Sport : Kampf gegen den Krampf

Hartmut Scherzer

Mit entschlossenen Mienen, flammenden Appellen und pathetischen Losungen erklärt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Ernst der Lage. "Es geht um das Ansehen des deutschen Fußballs." Mehr noch: "Um die Fußballehre dieser Nation." So schwadronierte Gerhard Mayer-Vorfelder am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in der Frankfurter DFB-Zentrale. Neben ihm saß - ebenso entschlossen dreinblickend - Teamchef Rudi Völler, um das Aufgebot für die beiden WM-Relegationsspiele gegen die Ukraine am 10. November in Kiew und am 14. November Dortmund bekannt zu geben. Und die Rückbesinnung auf zuletzt vernachlässigte "deutsche Tugenden" zu fordern, auf Kampfbereitschaft und Leidenschaft.

Adressaten der Botschaften sind 22 nominierte Fußballprofis, die Deutschland trotz der jüngsten Rückschläge - 0:0 gegen Finnland, 1:5 gegen England - doch noch die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea sichern sollen. Völler gibt sich nach vielen Einzelgesprächen mit den Spielern optimistisch, "dass sich jeder voll reinhauen wird". Das Selbstvertrauen jedes Einzelnen sei für das Gelingen des Unternehmens ausschlaggebend - "ohne Verkrampfung" und mit "richtiger Einstellung".

Eigentlich sind das alles Tugenden des Leverkusener Torjägers Ulf Kirsten. Doch Kirsten taucht - ebenso wie der ins Gespräch gebrachte Thorsten Fink - im Kader nicht auf. Wie schon vor dem Spiel gegen Finnland, als er als "Phantom von Billerbeck" bezeichnet wurde, ist Kirsten ein Thema. DFB-Pressechef Harald Stenger bat denn auch ohne Umschweife Völler als Erstes um sein Statement zu Kirsten. Die Sache sei relativ einfach, antwortete Völler. Er sei mit Kirsten ständig in Kontakt, habe am Vorabend mit ihm gesprochen und noch am Vormittag vor der Fahrt nach Frankfurt mit ihm Kaffee getrunken. Ergebnis der Konsultationen: "Ulf ist natürlich bereit zu helfen, wenn es notwendig ist. Aber wir beide sind der Meinung, dass es im Moment keine Not gibt." Als ob er sich entschuldigen müsse, verwies der Teamchef auf das Aufgebot von sieben Stürmern: Asamoah, Bierhoff, Bode, Jancker, Klose, Neuville und der genesene Zickler. Zum Thema Kirsten fiel Völler nur noch ein Satz ein: "Warten wir erst einmal ab."

Eine Rückkehr Kirstens steht also weiterhin im Raum. Der unermüdliche Stürmer gab am 14. Oktober 1992 in Dresden gegen Mexiko sein Debüt in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft. Kirsten löste Völler ab, der mit diesem Länderspiel seine internationale Karriere beenden wollte. Doch Völler - 1994 vom Bundestrainer Berti Vogts zum Comeback für die Weltmeisterschaft in den USA gedrängt - war im Nationalteam oft nur dritte Wahl. In Amerika spielten Klinsmann, Riedle und Völler, Kirsten spielte nicht. Zwei Jahre lang, 1994 bis 1996, stürmte Kirsten mit Völler Seite an Seite bei Bayer Leverkusen. In letzter Sekunde konnten sie den Abstieg des Klubs in die Zweite Bundesliga verhindern. Nach der verkorksten Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien verkündete Völler seinen endgültigen Rücktritt aus der Nationalelf. Kirsten ging nicht. Er blieb Wechselstürmer vom Dienst, schoss 20 Tore in 51 Länderspielen. Und immer, wenn Not am Mann war, dann erinnerte sich die deutsche Fußballnation an ihn. Kirsten blieb ein Thema. Bis heute. In vier Wochen wird er 36 Jahre alt.

Das Aufgebot

Tor: Oliver Kahn (Bayern München), Jens Lehmann (Borussia Dortmund)

Abwehr: Frank Baumann (Werder Bremen), Sebastian Kehl (SC Freiburg), Thomas Linke (Bayern München), Jens Nowotny (Bayer Leverkusen), Marko Rehmer (Hertha BSC), Christian Wörns (Borussia Dortmund)

Mittelfeld: Michael Ballack, Carsten Ramelow, Bernd Schneider (Bayer Leverkusen), Jörg Böhme (Schalke), Dietmar Hamann (FC Liverpool), Lars Ricken (Borussia Dortmund), Christian Ziege (Tottenham)

Angriff: Gerald Asamoah (Schalke), Oliver Bierhoff (Monaco), Marco Bode (Werder Bremen), Carsten Jancker, Alexander Zickler (Bayern München), Miroslav Klose (1. FC Kaiserslautern), Oliver Neuville (Bayer Leverkusen)

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