Sport : Kampfschach mit Niveau

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Von Martin Breutigam

Wie im Kino saßen Wladimir Kramnik und Nahed Ojjeh in Reihe zwei des Goldsaales. Hin und wieder erklärte der Schachweltmeister der Multimillionärin flüsternd, was sich vor ihnen auf der Leinwand abspielte. Dort wurden die Züge der dritten Partie des Kandidatenfinales zwischen Peter Leko und Weselin Topalow gezeigt. Die ersten beiden Partien hatte Leko gewonnen. Um Herausforderer von Weltmeister Kramnik zu werden, fehlte ihm nur noch ein halber Punkt, nur ein Remis. Das sollte für Leko, so schien es, eigentlich kein großes Problem sein. Schließlich hatte der 22-jährige Ungar, der zu den Top-Ten-Spielern der Welt zählt, seinen Konkurrenten in den Dortmunder Westfalenhallen zwei Wochen lang eindeutig dominiert.

Nach dreieinhalb Stunden Spielzeit, da war die Partie noch nicht beendet, machte sich Weltmeister Kramnik schließlich auf zu seinem Auftritt im ZDF-Sportstudio. Vorher schätzte er noch: „Leko steht vielleicht einen Tick besser, aber das hat nicht viel zu bedeuten, es wird ein langer Kampf.“ Und damit sollte er Recht behalten. Denn während seiner Abwesenheit unterliefen Leko einige Flüchtigkeitsfehler. Die führten dazu, dass er sich nach sechs Stunden Spielzeit und 61 Zügen zunächst geschlagen geben musste.

Allerdings konnte Leko im Stechen am Sonntagabend dann – abermals in sechs Stunden und 61 Zügen – Topalow standhalten und sich endlich das zum 2:5, 1:5-Matchsieg fehlende Remis sichern.

Leko ist nunmehr offizieller Herausforderer von Kramnik, dem Weltmeister des Schachverbandes „Einstein“. Kramnik hat in den vergangenen sieben Jahren selber sechsmal in Dortmund gewonnen. Diesmal war er nur deshalb Zuschauer geblieben, weil die 30. Auflage als Kandidatenturnier diente – als Turnier hoher Güte übrigens: Seit den Halbfinals war nur eine von zehn Partien remis geendet. „Kampfschach auf hohem Niveau“, sagte Kramnik. „Es ist unglaublich, wie er hier gespielt hat, so etwas hätte nicht einmal Garri Kasparow hinbekommen.“

Als Sieger von Dortmund erhält Leko einen Scheck über 100 000 Euro. Höhere Preise werden die Kandidaten beim Einstein-Wettkampf gegen Weltmeister Kramnik gewinnen können, der für das Frühjahr 2003 geplant ist, sowie beim gemeinsamen Wettkampf mit dem Titelträger des konkurrierenden Weltschachbundes Fide.

Alle Preisgelder werden dabei aus dem Vermögen einer Frau stammen: Nahed Ojjeh, Witwe des 1991 verstorbenen saudischen Milliardärs Akram Ojjeh. Die 41-Jährige, international bislang nur vom Hörensagen bekannt, war einen Tag vor der Siegerehrung nach Dortmund gekommen, schlicht gekleidet in ein Spaghettiträgerkleid. „Mein Interesse am Schach ist noch ziemlich jung“, sagte Ojjeh. „Ich habe mittlerweile viele berühmte Meister kennen gelernt und fühle mich in der Gemeinschaft gut aufgenommen“ – was man ihr bei der Pressekonferenz auch ansah, als sie Kramnik immer wieder mal vergnügt ins Ohr flüsterte.

Angesichts des anhaltenden Mangels an Sponsoren im Profischach erscheint die Multimillionärin wie eine Heilsbringerin. Und sie selbst möchte diese neue Gesellschaft offenbar auch nicht missen. „Jetzt unterstütze ich erst einmal die Wiedervereinigung der beiden Schachverbände“, kündigte sie an.

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