Sport : Kampfschach in Sofia

Martin Breutigam

Sofia - Seit fast 20 Jahren nimmt Viswanathan Anand klaglos eine Verwechslung hin: Als der Großmeister erstmals mit seiner Schachkunst von sich reden machte, blieb außerhalb Indiens unbemerkt, dass Viswanathan sein Familienname ist, nicht sein Vorname. Seitdem spricht ihn jeder mit Mister Anand an. Das macht ihm nichts aus. In einem anderen Fall möchte er seinen Namen allerdings bald an erster Stelle genannt sehen: in der Weltrangliste.

Anand ist Zweiter und hat im Moment, zumal er auf seine nächste WM-Chance noch mehr als ein Jahr warten muss, kein höheres Ziel, als die bisherige Nummer eins zu verdrängen, Weltmeister Wesselin Topalow. Wie motiviert er ist, zeigte sich zum Auftakt des M-Tel-Turniers in Sofia: Obwohl Anand mit den schwarzen Steinen eröffnete, fertigte er Etienne Bacrot und Wesselin Topalow in den ersten Runden ab. Besonders der Sieg gegen Topalow war ein Meisterstück; Anands Figuren harmonierten eine Nuance besser als die gegnerischen, dennoch kam die krönende Kombination selbst für Topalow überraschend (siehe Analyse). „Springer g5 habe ich völlig übersehen, danach bin ich zusammengebrochen“, gestand der Bulgare. „Vor dieser Partie war unsere Bilanz ausgeglichen, nun bin ich einen Punkt vorn“, sagte Anand.

Von einer Vorentscheidung wollte er nicht sprechen. „Dafür stehen noch zu viele Kämpfe bevor.“ Wie im Vorjahr ist den sechs Großmeistern in Sofia das Remisanbieten untersagt – um ihren Kampfgeist zu fördern. Anands Freude hielt tatsächlich nur eine Nacht. Am Samstag gegen Gata Kamsky behandelte er ein ausgeglichenes Turmendspiel derart oberflächlich, dass er dem gewohnt zäh und präzise arbeitenden US-Amerikaner unterlag. Kamsky ist anscheinend sein Angstgegner geworden, die letzten drei Partien hat Anand verloren.

Die erste dieser Serie liegt aber schon zehn Jahre zurück, denn Kamsky hatte lange keinen Turniersaal betreten. 1996 musste er als WM-Zweiter seine Karriere im Alter von 22 Jahren beenden; sein strenger Vater wollte den stets schweigenden Sohn und Top-Ten-Schachspieler zu einem Top-Ten-Hirnchirurgen ausbilden lassen. Das Medizinstudium, das der Spitzenspieler dann begann, war aber offenbar nicht das Wahre. Allmählich gelang es Kamsky, sich vom Einfluss des Vaters zu befreien.

Mittlerweile ist er selber Vater, hat ein Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen und vor anderthalb Jahren ein Comeback gestartet. Seine ersten Auftritte offenbarten neben alten Stärken wie Kampfkraft und Verteidigungskunst auch eröffnungstheoretische Schwächen. In Sofia wirkt sein Spiel erheblich stabiler. Der erneute Erfolg über Anand brachte Kamsky nach drei von zehn Runden die Tabellenführung, mit 2,5 Punkten, vor Anand und Peter Swidler (je 2). Topalow hat erst einen Zähler, sich selbst aber noch nicht abgeschrieben: „Anderthalb Punkte Rückstand sind eine Menge, aber nicht zu viel.“ Im vergangenen Jahr war er nach dem ersten Durchgang Letzter – und am Ende Turniersieger.

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