Sport : Kampf ums Podium

Warum die Tour de France trotz Lance Armstrongs Überlegenheit immer noch sehenswert ist

Mathias Klappenbach

Berlin - Heute steht mit dem Col d’Aubisque der letzte schwere Berg dieser Tour de France an. Doch nach dem Gipfel geht es bis zum Ziel noch siebzig Kilometer bergab, mit Angriffen auf das Gelbe Trikot von Lance Armstrong ist deshalb nicht mehr zu rechnen. Die Herausforderer scheinen sich nach den schweren Etappen in den Pyrenäen vom Wochenende mit dem siebten Tour-Sieg des US-Amerikaners abgefunden zu haben, beim Einzelzeitfahren am Samstag geht es nur noch um die Plätze hinter Armstrong. „Ich träume noch vom Podium. So weit bin ich ja nicht weg“, sagt Jan Ullrich. Das Zeitfahren am vorletzten Tag ist seine Stärke.

Momentan ist Ullrich Vierter, 2:49 Minuten hinter dem Dänen Mickael Rasmussen und 3:12 Minuten hinter Ivan Basso. Dem Italiener, der seinen Vertrag beim Team CSC gestern bis 2008 verlängerte, werden schon jetzt mehr Chancen als Ullrich eingeräumt, die Tour im nächsten Jahr zu gewinnen – vor allem, weil er sich im Zeitfahren stark verbessert hat. Er wird nicht so leicht vom zweiten Platz zu verdrängen sein, das Duell um den Platz hinter Armstrong ist auch schon ein bisschen das um den Favoritenstatus für das nächste Jahr.

Bergspezialist Rasmussen verlor beim 19 Kilometer langen Zeitfahren am ersten Tag der Tour mehr als zwei Minuten auf Ullrich, obwohl der einen Tag nach seinem Trainingssturz eine für seine Verhältnisse schwache Leistung zeigte. Am Samstag ist die Strecke wesentlich länger, 55,5 Kilometer. Ullrich will sich aber nicht nur auf das Zeitfahren verlassen. „Rasmussen wird dort Flügel bekommen“, sagt T-Mobile-Teammanager Olaf Ludwig. „Wir müssen ihn vorher angreifen und den Rückstand reduzieren.“

Wenn er sich gut fühlt, will Ullrich schon heute Rasmussen attackieren. In den Tagen danach stehen weniger schwere Etappen auf dem Programm, deren welliges Profil Ausreißern entgegenkommt. Oder den Sprintern bei einer Massenankunft, falls sich niemand entscheidend absetzen kann. Denn der Kampf um das Grüne Trikot des besten Sprinters ist im Gegensatz zu dem um die anderen Trikots noch längst nicht entschieden. In der Wertung des besten Bergfahrers ist Rasmussen kaum mehr einzuholen, bester Jungprofi im weißen Trikot wird wohl Armstrongs Teamkollege Jaroslaw Popowitsch, der schon als Tour-Sieger der Zukunft gehandelt wird.

Um das begehrte Grüne Trikot kämpfen hingegen noch drei Fahrer, in den kommenden Tagen werden die Sprinter wieder in den Mittelpunkt der Wahrnehmung rücken. Derzeit trägt der Norweger Thor Hushovd das Grüne Trikot. Er hat zwar noch keine Etappe gewonnen, aber durch gute Platzierungen fleißig Punkte gesammelt. Hinter ihm liegen die Australier Stuart O’Grady und Robbie McEwen, der bei dieser Tour bereits dreimal als Erster ins Ziel kam. Er führt die Wertung nur deshalb nicht an, weil er im Sprint der dritten Etappe O’Grady behindert hatte und dafür in der Tageswertung ans Ende des Feldes gesetzt wurde.

Die Fernsehzuschauer in Deutschland wird dieser Kampf kaum interessieren. Da in diesem Jahr keine deutschen Sprinter um Etappensiege mitfahren, wird die Tour erst am Samstag beim Einzelzeitfahren wieder für hohe Einschaltquoten sorgen. Doch so viele Zuschauer wie beim abschließenden Zeitfahren vor zwei Jahren, als Jan Ullrich nur eine Minute hinter Lance Armstrong lag, werden es dieses Mal sicher nicht sein. Damals verfolgten mehr als neun Millionen Fans die Übertragung. In diesem Jahr waren sechs Millionen Zuschauer dabei, als Jens Voigt für einen Tag das Gelbe Trikot eroberte, fünf Millionen sahen live die erste Etappe in den Alpen.

Das Zuschauerinteresse hängt eng mit dem Erfolg von Jan Ullrich zusammen. Die Etappen von Mittwoch bis Freitag werden vor allem Zuschauer ansehen, die sich auch außerhalb der Tour de France für Radsport interessieren. Für die anderen bleibt die Hoffnung, am Samstag noch eine gute Leistung von Jan Ullrich im neuen Duell gegen Basso zu bestaunen. Und am Sonntag den traditionellen Triumphzug des Tour-Siegers nach Paris.

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