Sport : Kampfansage im Tagebuch

Helen Ruwald

Am Sonntag, in aller Herrgottsfrüh, entschuldigte sich Scott McGrory bei seinen Fans. "Sorry, es ist 4.15 Uhr morgens, und wir starten heute schon um 12 Uhr mittags, deshalb schreibe ich nicht viel ... Gute Nacht!" Der Olympiasieger von Sydney im Zweiermannschaftsfahren führt auf seiner Homepage ( www.scottmcgrory.com ) Tagebuch über das Berliner Sechstagerennen. Auch nach der Goldenen Nacht, in der er bis morgens um halb drei im Sattel saß, setzte er sich noch an sein Laptop. Seine Anhänger in seiner Heimat Australien bekommen gute Nachrichten aus Berlin: Zusammen mit Matthew Gilmore liegt McGrory auch nach der gestrigen Kleinen Jagd weiter in Führung. Samstagnacht war das Duo an die Spitze gefahren - über den bevorstehenden Angriff wussten die Fans vor den gegnerischen Fahrern Bescheid: "Einige dürften sich, wie wir, bisher zurückgehalten haben. Vielleicht testen wir die Jungs morgen ein bisschen."

Im Velodrom bestreitet der 32-Jährige sein 41. Sechstagerennen, sechs Siege hat er eingefahren - fünf davon 2001. Im letzten Januar gewann er in Bremen, in dieser Wintersaison in Amsterdam, Mexico-Stadt, Gent und Zürich. In München wurde er Dritter, in Bremen und Stuttgart in den letzten zwei Wochen zweimal Zweiter hinter Risi/Betschart. Eine fast unglaubliche Erfolgsserie. Es rollt einfach seit einem Jahr, seitdem McGrory und Gilmore gemeinsam Rennen fahren. Nach McGrorys Weggang vom Team Gerolsteiner stehen nun beide beim italienischen Rennstall Mapei als Straßenfahrer unter Vertrag, beide kommen aus Down Under. Gilmore lebt in Belgien, hat die belgische Staatsbürgerschaft angenommen. Aber er tickt eben doch wie ein Australier. "Wir wollten schon lange zusammen fahren, aber Matthew hatte mit Etienne de Wilde einen festen Partner", sagt McGrory. Weil der 43-jährige de Wilde seine Karriere beendet, fanden die beiden doch noch zueinander.

Ihre Stärke? "Wir sind sehr relaxed", sagt McGrory." Diese Eigenart, sich nicht verrückt zu machen, ist zum einen typisch australisch. Zum anderen weiß McGrory, dass ein Sechstagesieg eigentlich völlig unwichtig ist. Im Sommer 2000 starb im Alter von nur drei Monaten sein Sohn Alexander an Herzproblemen. Zweieinhalb Monate später erkämpfte sich McGrory an der Seite von Brett Aitken Gold in Sydney. Für Gilmore, seinen jetzigen Partner, blieb nur Silber. Zehn Runden vor Schluss - der Sieg stand schon fest - begann McGrory beim Fahren zu weinen. "Einige Freudentränen waren dabei, aber die meisten Tränen waren wegen Alexander", schreibt er auf seiner Homepage.

McGrory und das Velodrom, in dem heute die Entscheidung fällt - das ist eine Geschichte für sich. Bei der WM 1999 in Berlin stürzte Aitken schwer. McGrory war plötzlich das Team, er musste die verbleibenden 50 Runden des Zweiermannschaftsfahrens allein hinter sich bringen, um die Qualifikation für Sydney zu schaffen. Im selben Jahr hatte sich McGrory mit Fieber durch die ersten Nächte des Sechstagerennens gequält, konnte es nicht beenden und fiel vier Wochen mit Herzproblemen aus. Vor zwei Jahren wurde er mit Robert Bartko Dritter, ehe ihn 2001 eine Lungeninfektion matt setzte. Wieder musste er aufgeben. "Bisher fühle ich mich gut", sagt McGrory lachend. Ein Sieg wäre mal wieder fällig, "schließlich haben wir dieses Jahr überhaupt noch nicht gewonnen".

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