Sport : Kampf gegen Doping: Es ist nicht leicht, Finne zu sein

Gesine Kessler/Jan Stampehl

In Finnland ist die Welt aus den Fugen geraten, seit sechs Spitzenskiläufer ihre Dopingsünden gestanden haben. Und das bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land. Und das im nordischen Skisport. Ein ganzes Volk ist wie vor den Kopf geschlagen und schämt sich. Auf Deutschland übertragen ist das in etwa mit dem Bundesliga-Skandal vergleichbar. Und obendrein muss man sich in Finnland jetzt international den Vergleich mit "Dopingnationen" wie der DDR oder China gefallen lassen. "Eine DDR im hohen Norden", hieß es auch in dieser Zeitung. Da tut es besonders weh, wenn der alte Rivale spottet. Schwedens Mannschaftschef der Nordischen Skiläufer, Jan Palander, konnte seine Schadenfreude über die finnischen Konkurrenten kaum verbergen.

Die Finnen sind schockiert und eine große Boulevardzeitung beerdigt bereits ihren innig geliebten Skisport. Der Skandal weitet sich zur nationalen Tragödie aus: Selbst Staatspräsidentin Tarja Halonen meint, es sei im Moment nicht leicht, Finne zu sein. Dies zeigt, wie wichtig der Sport in Finnland ist.

Dass es gerade den Skisport erwischt, entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn die Finnen sind geradezu besessene Wintersportler. Unter den Ertappten waren nicht irgendwelche Athleten, sondern "die" Symbolfiguren des finnischen Sports schlechthin - nämlich Harri Kirvesniemi (42) und Mika Myllylä (31). Beide haben auf der internationalen Bühne alles erreicht, was es zu erreichen gibt.

Die Sportfans fragen sich enttäuscht, warum ihre Idole verbotene Mittel einnahmen, um "ihre Erfolgsaussichten zu erhöhen". "Keine Katastrophe, sondern der Weltuntergang" titelt die Tageszeitung "Aamulehti" und spricht damit all denen aus der Seele, die im Winter täglich auf Skiern ihre Runden durch endlose Wälder drehen oder vor dem Bildschirm mit ihren Helden fiebern. Viele haben das Vertrauen in den Leistungssport verloren: Einer am gestrigen Sonnabend veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup Finnland zufolge glaubt ein Drittel der finnischen Bevölkerung, dass auch frühere Erfolge mit unlauteren Mitteln zu Stande kamen.

Noch vor zwei Wochen war das ganz anders: Die jetzt überführten Langläufer galten als nationale Sympathieträger - von den eigenen Landsleuten verehrt und im Ausland geschätzt. Da in Finnland eigentlich jeder jeden kennt, identifizieren sich die Bürger besonders stark mit solchen Vorbildern. Sie standen beispielhaft dafür, wie viel Erfolg der Junge von nebenan durch Strebsamkeit erlangen kann und wie sehr sich der Staat bemüht, solche Talente zu fördern. Das sportliche Saubermann-Image war unverzichtbarer Teil des nationalen Selbstverständnisses.

All dies wiegt umso schwerer, da es in Finnland nicht viele Helden gibt, die außerhalb des Landes bekannt sind. Da sind vielleicht noch die Manager des Handy-Herstellers Nokia, aber dann bleiben nur noch Spitzensportler wie die nordischen Skiläufer, die Eishockey-Mannschaft oder Autorennfahrer wie Mika Häkkinen.

Nun versucht man sich so schnell wie möglich aus der Starre zu lösen, aber noch fällt der Neuanfang schwer. Fast scheint es, als ob die Sportfunktionäre nicht begreifen wollten, wie dringend notwendig ein radikaler Kurswechsel wäre. Der Vorsitzende des Skiverbandes denkt nicht an Rücktritt, und der entlassene Cheftrainer Kari-Pekka Kyrö schlägt mit dem Verdacht zurück, andere Mannschaften würden bisher nicht nachweisbare Substanzen verwenden.

Doch die Politik hat beschlossen zu handeln, und darin liegt die Hoffnung auf Besserung begründet. Sportministerin Suvi Linden kürzte sofort drastisch alle staatlichen Subventionen für den Skisport. Das Justizministerium leitete umgehend Ermittlungen gegen die Verantwortlichen ein. Für Finnland steht viel auf dem Spiel. Ministerpräsident Paavo Lipponen forderte deshalb, den Skisportverband zu erneuern. Zudem sei es Aufgabe aller, den Ruf Finnlands im Ausland wiederherzustellen.

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