Kampfsport : Gemischtes Gewühle

Schläge, Tritte, Würfe: Die Kampfsportart "Mixed Martial Arts" gilt als härteste der Welt – als brutal und regellos. Alles Vorurteile, sagen die Kämpfer. Spätestens ab heute kann sich jeder in Deutschland sein eigenes Bild davon machen.

Knud Kohr

BerlinMitten im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Schöneberg schauen 150 Menschen dabei zu, wie ein Mann auf dem Boden liegt und zusammengeschlagen wird. Der Gegner hockt ihm auf der Brust. Mit Knien und linker Hand blockiert er die Arme des Liegenden. Die rechte, mit einem dünnen Handschuh umhüllte Faust schlägt immer wieder zu. Auf die Schulter. Auf die Brust. Ins Gesicht. Mindestens zehn Mal. "Ruhig bleiben!", ruft ein Mann dem Geprügelten zu. "Mit rechts auf links greifen!"

Die Zuschauer haben Eintritt bezahlt, sie befinden sich bei einer ganz legalen Nachmittagsveranstaltung im "MMA Berlin", einer der größten Kampfsportschulen der Stadt. Der rufende Mann ist Trainer, und die beiden Kämpfer treiben gerade Sport. Ihre Disziplin heißt "Mixed Martial Arts" – MMA. MMA gilt als härtester Kampfsport der Welt, eine Mischung aus Boxen, Karate, Jiu Jitsu und anderen Kampftechniken. Es ist ein Sport der Hinterhöfe, doch das wird sich nun ändern.

Neben Faustschlägen sind auch Tritte, Würfe und Hebelgriffe gestattet. Auf dem Rücken zu liegen und ins Gesicht geschlagen zu werden, nennt man in der MMA- Fachsprache "Ground and Pound"-Position. Für Kritiker ist sie das Sinnbild für die Brutalität und Unmenschlichkeit dieser Sportart. Für die Athleten gehört sie zum normalen Kampfverlauf.

Bedanken für den schönen Kampf

Auch hier in Schöneberg. Denn plötzlich schafft es der Mann auf dem Rücken tatsächlich, den linken Arm seines Kontrahenten zu erfassen, wie sein Trainer es ihm zugerufen hat. Mit einer jähen Bewegung windet er ihn auf den Rücken seines Gegners und zwingt diesen so in die Bewegungsunfähigkeit, will er nicht einen gebrochenen Arm riskieren. Der eben noch wie der sichere Sieger aussehende Kämpfer klopft zum Zeichen der Aufgabe mit der freien Hand auf den Boden. Beide Männer stehen auf. Sie lachen. Dann klopfen sie sich auf den Rücken und danken einander für den schönen Kampf.

Seit knapp zehn Jahren boomt MMA rund um den Globus. 2006 setzte die Sportart im US-amerikanischen Pay-TV erstmals mehr Geld um als Boxen. Auch in Deutschland ist diese Form des Kampfes seit Jahren im Fernsehen zu sehen, auf Eurosport. Ab heute zieht nun auch der Sender DSF nach. 20 Mal im Jahr sollen dort Kämpfe gezeigt werden, und zwar jene einer besonders harten Variante der MMA. Der amerikanischen Variante.

Sie trägt den Titel UFC, "Ultimate Fighting Championship". Gemäß UFC- Regelwerk wird in einem achteckigen Ring gekämpft, der mit Drahtgeflecht umzäunt ist. "Cagefight" nennt sich das – Käfigkampf. Auch in Deutschland finden gelegentlich Käfigkämpfe statt. Aber bisher vorwiegend im Rahmen der theatralischen – und inszenierten – Wrestling-Kämpfe, die mit MMA nichts zu tun haben. "Was Ultimate Fighting so genial macht, ist die Tatsache, dass jeder sofort versteht, um was es geht: Zwei Typen verdreschen sich", sagte Frank Fertitta, der Besitzer der UFC, einmal in einem Interview.

Die Fähigkeit des Gegners mit Faustschlägen testen

Berlin-Schöneberg, der nächste Kampf. Einer der Kombattanten heißt Sven Holländer, er ist 30 Jahre alt, ein schmaler Mann von knapp über 70 Kilo, Medizinstudent. Vorher war er Physiotherapeut, gegenwärtig absolviert er sein praktisches Jahr im Klinikum Neukölln. Auf dem kurzen Weg zum Ring wirkt Holländer hochkonzentriert. Kein Blick für die Zuschauer.

Gleich nach dem Gong testet er die Fähigkeiten seines Gegners mit einigen Faustschlägen zum Gesicht. Mit einer Drehung versucht er, ihn zu Boden zu ziehen, setzt zu einem Tritt zum Kopf an. Mitten in der Bewegung zuckt er zusammen. Ein Geräusch wie ein Peitschenknall ist im ganzen Zuschauerraum zu hören. Holländer bricht zusammen, ohne Einwirkung des Gegners. Eine Sehne ist gerissen. Nach kurzer Untersuchung wird er auf einer Bahre abtransportiert.

"Menschlicher Hahnenkampf" war in vielen US-Staaten verboten

Die Geschichte der heutigen MMA begann in den frühen 1990er Jahren. Der US-amerikanische Regisseur John Milius und einige Mitstreiter aus Werbung und Kampfsport wollten eine jahrtausendealte Frage neu beantworten: Wer ist der beste aller Kämpfer? Sie luden Vertreter verschiedener Disziplinen – Karate zum Beispiel, Jiu Jitsu, Boxen, Kickboxen und Sumo – zum "War of the Worlds". Um die Veranstaltung besonders martialisch und für Investoren interessant zu machen, gab es nur zwei Verbote: Beißen und Stiche in die Augen. Beim ersten Kampfabend im November 1993 in Denver – den der Jiu-Jitsu-Kämpfer für sich entschied – flogen laut Augenzeugenberichten Blutstropfen und Zähne bis in die Zuschauerreihen. Senator John McCain, der später Gegenkandidat von Barack Obama werden sollte, sprach angeekelt von "menschlichem Hahnenkampf". In den meisten US-Bundesstaaten wurde MMA verboten.

Der amerikanische Verband UFC war also nahezu bedeutungslos, als er 2001 von den Brüdern Frank und Lorenzo Fertitta gekauft wurde, zwei Glücksspielunternehmern aus Las Vegas. Um die Kämpfe wieder profitabel zu machen, veränderten sie Regeln und die Außendarstellung des Sports. Sie legten Gewichtsklassen fest und verboten gefährliche Techniken wie das "Einführen von Fingern in Körperöffnungen". Zudem wurden Dopingkontrollen eingeführt. Doch gegen die Klischees der frühen Jahre half das nicht: MMA-Kämpfer seien vor allem dumm und brutal, ging die öffentliche Meinung. Von den derzeit 202 in der UFC organisierten Kämpfern haben 164 ein Studium oder zumindest eine Ausbildung absolviert.

"Ich bin aufgewachsen mit Bruce-Lee-Filmen"

Während die Kämpfe in Schöneberg weitergehen, taucht Sven Holländer plötzlich wieder am Ring auf. Humpelnd, mit einer Binde am rechten Knie setzt er sich vorsichtig etwas abseits. Bevor er ins Krankenhaus fährt, will er noch die letzten Kämpfe sehen. Wie hat er eigentlich zu seinem Sport gefunden? Holländer wiegt den Kopf mit den kurzen braunen Haaren. Eine Sekunde lang scheint er in sich selbst hineinzusehen, um die Gedanken zu ordnen.
"Ich bin aufgewachsen mit Bruce-Lee-Filmen", sagt er. "Die haben mich fasziniert, und so habe ich als Kind schon Jiu Jitsu gemacht."

In der Schule kam Kempo dazu, eine Karate-Art. Doch bald habe er gemerkt, dass ein Kämpfer in ihm steckte, der mit dem stark ritualisierten Kempo nicht zufriedenzustellen war. Holländer wollte sich mit anderen messen. "Ich habe dann angefangen, im Park am Thielplatz mit Freunden zu trainieren." Einer der Freunde war Wolf Menninger, heute Besitzer der Schöneberger Kampfschule. Wenn sie anderen Kämpfern im Park unterlagen, begannen sie deren Techniken zu lernen. Ringergriffe zum Beispiel oder die Angriffe der Kickboxer. Etwa um die Zeit, als Menninger vor wenigen Jahren das MMA Berlin eröffnete, stieg Holländer zum ersten Mal nicht zum Training, sondern zum Kampf in den Ring. Holländer verdient Geld beim Kämpfen, leben kann er von seinem Sport jedoch nicht. Niemand in Deutschland kann das. "Für einen meiner Kämpfe habe ich 50 Euro bekommen", sagt Holländer.

Kein Kontakt zu den Europäern

Wolf Menninger, der Kampfsportschulenbesitzer, murrt, als dieser Nachmittag zu Ende geht. Der 29-Jährige ist seit Kindertagen mit Sven Holländer befreundet. "Erst sagen mir kurzfristig zwei Kämpfer ab, dann passiert das mit Sven." Zu allem Überfluss musste heute auch noch seine Oma Katharina zu Hause bleiben, weil sie sich erkältet hat. Sie ist 88 Jahre alt, lässt es sich aber nicht nehmen, so oft es geht in der ersten Reihe zu sitzen und die Kämpfer anzufeuern.
Spricht man Menninger auf den UFC-Boom in den USA an und die Bemühungen, auch in Europa Fuß zu fassen, verzieht er sein Gesicht noch mehr. "Für Deutschland kommt die UFC zu früh", sagt er.

Im Juni wird es so weit sein, der erste UFC-Kampfabend in Deutschland. Vor womöglich großem Publikum in Köln, jedenfalls ist eine große Halle gemietet, die Lanxess-Arena. Als Menninger davon hörte, schrieb er an die UFC-Zentrale in Las Vegas, ob er mit Kontakten oder logistischer Unterstützung helfen könne. "Aber die haben mir nicht mal geantwortet." Es ärgert ihn, dass die Profis aus Übersee gar nicht erst den Versuch machen, mit den Europäern in Kontakt zu kommen.

Der Mann, dem es gelingt, die Profis nach Köln zu holen, heißt Marek Lieberberg. Er besitzt eine große Konzertagentur, verdient sein Geld mit Auftritten von Superstars wie Depeche Mode und Bruce Springsteen. Die UFC hat er im amerikanischen Fernsehen kennengelernt. Als er bei einem Kampfabend in Las Vegas die Fertitta-Brüder traf, beschloss er, sich auch für das Kampfspektakel zu engagieren. "Ich glaube, dass UFC die Menschen begeistern wird", sagt Lieberberg. Mixed Martial Arts sei einfach ehrlicher als das Box-Geschäft. "Dort weiß man doch bei 90 Prozent der Kämpfe schon vorher, wie sie ausgehen werden."

Klischee des Rechtsradikalen

Lieberberg ist sich jedoch auch darüber bewusst, dass die Amateurbasis hierzulande nicht unbedingt begeistert sein wird von der Invasion der Profis. "Wir legen jetzt erst mal das Augenmerk auf Köln. Dass für weitere Veranstaltungen ein Local Hero aufgebaut werden soll, versteht sich von selbst. Wir werden natürlich auch bei den Amateuren Ausschau halten."

Es gibt noch ein Problem: Deutsche Kritiker der MMA ergänzen das Klischee vom dummen Kämpfer oft mit dem Wort "rechtsradikal". Dass in den letzten Monaten bei MMA-Kampfabenden in Dresden und Chemnitz nationalsozialistische Symbole zu sehen waren, spricht dafür. Konfrontiert mit diesen Vorwürfen, ändert sich die Stimmung des jovialen Veranstalters sofort. Die Eltern des 1946 geborenen Lieberberg waren die Einzigen in ihrer Familie, die die Judenverfolgung der Nazis überlebten. Erst nach dem Krieg, aus verschiedenen KZs zurückkehrend, fanden sie in einem Lager der Alliierten für displaced people wieder zusammen. Dort wurde auch Marek Lieberberg geboren. Wenn mir jemand unterstellt, ich würde versuchen, die ultrarechte Szene zu mobilisieren, fühle ich mich persönlich diffamiert und beleidigt", sagt er. Schon vor Jahren organisierte Lieberberg Konzerte gegen rechtsradikale Gewalt.

Wut oder Hass bringen gar nichts

Der verletzte Sven Holländer humpelt mittlerweile an zwei Krücken durch seine Wohnung in Kreuzberg. Am Tag zuvor ist er operiert worden. Die Verletzung war schlimmer als gedacht: Das vordere Kreuzband und der Innenmeniskus sind gerissen. Ein Kunststoffband muss eingesetzt werden; für mindestens ein halbes Jahr wird er nicht trainieren können.

Mit einiger Mühe setzt sich Holländer auf einen Küchenstuhl. Direkt vor ein künstliches Skelett, das mit einer Mütze auf dem Schädel in der Ecke steht. Die Verletzung wirft ihn nicht völlig aus der Bahn. In nächster Zeit hätte er sich ohnehin stärker um seine Medizinerlaufbahn kümmern müssen. Nach dem praktischen Jahr will er Anästhesist oder Schmerztherapeut werden. Seine Situation betrachtet er so, wie er auch seine Gegner abschätzt. "Es geht darum, Akzeptanz zu üben. Man muss in der Lage sein, sich geistig auf anderes einzustellen." Wut oder Hass bringen gar nichts. Gefühle müssen kontrolliert werden.

Obwohl Sven Holländer nach dieser Verletzung nicht weiß, ob er jemals wieder in den Ring steigen kann, wird er den Kontakt zu seinem Sport nicht verlieren. Beim nächsten Kampftag in Neukölln wird er wieder dabei sein. Wenn auch nur als Zuschauer am Ring.

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