Kanu-WM : Sebastian Brendel: Schlag für Schlag aus dem langen Schatten

Der Potsdamer Sebastian Brendel kann sich bei der Kanu-WM weiter von der Canadier-Legende Andreas Dittmer emanzipieren.

von
Demonstration der Stärke. Sebastian Brendel hat vor wenigen Wochen Gold bei der Kanu-Europameisterschaft gewonnen. Nun will er auch bei der WM eine Medaille. Foto: dpa
Demonstration der Stärke. Sebastian Brendel hat vor wenigen Wochen Gold bei der Kanu-Europameisterschaft gewonnen. Nun will er...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Sebastian Brendel hat nicht gemotzt, er ist ganz ruhig nach Posen gereist. Auf der malerischen Regattastrecke, nicht weit von Posens Zentrum entfernt, beginnt heute die Kanu-WM. Und Sebastian Brendel, der Hüne mit den mächtigen Oberarmen und den dunkelbraunen Locken, darf seinen Canadier 500 Meter und 1000 Meter weit bewegen. Anders gesagt: Er darf so fahren, wie er das möchte.

Anfang Juli bei der EM durfte er das nicht, weil Reiner Kießler das nicht wollte. Kießler entschied, dass Brendel nur über einen Kilometer, eine olympische Distanz, fahren wird. Und weil Kießler Chef-Bundestrainer ist, nützte es auch nichts, dass Brendel ziemlich deutlich wurde und sein Heimtrainer Ralph Welke in die Kritik einstimmte. Die 500 Meter sind nicht mehr olympisch, sie interessieren den Deutschen Kanu-Verband (DKV) nicht sonderlich, deshalb sollte Brendel Kraft für die WM sparen. Sagte Kießler. Dann gewann Brendel EM-Gold.

Bei der WM darf der 22-Jährige trotzdem beide Strecken fahren, weil er nichts kaputt machen kann. Die 500 Meter liegen nach den 1000 Metern. Mit 29 Athleten ist der Deutsche Kanu-Verband in Posen, er will so viele Medaillen gewinnen, dass er seine Spitzenposition in der Nationenwertung verteidigt. Für das Edelmetall über 1000 Meter im Canadier soll Brendel sorgen. 2009 hatte er über diese Distanz bei der WM Bronze gewonnen.

Dass Brendel überhaupt einen kleinen Aufstand inszenierte, das ist die eigentliche Nachricht. Sie zeigt, dass sein Stellenwert wächst. Sebastian Brendel vom KC Potsdam arbeitet sich aus dem langen Schatten des Andreas Dittmer. Der Neubrandenburger Dittmer ist eine Legende im Canadier, dreimaliger Olympiasieger. Er ist 2008 zurückgetreten, aber sein Mythos verblasst nicht so schnell.

Es wäre für Brendel einfacher gewesen, wenn er nicht ziemlich ungestüm gegen diesen Mythos gekämpft hätte, wenn er sich stattdessen langsam aus Dittmers Schatten rausgearbeitet hätte. Aber er hatte als Junior die Gegner in Grund und Boden gepaddelt, weil er höllisch schnell begann und darauf setzte, dass er erst einen Millimeter hinter dem Ziel zusammenbrechen würde. Oft hat er es geschafft.

Solche Spielchen wollte er sich dann auch bei Wettkämpfen gegen die Weltbesten leisten, doch die konterten und ließen ihn auf den letzten Metern einfach stehen. Auch Dittmer dosierte seine Kräfte in der Olympia-Qualifikation so, dass er zu den Olympischen Spielen fuhr – und nicht Brendel. Aber der junge Potsdamer lernte daraus. Und sein Mut beeindruckte große Rivalen auch. „Da haben mir welche gratuliert“, sagt Brendel. „Die hatten ja gedacht, es gibt nur Dittmer.“

Brendel hat einen Teil von Dittmers Renntaktik übernommen, das hilft ihm, seine Rolle zu finden. Beim KC Potsdam, da hat er sie schon. „Die Talente“, sagt Brendel grinsend, „betrachten mich als Vorbild.“ Aber wer viel fordert, steht auch unter Druck. „Jetzt habe ich meinen 500-Meter-Start“, sagt der 22-Jährige, „nun muss ich ihn auch durch Leistung bestätigen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben