Kanu : Noch eine Rechnung offen

Mit 36 Jahren will der Kanute Andreas Dittmer in Peking seine vierte Goldmedaille holen. Doch die junge Konkurrenz macht ihm zu schaffen. Tagesspiegel- Redakteur Frank Bachner hat Dittmer beim Training im Bundesleistungszentrum Kienbaum getroffen.

Frank Bachner[Kienbaum]
Andreas Dittmer
Das Denkmal steht. Doch für Andreas Dittmer wird das Siegen schwerer.Foto: ddp

Der See liegt ganz ruhig, nicht eine Welle plätschert ans Ufer, nur die Vögel zwitschern. Es herrscht idyllische Ruhe in Kienbaum, im Bundesleistungszentrum in den Wäldern von Brandenburg. Zu dieser Atmosphäre passen keine aufgeregten Sätze, deshalb erzählt Andreas Dittmer bedächtig. Er erzählt von den schlimmsten und aufwühlendsten 24 Stunden, die er je erlebt hat als Sportler. Eine Geschichte zwischen Absturz und Auferstehung, zwischen Hölle und Himmel.

Der Absturz, das war der zweite Platz bei den Olympischen Spielen 2004. Andreas Dittmer, vier Jahre lang unbesiegt im Einer-Canadier über 1000 Meter, zog sich mit harten, kraftvollen Schlägen ins Ziel, er blieb weit unter der Weltrekordzeit. Aber er blieb auch hinter dem Spanier David Cal. Der paddelte wie im Rausch, er nahm Dittmer eine halbe Sekunde ab und holte den Olympiasieg, auf den der Deutsche doch programmiert war. Das hatten alles Experten gesagt, das hatte auch Dittmer sich eingeredet.

Der erlebte die nächsten Stunden wie in Trance, unfähig, mit den Flut von Gefühlen umzugehen, er funktionierte irgendwie. Aber am nächsten Tag zeigte er das Rennen seines Lebens, er gewann überraschend Gold über 500 Meter, diesmal nahm er Cal eine halbe Sekunde ab.

Die unglaublichen 24 Stunden von Athen gehören zur aktuellen Geschichte von Andreas Dittmer aus Neubrandenburg, dreimaliger Olympiasieger, achtmaliger Weltmeister. Er hätte längst aufhören können, spätestens bei der WM 2007, als er über 1000 Meter, seine Lieblingsstrecke, nur Vierter wurde. Da war er schon 35 und kämpfte gegen den schleichenden Verdacht, dass seine Zeit einfach abgelaufen sei. Dass sich da ein Denkmal allmählich selber demontiere.

Aber er hat noch diese eine Rechnung offen. Diese eine traumatische Niederlage von 2004. Er will dieses Olympiagold auf seiner Lieblingsstrecke. Er ist älter, die Konkurrenz ist größer und jünger geworden, er ist nicht mehr auf diesen Sieg programmiert. Aber das sind rationale Dinge, Faktoren, die bei seiner Mission nicht zählen. Es geht um das Gefühl, dass da noch etwas offen ist. Es geht um seine ganz persönliche Geschichte.

Aber die Umwelt nimmt ihn anders wahr, die Umwelt sieht ein Denkmal, das möglicherweise bröckelt. Dittmer hatte die Saison schlecht begonnen. „Die Wettkampfhärte fehlte mir noch“, sagt er. Bei der ersten nationalen Sichtung schwächten ihn schlechte Blutwerte, er paddelte nur mit, und danach hatte er „dreimal so viele Anrufe wie nach einem Sieg“. Alle fragten, was denn los sei. Drei Tage später hatte er Geburtstag, dann kamen die gleichen Fragen wieder, „da musste ich alles aufs Neue erzählen“.

Aber was er erzählte, glaubten viele nicht. „Ich bleibe ganz ruhig“, sagte er immer wieder, „ich habe meinen Fahrplan im Kopf, ich kenne ja meine Trainingswerte.“ Doch die Beobachter kannten im Verlauf der Saison auch die Wettkampfwerte von Sebastian Brendel, dem 20-jährigen Junioren-Weltmeister von 2005 aus Potsdam, der ganz massiv am Denkmal Dittmer rüttelte. Er war im Frühjahr Ranglisten-Erster, und das macht ihn selbstbewusst genug, um zu sagen: „Die Zeiten, in denen ich Andreas als Vorbild gesehen habe, sind vorbei.“ Aber die Zeiten, in denen er die gleiche Leistungskurve wie Dittmer hat, die liegen noch vor ihm. „Der Sebastian hat zum Saisonstart alles gegeben, der war da topfit“, sagt Kay Vesely, der Canadier-Bundestrainer. „Aber er kann dieses Niveau halt nicht die ganze Saison durchhalten.“ Dittmer mit seiner langen Erfahrung weiß, wie man zu den wichtigen Wettkämpfen in Form kommt. Beim Weltcup in Szeged sicherte er sich, spät, aber noch rechtzeitig genug, das Olympia-Ticket. Brendel fährt als Ersatzmann zu den Olympischen Spielen.

„Sebastian gehört die Zukunft“, sagt Dittmer. Das klingt generös, aber er nimmt den anderen als Rivalen schon so ernst, dass er gegen den Plan des Chef-Bundestrainers opponierte, mit Brendel das Zimmer zu teilen. „Das ist nicht gerade der Leistung förderlich, zwei Konkurrenten zusammenzulegen“, sagt Dittmer. Er hört im Herbst doch sowieso auf, nach den Olympischen Spielen. Da organisiert er dann eine Party für „alle, die mich unterstützt haben“ und konzentriert sich auf ein ganz anderes Projekt. Am 12. Oktober wird er vor Hawaii in einen Einbaum steigen und gegen andere Weltmeister und Olympiasieger 41 Meilen zu einer Insel paddeln. Ein Wettkampf der ganz besonderen Art.

Eine Spaß natürlich, aber für den Hochleistungssportler Dittmer hat der Spaß auch nach der Karriere seine Grenzen: „Da will ich natürlich gewinnen.“

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