Kanada : Olympia rechnet sich nicht mehr

Die Olympischen Winterspiele stürzen Vancouver in eine Finanzkrise. Erst vorletztes Jahr hatte Kanada die Schulden für Montréal 1976 beglichen.

Lars von Törne

Sumi, Quatchi und Miga müssen betteln. Die drei Maskottchen der Olympischen Winterspiele 2010 stehen an einer Straßenecke der kanadischen Metropole Vancouver und sammeln Almosen, um das Olympische Dorf zu retten. „Geht arbeiten!“, grollt sie ein Passant an.

Mit diesem Cartoon reagierte der Zeichner der Zeitung „Vancouver Sun“ auf den Finanzskandal, der derzeit die Zwei-Millionen-Stadt an der Westküste belastet. Nachdem die Kosten für das von privaten Investoren vorfinanzierte Olympische Dorf auf einer Brache in der Innenstadt mit bislang umgerechnet rund 537 Millionen Euro Baukosten weit über das geplante Limit gestiegen waren, hatte die Finanzierungsgesellschaft Fortress im Herbst die Zahlungen eingestellt.

Daraufhin beschloss die Provinzregierung British Columbias am vergangenen Wochenende in einer Sondersitzung eine Finanzspritze von rund 273 Millionen Euro. Vancouver muss die Baukosten zahlen, sonst droht dem Prestigeprojekt in einem der begehrtesten Stadtviertel ein ruinöser Baustopp. Vergangene Woche trat der bei der Stadtverwaltung für das Olympische Dorf zuständige Abteilungsleiter zurück, ein paar Wochen zuvor hatte Vancouvers Bürgermeister bereits eine andere Olympiamanagerin gefeuert.

Dabei wollten sie doch diesmal alles anders machen. Wer im vergangenen Jahr die Olympiastätten für die im Februar 2010 in Vancouver und Umgebung stattfindenden Spiele besuchte, hörte von seinen offiziellen Gesprächspartnern immer wieder: Die Finanzierung ist sicher, es gibt keine Gefahr für den Steuerzahler, durch Partnerschaften des Staates mit privaten Firmen liegen die Risiken bei den Investoren, nicht beim Staat. So sollte es auch beim Olympischen Dorf mit 1100 Wohnungen direkt am Ufer des False-Creek-Flusses sein, in das in einem Jahr die Athleten einziehen sollen und das danach zum Teil in private Luxuswohnungen und zum Teil in ein städtisch gefördertes Wohnprojekt für Sozialhilfeempfänger umgewandelt werden soll.

So hatte es einer der Olympiabeauftragten der Stadt, Paul Henderson, im vergangenen Jahr bei einem Rundgang über die diversen Olympiabaustellen Vancouvers erklärt. Stolz hatte er hinzugefügt, dass Stadt und Land zwar für die gesamten Spiele eine dreistellige Millionensumme ausgeben, dass aber gerade das Olympische Dorf ein Projekt sei, bei dem der Staat nicht draufzahlt, sondern im Gegensatz noch einen Gewinn macht: Private Investoren, so die Rechnung, zahlen für das Projekt und können später drei Viertel der Wohnungen auf dem freien Markt anbieten; die Stadt erhält im Gegenzug ein Viertel der Wohnungen, um sie nach 2010 für wenig Geld an Bedürftige zu vermieten.  

Aus der Traum: Als die Finanzkrise bekannt wurde, musste Vancouvers neuer Bürgermeister Gregor Robertson kleinlaut gestehen, dass die Stadt gesetzlich dazu verpflichtet sei, die Hochhaussiedlung fertig zu bauen.

Das weckt nicht nur in Kanada ungute Erinnerungen an frühere Olympische Spiele, die in einem finanziellen Fiasko endeten. Die Baukosten für die Spiele von Montréal 1976 waren damals auf das Zehnfache der geplanten Summe geklettert. Die Schulden zahlte der kanadische Staat erst vorletztes Jahr ab. Wegen dieser Fehlplanung verballhornen viele Kanadier den Spitznamen des ovalen Montréaler Stadions von „The Big O“ als „The Big Owe“ – die große Verschuldung. Sieht so aus, als ob sich auch Vancouver auf anhaltenden Spott vorbereiten muss.

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