Kanu-WM : Im Windschatten der Tour

Die Dopingskandale bei den Radprofis strahlen auf andere Sportarten aus. Auch bei der Kanu-WM lässt sich das Thema nicht ausklammern – trotz negativer Proben.

Frank Bachner[Duisburg]
Kanu
Die Kehrseite des Sports. Auch die Kanuten müssen sich bei der WM mit dem Thema Doping beschäftigen. -Foto: ddp

Manchmal hielt Fanny Fischer 45 Minuten durch, das registrierten die Leute im Bus schon als Erfolg. Meist signalisierte die Kanutin aber schon nach jeweils 30 Minuten: Anhalten, ich muss zur Toilette. Und weil das bis zum Schluss so ging, zog sich die Fahrt diverser deutscher Kanuten vom Bundesleistungszentrum in Kienbaum nach Duisburg, zur Kanu-WM, kräftig in die Länge. Dopingkontrolleure hatten Fanny Fischer unmittelbar vor der Abfahrt abgepasst, also musste sie trinken, trinken, trinken. Bis sie eine Urinprobe liefern konnte. Für die Kajak-Europameisterin von 2007 ist klar, wem sie das zu verdanken hat. Mit verkniffenem Gesicht platzt sie heraus: „Schönen Dank an die Radfahrer.“

Die Radprofis haben bei der Tour de France die Dopingdiskussion angeheizt. Jeder Test wird jetzt in irgendeinen Zusammenhang mit den Radprofis gebracht. Athleten wie Fanny Fischer sehen sich als Opfer einer Sippenhaft. Als würde sie erst wegen der Tour-Probleme so intensiv getestet. „Uns ist durch die Tour das Schlimmste passiert“, sagt Jens Kahl, der Sportdirektor des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV). „Wir stehen unter Generalverdacht.“

Heute beginnt die Kanu-WM in Duisburg. Sie könnte eine Chance sein. Sie könnte eine Randsportart aufwerten. Radsport gilt als dopingverseucht, das Fernsehen hat sich zurückgezogen, eine mediale Nische wird frei. Die Kanuten holen bei Olympia regelmäßig die meisten Medaillen für Deutschland, sie paddeln bei der WM im eigenen Land, noch dazu ein Jahr vor Olympia, ARD und ZDF übertragen die Finals am Samstag und Sonntag jeweils 90 Minuten live. Die deutschen Kanuten könnten sich als sportliches Erfolgsmodell präsentieren. Deutsche Sieger, deutsche Medaillen, gut aussehende, intelligente Sportler.

Stattdessen werden jetzt die Erfolge hinterfragt. Warum sind die Deutschen denn so gut? Dreimal Gold, neunmal Silber, zweimal Bronze bei der WM 2006 – wird da etwa nachgeholfen? „Die Ereignisse der Tour sind durchaus auch ein Fluch für uns“, sagt Kahl. In Potsdam wird Torsten Gutsche, der frühere Weltklassekanute und jetzige Funktionär beim KC Potsdam, von Arbeitskollegen gefragt: „Na, was nehmen deine Athleten?“ Und Fragen an Kahl drehen sich permanent um das Thema Doping.

Der Sportdirektor kämpft mit Zahlen und Drohgebärden um das Image seines Verbandes. 360 Dopingkontrollen hatte allein die Nationale Dopingagentur (Nada) 2006 bei den deutschen Kanuten vorgenommen: 137 im Wettkampf, 223 im Trainingslager. Ergebnis: keine einzige positive Probe. Vor der WM in Duisburg tauchten in Kienbaum allein in einer Woche dreimal die Dopingfahnder unangemeldet auf. Einmal testeten sie gleich 20 Athleten. Für Fanny Fischer war das „eine Razzia“. In Sevilla und Los Angeles, bei Trainingslagern im Frühjahr, wurden die Deutschen ebenfalls gleich gruppenweise getestet. Ergebnis: alle negativ. Der letzte dokumentierte Dopingfall der deutschen Kanuten war 2003. Robert Nuck, der Schlagmann des Vierer-Canadiers, hatte Cannabis geraucht.

Im DKV-Präsidium haben sie beschlossen, den Anti-Dopingkampf als Schwerpunkt in der Trainerausbildung zu verankern, Kinder und Jugendliche werden stärker als bisher ans Thema herangeführt, und die Athleten mussten unterschreiben, dass sie zusätzlich zu den üblichen Sanktionen harte Strafen akzeptieren, wenn man sie als Betrüger überführt. Wer positiv erwischt wird oder mit Dopingmitteln handelt, muss bis zu 10 000 Euro zahlen. Ganz sicher ist sich Kahl nicht, ob diese Geldstrafen juristisch wasserdicht sind. Ohnehin hat der Sportdirektor eine weiche Stelle in seiner Abwehrfront. Die Stelle heißt Detlef Hofmann. Der Kajak-Weltmeister von 1995 war 1991 mit einem extrem hohen Testosteronwert aufgefallen. Hofmann hatte viele tausend Mark ausgegeben, um die Probe als Messfehler zu belegen. Vergeblich. Er wurde für zwei Jahre gesperrt. Eine uralte Geschichte, aber jetzt wird sie wieder aktuell. 2003 wurde Hofmann, auch aufgrund „mangelnder Alternativen“ (Kahl), Bundestrainer. Hofmann beteuert unverändert seine Unschuld, trotzdem: Er gilt offiziell als Dopingsünder. „Er hat gebüßt, man sollte das Ganze abhaken“, sagt Kahl. Aber vor vier Wochen schrieb er einen Brief an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Thema: Hofmann. Der DOSB hat seine Richtlinien für die Olympianominierung von Trainern verschärft. Kahl möchte jetzt wissen, ob Hofmann eventuell nicht nach Peking, zu den Olympischen Spielen 2008, darf. Wenn nicht, muss er Hofmann als Bundestrainer ablösen.

Hofmann spürt, wie er von der Vergangenheit eingeholt wird. „Ich werde in Interviews immer wieder auf die Geschichte angesprochen“, sagt er. Die Stimmung ist aufgeheizt. Es gibt keine uralten Geschichten mehr beim Thema Doping. Dafür haben die Radprofis gesorgt.

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