Kampfspektakel : Ultimate Fighting: Prügelnder Albtraum

Heute kommt das Kampfspektakel Ultimate Fighting nach Deutschland. Verboten wurde es nicht, aber verurteilt.

Mathias Klappenbach

Berlin - Es ist ein Albtraum, dessen Bilder man irgendwo abgespeichert hat und jederzeit wieder aufrufen kann. Im Jahr 2007 hat eine Überwachungskamera in München aufgenommen, wie ein wehrloser älterer Mann von zwei jüngeren brutal zusammengeschlagen wird. Das Opfer liegt auf dem Boden und kann sich nicht wehren, die Täter lassen trotzdem nicht von ihm ab. Das machte Angst, der Fall hat großes Aufsehen erregt. Jetzt gibt es ähnliche Aufregung, weil am Samstagabend in einer großen Arena in Köln Männer in einem achteckigen mannshohen Käfig auf dem Boden liegen werden, während andere Männer wieder und wieder auf sie einschlagen. Vor mehr als 10 000 Zuschauern und vielen Fernsehkameras. Das Spektakel Ultimate Fighting kommt aus den USA nach Deutschland, und es scheint, als habe uns damit das Böse erreicht. Das Böse aus der U-Bahn.

Der erste und wohl wichtigste Unterschied zu den U-Bahn-Bildern ist, dass alle freiwillig mitmachen. Die Fighter haben für ihre Kämpfe trainiert, sie haben sich vielleicht eine ausgefeilte Taktik für ihren Gegner zurechtgelegt, sie wollen den Wettkampf, der hier eine sehr harte körperliche Auseinandersetzung ist, gewinnen. Ultimate Fighting Championship (UFC) ist der Name der Kampfserie, das, was die Kämpfer machen, ist schon länger unter dem Namen Mixed Martial Arts (MMA), gemischte Kampfkünste, bekannt. Die beiden Kämpfer treffen in einem Oktagon genannten Käfig aufeinander, dessen stabiler Zaun Stürze aus dem Ring verhindern soll. Dem Zuschauer verschafft der Käfig Distanz, um eventuelle Abscheu oder Mitleid beiseitelegen zu können. Die Fighter dürfen Techniken aus dem Boxen, Judo, Ringen, Jiujitsu und Taekwondo anwenden. Es wird gleichzeitig geboxt, gerungen und getreten. Der Kampf ist vorzeitig zu Ende, wenn einer der Fighter „abklopft“, also aufgibt oder wenn der Ringrichter abbricht.

Endlich abbricht, denkt, wer zum ersten Mal einen solchen Kampf sieht und nicht versteht, wieso ein Fighter auf dem anderen hockt und ihm immer wieder ins blutende Gesicht schlagen darf, bis endlich jemand etwas unternimmt. Die Fighter sagen, dass man auch in dieser unteren Lage noch viele taktische Möglichkeiten hat, für sie ist es eine ganz normale Kampfposition in ihrem Sport.

Sport. Ultimate Fighting ist die Reinform der körperlichen Auseinandersetzung zweier Männer. Es ist das Archaische, während sich in der Welt außerhalb des Käfigs immer mehr Gewissheiten verflüchtigen. Auch deshalb kommen die Zuschauer. Die Frage ist nicht zu beantworten, ob der Erfolg von Ultimate Fighting die logische Folge von gesellschaftlichen Veränderungen ist, die bereits stattgefunden haben, drastischer Ausdruck der aktuellen Situation oder doch Vorbote dessen, was noch in Zukunft passieren wird. Sicher von allem etwas.

Wenn die Kritiker die Bodenkampfszenen – die nicht in jedem Kampf vorkommen – sehen, denken sie an noch Schlimmeres als die U-Bahn-Bilder. Sie denken an hemmungslose Gewalt auf dem Schulhof, an Amok laufende Jugendliche und daran, dass diese ganzen schrecklichen Computerspiele und Filme einen Weg gefunden haben, Realität zu werden. Realität, die man nicht mehr aufhalten kann.

„Hier findet eine Verherrlichung von Gewalt statt“, sagt Nordrhein-Westfalens Jugendminister Armin Laschet (CDU). Es herrsche das Gesetz des Stärkeren, der sich nicht in fairer Auseinandersetzung, sondern mit Gewalt durchsetze und dabei auch Verletzungen des Gegners billigend in Kauf nehme. Die Juristen des Landes NRW und der Stadt Köln konnten aber keine Störung der Sicherheit und Ordnung feststellen und erlaubten die Veranstaltung. Jugendliche unter 18 Jahren haben keinen Zutritt. Wegen Nachahmungsgefahr.

Diese punktuelle Debatte ist natürlich eine symbolische. Davon, dass die Veranstaltung später auch im Fernsehen (23 Uhr, DSF) gezeigt wird, redet niemand. Auch nicht davon, dass andere Kampfsportarten wie etwa K1, bei der man den Gegner auch mit einem Tritt vor den Kopf ausschaltet, seit Jahren gezeigt werden.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) forderte ein Verbot der Kölner Veranstaltung. „Aggression ohne gesellschaftliche Fesseln und der Verzicht auf menschliche Tabugrenzen“ lässt sie „den Atem anhalten“. Brutalität würde in die Nähe tolerabler Verhaltensnormen gerückt, Ultimate Fighting suggeriere, dass für unsere Gesellschaft „nötige Regeln (fast) verzichtbar“ seien. Die DGPPN weiß aber auch, dass „die Faszination solcher Veranstaltungen unbestreitbar ist und ein Urinstinkt in uns angesprochen wird“.

So wie beim Boxen.

Bei diesem akzeptierten olympischen Kampfsport gibt es die Konvention, dem Niedergeschlagenen – ganz fair und zivilisiert – etwas Zeit zu lassen sich aufzurappeln, um mit verminderter Reaktionsfähigkeit die nächsten schweren Kopftreffer kassieren zu dürfen. „Oft sind die Kämpfer danach für Minuten nicht mehr richtig Herr ihrer Sinne und zeigen unkoordinierte Bewegungen. Dennoch geht der Kampf direkt weiter – ohne eingehende medizinische Untersuchung“, sagt der erfahrene Ringarzt Karl-Heinz Moser, der früher selbst geboxt hat und für MMA-Kämpfe eintritt. „Kassiert der angeschlagene Boxer in dieser ’vulnerablen Periode’ gleich den nächsten Schlag, so ist dies für das Gehirn unvergleichlich gefährlicher.“

Bei professionellen Boxkämpfen betrage die Gehirnerschütterungsrate 11,5 Prozent, nach einer Studie der John-Hopkins-Universität in Baltimore liegt sie bei MMA-Kämpfen bei 3,3 Prozent. Das liegt daran, dass hinter einem Schlag, den man – wie bei den schlimmen Bildern des Ultimate Fighting – im Sitzen und ohne schwere Handschuhe ausführt, sehr viel weniger Wucht steckt als hinter einem, in den man sein ganzes Körpergewicht und die schweren Boxhandschuhe legt. Die DGPPN spricht hingegen davon, dass Ultimate Fighting mehr Verletzungen aufweise als das klassische Boxen.

Die Serie UFC gibt es in den USA seit den Neunzigerjahren. Anfangs gab es so gut wie keine Kampfregeln, die Folge war ein Verbot in vielen Staaten. 2001 kauften zwei Casinobetreiber und ein Boxpromoter die Serie für zwei Millionen Dollar. Sie führten Gewichtsklassen und Ringrichter ein, Dopingtests, Computertomografien vor den Kämpfen – und vor allem Regeln. Die Kämpfe gehen über drei bis fünf Runden von jeweils fünf Minuten. Verboten sind 31 Aktionen, darunter „Fingerstiche in Körperöffnungen“, „abwärts gerichtete Schläge mit der Spitze des Ellbogens“ und „Schläge auf den Hals sowie direktes Abwürgen der Luftröhre“.

In den USA ist UFC inzwischen beliebter als Boxen, der Umsatz lag 2008 bei 250 Millionen Dollar. Bei den 98 bisherigen Veranstaltungen der UFC-Serie ist kein Kämpfer totgeschlagen, keiner halb totgeschlagen und keiner verkrüppelt worden, es kam zu keinen schwerwiegenden Verletzungen. Der Vergleich ist keiner, weil es mehr Boxer als MMA-Kämpfer gibt, aber: Seit 1990 sind inklusive Trainingsunfällen 190 Boxer gestorben und drei MMA-Kämpfer.

Es kostet große Überwindung, sich den Kampf des MMA-Kämpfers Douglas Dedge aus dem Jahr 1998 mit dem Wissen anzusehen, dass er die Folgen der Schläge nicht überlebt hat. Dedge war vorgeschädigt und hatte weder in den USA noch Japan eine Kampflizenz, er starb in der Ukraine. Die UFC weiß, dass ihr so etwas nicht passieren darf. Ihre Geschäftsgrundlage ist der Kitzel beim Zuschauer, dass etwas passieren könnte, es dann aber nicht wirklich tut.

Der Zuschauer erlebt den Kampf ja beim bloßen Betrachten mit, so wie die Bilder aus der U-Bahn. Ein Schlag in das Gesicht eines Kämpfers ist auch einer in das eigene, der Körper des Zuschauers zuckt unwillkürlich zusammen und schüttet Adrenalin aus. Das ist der Reiz. Wir sind auf einer Zivilisationsstufe, auf der nur die wenigsten danach mit einem guten Gefühl nach Hause gehen oder den Fernseher ausschalten würden, wenn es tatsächlich Tote gegeben hat. Das ist der Unterschied zu den Barbaren. Aber die Angst vor dem Rückfall bleibt.

Die Bilder waren jedenfalls schon vor Ultimate Fighting da. Das Böse ist unter uns. Es ist nicht in diesem Käfig.

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