Sport : Kampf gegen die Angst

Maria Riesch ärgert sich über Platz neun bei der WM-Abfahrt – ein gutes Zeichen

Frank Bachner

Berlin - Sie zeigte wieder mal dieses feine Lächeln, ganz kurz vor ihrem Start. Maria Riesch fühlte sich wohl, sie hatte die Abfahrtsstrecke in Are eigentlich ganz gut im Griff. Das hatte sie bei der Kombinationsabfahrt schon gesehen, auch wenn sie im oberen Teil noch nicht die Ideallinie gefunden hatte. Aber jetzt, bei der Spezialabfahrt der Weltmeisterschaft, da wollte sie ziemlich weit nach vorne. „Platz fünf wäre schon gewaltig“, hatte Mathias Berthold, der Damen-Cheftrainer der deutschen Ski-Nationalmannschaft, gesagt.

Es wurde Platz neun. Und das Lächeln war verschwunden. Maria Riesch blickte hinter ihrer Skibrille eher ausdruckslos, als sie gestern in die Kamera der ARD sagte: „Es schmerzt schon. Ich habe viele Schwünge verhauen. Wäre ich gefahren wie im Training, dann hätte ich eine Medaille gewonnen.“ 61 Hundertstelsekunden fehlten zu Bronze, 1,09 Sekunden auf die Siegerin Anja Pärson, die Schwedin, die ihren dritten Titel gewann.

Der Ärger der Maria Riesch, die Orientierung an einer Medaille, das ist die Kernbotschaft dieses Rennens. Jedenfalls, wenn man über Maria Riesch redet. Denn das alles zeigt, dass es mit Maria Riesch wieder entscheidend aufwärts geht. Wolfgang Maier, der Alpindirektor des Deutschen Skiverbands (DSV), sagt: „Sie hat sich nicht von den schwierigen Bedingungen der Strecke zurückgezogen. Früher war das anders.“

Maria Riesch, 22 Jahre alt, hatte in den letzten zwei Jahren zwei Kreuzbandrisse an beiden Knieen, eine weitere Operation stand bis August 2006 im Raum. Für sie geht es, bis heute eigentlich, vor allem um den Satz: „Ich weiß nicht, ob das überhaupt wieder mal kommt, dass man im Kopf wieder ganz frei wird.“ Das hat sie noch vor kurzem erklärt.

Sie muss die Angst besiegen, diese Hemmung vor der aggressiven, brutalen Linie, die sie aufs Podest, aber auch wieder ins Krankenhaus bringen kann. „Ein Jahr“, sagt Berthold, „benötigt ein Fahrer nach einem schweren Sturz, bis er wieder voll fährt.“ Eine Schutzreaktion des Körpers, nicht steuerbar, nicht zu überlisten. Berthold: „Das kommt aus dem Unterbewusstsein, diese Phase lässt sich auch nicht verkürzen.“

Er hat es bei Maria Riesch beobachtet, im Training, bei schwierigen Bedingungen. „Da gibt es Tore, die sie nicht ganz eng anfährt.“ Die Unbekümmertheit, die Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen mal ausgezeichnet hat, „die ist weg“. Schon bevor sie ihre Kreuzbandrisse hatte, analysierte Maria Riesch jeden Sturz einer Konkurrentin, den sie auf Video zu sehen bekam. Sie wollte aus den Fehlern der anderen lernen. Das geht nur bedingt, aber für sie ging es auch um das Gefühl, alles Mögliche getan zu haben.

Maria Riesch hat Anfang Dezember 2006 sensationell die Abfahrt in Lake Louise gewonnen, ihr erstes schnelles Rennen seit dem 3. Dezember 2005. Es war auch Glück dabei, die Konkurrenz nach ihr hatte zunehmend schlechtere Sicht. Aber richtig erklären können Riesch und Berthold diesen Sieg bis heute nicht. Klar war nur, dass die 22-Jährige ihre Angst noch nicht verloren hatte. Am nächsten Tag fuhr sie in der Abfahrt auf Platz neun, in weiteren Rennen hatte „sie eine innere Blockade“. Die 22-Jährige habe diesen Sieg „relativiert“, sagt Berthold. „Sie kann das sehr realistisch einschätzen“. Deshalb sei dieser Sieg auch keine Belastung für Are. Als WM-Favoritin habe sich Riesch nie betrachtet.

Berthold schützt die 22-Jährige auch nach außen. Gegen zu hohe Erwartungen bei der WM, gegen Beobachter, die nur ihre vier Weltcupsiege sehen und vergessen, dass Angst bremsen kann. Andererseits, sagt Berthold, „ist Maria auch menschlich sehr gereift. Sie ist ruhiger geworden. Früher war sie nach einem verpatzten Training am Boden zerstört.“ Nur in einem Punkt ist Maria Riesch fast so wie früher. Im Sommer schaut sie lieber „Marienhof“, als zu trainieren. „Aber hartes Sommertraining“, sagt Berthold, „fordere ich in diesem Jahr brutal ein.“

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