Kampfrichter : Mit dem Auge für die Tausendstelsekunde

Der Friedrichshainer Kampfrichter Peter Schütze entscheidet, wenn es knapp wird bei Zieleinläufen.

Eva Kalwa
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Auf Linie. Kampfrichter Peter Schütze am Zieleinlauf im Olympiastadion. Foto: Rückeis

Wer bestimmt, wer der schnellste Mensch der Welt ist und wie schnell genau er läuft? Der Athlet mit seiner Leistung natürlich. Doch es gibt noch einen zweiten Mann hinter dem offiziellen Weltrekord von Usain Bolt. Er heißt Peter Schütze, kommt aus Friedrichshain und ist 45 Jahre alt. Wenn er am vergangenen Sonntag einen berechtigten Grund dafür gesehen hätte, wäre der Jamaikaner bei seinem fulminanten Sieg über 100 Meter nicht mit einem neuen Weltrekord über 9,58 Sekunden, sondern über 9,57 oder 9,59 Sekunden ins Ziel gelaufen: Schütze ist Zielbildauswerter, und was sich angesichts vollelektronischer Zeitmessung unspektakulär anhört, ist in Wirklichkeit eine der wichtigsten Aufgaben bei der WM.

Im Hochleistungssport der Sprinter geht es um Tausendstel von Sekunden, für Schützes Arbeit bedeutet das: Um Millimeter. Er entscheidet, in welcher Reihenfolge die Athleten einlaufen und vor allem auch, in welcher Zeit. Denn die durch die Lichtschranken im Zieleinlauf ermittelte Zehntel- und Hundertstelsekundenzahl gibt nur die vorläufige Zeit des Rennens wieder. Offiziell wird sie erst, wenn Schütze auf dem Foto in der Zielauswertungs-Software den Cursor so gesetzt hat, dass dieser den exakten Moment markiert, in dem ein Athlet die Ziellinie überläuft. Und das ist eben Millimeterarbeit bei stets voller Konzentration.

„Ich berücksichtige nur den Oberkörper von den Hüften bis unterhalb der Schulter bei meiner Entscheidung. Kopf, Beine oder Füße zählen nicht“, sagt Schütze. Das hört sich leichter an, als es ist. Denn wenn zum Beispiel die Schulter als Erste das Ziel passiert, muss er sich den Rumpf des Sportlers so verlängert denken, als würde er die Ziellinie berühren. Und dieser gedachte Berührungspunkt bestimmt dann auch die endgültige Zeit des Rennens, nicht die Lichtschrankenmessung. „Daher kommen die minimalen Korrekturen zwischen vorläufiger und offizieller Zeit, die das Publikum manchmal nach dem Rennen verfolgen kann“, so Schütze.

Verschiedene Kameraperspektiven erleichtern seine Arbeit bei sehr knappen Entscheidungen. Über 25 Laufwettkämpfe von den Vorläufen bis zum Finale wertet er bei der WM aus, und auch heute bei den Endläufen der Frauen über 400 Meter Hürden und der Männer über 200 Meter ist er dabei. Hunderte von Wettkämpfen hat Schütze seit 1990 in Berlin als Zielbildauswerter und Zeitmesser begleitet, früher noch mit der Stoppuhr in der Hand. Kampfrichter ist er seit 1978, und wie alle Helfer hat er klein angefangen: „Erst durfte man vielleicht nur die Sandgrube harken oder die Hochsprunglatte auflegen, später schon mal die Schiedsrichterfahne halten“, erinnert er sich. Trotz seiner langen Wettkampferfahrung ist die WM auch für Schütze etwas Besonderes: „Es ist fantastisch, hautnah dabei zu sein – besonders so direkt vor der Haustür!“ Eva Kalwa

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