und Wengers Ideal als attraktiven, leidenschaftlichen Offensivfußball bezeichnen, womit Mourinho den Vertreter eines weniger ansehnlichen, rein ergebnisorientierten Sicherheitsfußballs abgibt. Es ist allerdings zweifelhaft, ob diese traditionellen Begriffe und Wertungen taugen, das Spezifische eben jener beiden Spielstile zu treffen, die taktisch derzeit das Maß der Dinge sind. Vielversprechender erscheint, einem Vorschlag des Kulturtheoretikers Levi-Strauss zu folgen und die Unterschiede zwischen beiden Strategien mit den Begriffen einer kalten und einer heißen Spielkultur zu fassen.

Eine kalte Mannschaft, wie sie Mourinho trainiert, strebt danach, auf quasi automatische Weise sämtliche Auswirkungen zum Verschwinden zu bringen, die der Spielverlauf auf das Gleichgewicht und die Kontinuität ihrer Struktur nehmen könnte. Eine heiße Mannschaft, wie sie Wenger sehen will, ist hingegen durch ein fortwährendes Bedürfnis nach Dynamisierung und Öffnung des Platzgeschehens gekennzeichnet. Ein Dynamisierungsdrang, der nicht nur den Spielverlauf, sondern auch die interne Struktur der eigenen Mannschaft betrifft.

Das ideal kalte Team Mourinhos setzt als taktische Kühlmittel auf eine perfekt eingespielte Viererkette samt Abseitsfalle und eine Verlagerung des Spielzentrums in die eigene Hälfte, es hält die Frage des Ballbesitzes für nebensächlich, rotiert nur im Bedarfsfall, verzichtet auf Außenstürmer und legt es keineswegs darauf an, das Spiel des Gegners zu zerstören – denn das würde die eigene Struktur gefährden. Einziges Ziel ist die Spielkontrolle, und diese Kontrolle ergibt sich zwangsläufig aus der Wahrung der Struktur. Besonders interessant an Mourinhos Kältesystem ist, dass es über ein internes Hitzesystem verfügt. Ein bis zwei Spielern gewährt Mourinho totale Freiheit und erweckt damit die klassische Position des Spielmachers zu neuem Leben. In Porto wurde dieser Part von Deco erfüllt, in Chelsea spielt ihn derzeit der Isländer Eidur Gudjohnsen. Lässt man Mourinho mit gleicher finanzieller Ausstattung drei Jahre in Chelsea gewähren, gerät dies für den Fußball zu einem beispiellosen Test, wie weit sich das Spiel mit spielerischen Mitteln kalt stellen lässt.

Chelseas konstanter 1:0-Minimalismus zu Beginn dieser Saison wäre dann nur das erste Anzeichen für eine unendlich kontrollierte Erfolgsserie, die allenfalls von einem Team wie Wengers Arsenal zu stoppen wäre. Diese ideale heiße Mannschaft setzt zur fortwährenden Dynamisierung des Spiels auf doppelte Flügelbesetzung, fortwährende Positionswechsel, Rotationsprinzip und Ächtung des Querpasses. Sie sehnt sich nach Ballbesitz, verzichtet jedoch auf benennbare Spielgestalter. Die charakteristische Kraft dieses Systems ist der Halbstürmer, fünf davon stehen bei Arsenal immer auf dem Platz. Wengers heiße Meistertruppe ist in England seit 47 Ligaspielen ungeschlagen – ein Jahrhundertrekord, dem nur Mourinhos Chelsea gefährlich werden könnte.

In Deutschland gibt es derzeit keine Mannschaft, die an stilistischer Klarheit und Konstanz Vergleichbares zu bieten hätte. Spielkulturell gesehen ist die Bundesliga eine lauwarme Veranstaltung. Nicht selten tobt der Kampf zwischen heißer und kalter Spielkultur hierzulande in der eigenen Kabine. So ist er beim FC Bayern in vollem Gange. Und wenn man es eine Qualitätsetage tiefer will, fällt einem sogar noch eine zweiter ausgesprochen lauwarmer Kandidat ein: Hertha BSC. Schießt im Schnitt so viele Tore wie Chelsea, kassiert so viele wie Arsenal.

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