Sport : Kampferprobt

Bundesweit sind 7000 Fußballfans bei der Polizei registriert – die meisten leben in Berlin

André Görke

Berlin - Vor vier Wochen mussten Herthas Amateure in der Regionalliga bei Fortuna Düsseldorf antreten. 0:0 hieß es am Ende, auf den Tribünen war nicht viel mehr los als auf dem Fußballplatz. Und doch hörte die Polizei an jenem Nachmittag von Dingen, die sie erst Tage später glauben wollte. Vor dem Spiel sollten sich 70 Männer zu einer Schlägerei fernab vom Stadion verabredet haben. „Ein klassisches Match auf der Wiese“, nennt das ein Berliner Polizist und fügt den kleinen Hinweis hinzu, dass nach Düsseldorf kein Hertha-Hooligan gereist ist, „sondern unsere Ost-Berliner Szene“. Und die hätte auf dem Weg ins Rheinland gleich noch befreundete Magdeburger Hooligans eingesammelt und sich schließlich mit den Düsseldorfern geprügelt. „Krank ist so etwas, einfach krank“, sagt dazu ein kundiger Polizist.

Dabei ist es seit Jahren eher ruhig geworden um die Berliner Hooliganszene. Seit 1997, auch begründet mit dem sportlichen Abstieg des BFC Dynamo, ist die Zahl der Fußball-Gewalttäter in der Stadt leicht gesunken. Seitdem hält sie sich „konstant bei 1000 Berlinern, die in unserer Kartei registriert sind “, sagt Iris Tappendorf, Chefin der „Ermittlungsgruppe Hooligan“ der Berliner Polizei (EGH). 23 Polizeibeamte und somit so viele wie in keiner anderen Stadt kümmern sich um Gewalttäter in den Stadien. 700 der registrierten Fußballfans werden im Polizei-Jargon als „gewaltbereit“ beschrieben und in der Kategorie B geführt. Die verbleibenden 300 Männer gehören zur Kategorie C, sie gelten als „Gewalt suchend“ und werden als Hooligans bezeichnet. Bundesweit sind in beiden Kategorien 7000 Fans registriert. Friedliche Fans gehören zur „Kategorie A“ und werden nicht namentlich gespeichert.

In keiner anderen Stadt leben damit mehr gewaltbereite Fußballanhänger als in Berlin. Vor allem die Szenen im Ostteil und damit die des Oberligisten BFC Dynamo und die des Regionalligisten 1. FC Union gelten als „gefährlich“ und „straff organisiert“, sagen Berliner Polizisten. Zwar sind die beiden Klubs traditionell verfeindet, doch in der Vergangenheit kam es immer häufiger vor, dass sich beide bei Schlägereien verbündeten. Unter Hooligangruppen sind solche „Allianzen“ üblich, das haben auch die Ausschreitungen in Slowenien gezeigt. Dort hatten sich Dortmunder und Kölner zunächst gestritten und anschließend gemeinsam die Polizei attackiert.

Nach Celje sind zwar auch 50 Berliner gereist, ob diese allerdings in Ausschreitungen verwickelt gewesen sind, kann die Polizei nicht sagen. Viele Berliner Hooligans kennen sich aus dem Berufsleben: Manche arbeiten als Türsteher, andere für private Sicherheitsdienste. Und wenn die Polizei von „kampferprobten Hooligans“ spricht, meint sie damit, dass ein Teil der Szene in einem stadtbekannten Boxklub vereint ist. Ins Stadion gehen längst nicht mehr alle.

Auch deshalb kam es in den vergangenen Monaten bei Oberliga-Spielen des BFC Dynamo selten zu Randale. Von der alten, einst aus dem Süden Berlins stammenden Hooliganszene von Hertha BSC ist seit dem Bundesligaaufstieg vor acht Jahren noch weniger zu hören. Sie soll jedoch noch immer in engem Kontakt zu Hooligangruppen aus Bremen und Karlsruhe stehen, sagen Insider. Iris Tappendorf, die Leiterin der Ermittlungsgruppe, sieht bei Spielen im Berliner Olympiastadion mittlerweile „ein relativ großes Potenzial an Nachwuchs-Hooligans“. Diese müsse man vermehrt beobachten.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat die Berliner Polizei einen Stab gegründet, der sich um Taschendiebstahl und Ticketfälschungen kümmert. Er soll auch die Hooligans eindämmen. Entscheidend ist für die Polizei vor allem der 9. Dezember 2005, wenn in Leipzig die WM-Gruppen ausgelost werden. Erst dann steht fest, mit welchen Fans die Berliner Polizei rechnen muss. Zumindest eines sei im Vorfeld klar, sagt Tappendorf: „Hier lebt eine der relevantesten Fußballszenen in Europa. Wir werden sehr sensibel sein müssen.“

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